Studie von Testbericht.de Programmatic Advertising begünstigt Verbreitung von Fake-Nachrichten

Freitag, 18. November 2016
Diese Fake-Anzeige arbeitet sogar mit dem ZDF-Logo
Diese Fake-Anzeige arbeitet sogar mit dem ZDF-Logo
Foto: Testbericht.de

Zuletzt wurde heiß diskutiert, ob Fake-Nachrichten auf Facebook zum Wahlsieg von Donald Trump beigetragen haben - so heiß, dass sogar Facebook-CEO Mark Zuckerberg zu diesem Thema Stellung nahm. Doch Facebook ist ganz offensichtlich nicht allein: Wie eine Untersuchung von Testbericht.de nun zeigt, haben deutsche Qualitätsmedien ein Problem mit Fake-Nachrichten in ihren Anzeigenbereichen. Eine große Rolle bei der Verbreitung spielt augenscheinlich programmatisch ausgespielte Werbung.
"Ehemaliger Arbeitsloser packt aus. Soziales Netzwerk schafft täglich viele neue Millionäre": Einen derartigen Artikel würde man im redaktionellen Angebot von Spiegel Online nie finden. In den auf der Website ausgelieferten Anzeigen findet man exakt diese einzig und allein auf Klicks ausgerichtete Schlagzeile allerdings sehr wohl. Und das kann nicht im Sinne der Hamburger und ihrer Leser sein. Dennoch sind derartige "Nachrichten", gefälschte Testimonials und Fake-Gewinnspiele offensichtlich an der Tagesordnung in den Anzeigenbereichen zahlreicher deutscher Medien - auch und gerade bei solchen, die eigentlich für höchste journalistische Qualität stehen. Zu diesem Ergebnis kommt eine Untersuchung von Testbericht.de: Das Portal hat 100 Nachrichtenseiten bzw. Websites mit Nachrichtenbereich auf Fake-News untersucht, sowohl am Desktop mit und ohne eingeschaltetem Adblocker als auch mobil. Dabei wurden die Websites mit der laut Statista größten Netto-Reichweite im Juli 2016 ausgewählt. Jede Seite wurde dabei 5 Minuten lang untersucht - also deutlich länger, als der durchschnittliche Leser auf einer Website unterwegs ist.

Das Ergebnis: Bei 72 von 100 überprüften Webseiten habe man Anzeigen für Fake-Nachrichtenseiten gefunden - darunter mit mimikama.at ironischerweise auch eine Website, die über Fakes im Internet aufklärt. Bei 28 Webseiten war im gegebenen Zeitrahmen keine solche Anzeige zu finden. Bei den 15 reichweitenstärksten deutschen Nachrichtenseiten habe man allein bei n24.de 
keine Anzeigen für Fake-Nachrichtenseiten gefunden. Die meisten Fakes gab es bei news.de, einer Website, die vom Geschäftsbereich Ventures der Internet-Holding Unister betrieben wird.
Beispiel für Fake-News im Anzeigenbereich von Spiegel Online
Beispiel für Fake-News im Anzeigenbereich von Spiegel Online (Bild: Testbericht.de)
Die Testbericht.de-Analyse hat auch untersucht, welche Werbenetzwerke die zweifelhaften Anzeigen ausgeliefert haben. Mit 27 bzw. 19 Fällen stehen Twiago und die Gruner + Jahr-Tochter Ligatus ganz oben in der Liste, aber auch Google Ads und Plista tauchen darin auf. Die so ausgelieferten Anzeigen führten auf eine Vielzahl von Domains bzw. Subdomains. "In einigen Fällen waren die relevanten Seiten nicht über die Hauptdomain zu erreichen, sondern nur über den direkten Link einer einzelnen Seite", heißt es in dem Bericht.

Laut Daniel Brückner von Testbericht.de habe man Stellungnahmen von den Werbenetzwerken und den Verantwortlichen der betroffenen Websites eingeholt. Nicht alle wollten sich äußern. Ligatus allerdings teilte unter anderem mit: "Um es noch einmal deutlich zu machen: Als technischer Dienstleister für Werbekunden liefert Ligatus monatlich mehrere Tausend Kampagnen über sein internationales Netzwerk aus. Seine Teams arbeiten kontinuierlich daran, Kampagnen zu unterbinden, die nicht den notwendigen Standards entsprechen. Aber: Ligatus ist grundsätzlich nicht für die Inhalte der Kampagne verantwortlich. Diese Verantwortung obliegt dem Werbekunden."
Facebook Headquarter 2015
Bild: Facebook

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Johannes Vogel, Digital-Geschäftsführer bei der "Süddeutschen Zeitung", nahm gegenüber Testbericht.de folgendermaßen Stellung: "Wir bzw. unser Vermarkter treiben einen nicht geringen Aufwand, solche Werbekunden, welche über entsprechende Netzwerke immer wieder versuchen, auch Anzeigen auf unserer Site zu schalten, rechtzeitig und schnell auf die Blacklist zu setzen um damit zu verhindern, dass eine Anzeigenschaltung gelingt. Dies ist jedoch ein Katz- und Mausspiel und lässt sich nicht immer zu 100 % vermeiden. So auch in diesem von Ihnen vorgelegten Fall, welchen wir noch versuchen, genau nachzuvollziehen."

Als eine wesentlich Ursache für die Fake-News-Problematik macht Testbericht.de den automatisierten Werbeverkauf aus: Dadurch und durch "die hohe Vernetzung der einzelnen Werbenetzwerke ist der Werbemarkt für die Verlage scheinbar unüberschaubar geworden. Dem Missbrauch ist damit Tür und Tor geöffnet." Begünstigt würde das Problem außerdem durch 
"Umsatzdruck, fehlende Kontrolle, fehlendem Kontrollwillen und Leugnung der Fake-Nachrichtenseiten durch Netzwerkbetreiber und ihre Spitzenmanager". 

Besonders erschreckend: Auch nach der ersten Analyse habe man bei Stichproben auch weiterhin Fake-Anzeigen entdeckt. Das Problem scheint offensichtlich nicht einfach in den Griff zu bekommen - selbst wenn der Wille vorhanden ist. ire
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