Studie des IfD Allensbach Zwei Drittel wollen nicht für Journalismus im Internet bezahlen

Montag, 06. November 2017
Renate Köcher (Foto: Allensbach)
Renate Köcher (Foto: Allensbach)
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Einem Drittel der Bevölkerung ist bewusst, dass Verlagen Geld entgeht, wenn Informationen kostenlos im Netz zu lesen sind. Mehr als die Hälfte findet, Journalismus sollte vor allem von den Nutzern finanziert werden. Soweit die Theorie. Zwei Drittel derer, die sich im Internet über Politik informieren, sind nämlich grundsätzlich nicht bereit zu zahlen. Das sind einige der Ergebnisse einer Untersuchung des Allensbacher Instituts für Demoskopie. Renate Köcher stellte sie am Montag beim Publishers' Summit in Berlin vor.

Renate Köchers Auftritte bei Medienkongressen haben Tradition. 2011 sagte sie den Verlagen einen War for Talents voraus. Sie zweifelte, ob "das Klima in den Verlagen noch so sei, dass sich geniale Blattmacher dort auch wohlfühlen". Später warnte sie die Verleger, ihr rigides Sparen könnte Qualität und Profil der Publikationen beschädigen. Sie riet, den Nutzern müsse die Erwartung abgewöhnt werden, Journalismus im Netz sei kostenlos zu haben. 

In den vergangenen Jahren sorgte sich die Demoskopin zunehmend um den Wissens- und Bildungsstand der Bevölkerung. Sich online zu informieren, sei flexibler, aber auch flüchtiger, wies sie nach. Papierloses Lesen mindere nicht nur die Erinnerungsfähigkeit, sondern verenge auch das Themenspektrum. Die Neigung, sich bedarfsgerecht zu informieren, senke das Allgemeinwissen. 

Vor wenigen Wochen schließlich, beim Kongress des Bundesverbands Deutscher Zeitungsverleger, sah sie sich bestätigt: Die informierte Gesellschaft sei eine Illusion. Tatsächlich profitiere nur ein Teil der Bevölkerung von der Fülle an verfügbaren Informationen. Davon abgespalten seien jene, die sich überfordert fühlten. Insbesondere bei der jungen Generation sei der Informationsstand kläglich. 

Am Montag nun stellte Renate Köcher eine weitere Untersuchung vor. Es ging um den immateriellen, aber auch materiellen Wert von Journalismus. Die Ergebnisse:  Dreiviertel der von ihr Befragten bezeichnet die Qualität der deutschen Medien als gut bis sehr gut. Das gelte vor allem für die überregionalen Tageszeitungen, gefolgt vom öffentlich-rechtlichen Fernsehen, Nachrichtenmagazinen und Fachzeitschriften. Die Online-Portale der klassischen Medien rangieren dahinter. Am schlechtesten schneiden soziale Netzwerke ab. 
Vor allem große Tageszeitungen werden mit Qualitätsjournalismus assoziiert
Vor allem große Tageszeitungen werden mit Qualitätsjournalismus assoziiert (Bild: IfD Allensbach)
Einem knappen Drittel der repräsentativ Befragten sei klar, dass den Verlagen durch das kostenlose Angebot von Nachrichten und Artikeln im Internet Geld fehlt, um damit guten Journalismus zu finanzieren. 48 Prozent finden das nicht. Unter den 16- bis 29-Jährigen sagen das sogar 56 Prozent. 
Die Mehrheit findet nicht, dass die Gratiskultur im Netz den Verklagen schadet
Die Mehrheit findet nicht, dass die Gratiskultur im Netz den Verklagen schadet (Bild: IfD Allensbach)
Gleichzeitig vertritt weit mehr als die Hälfte der Bevölkerung die Position, Journalismus sollte vor allem nutzerfinanziert sein. Die Hälfte plädiert für Werbeeinnahmen als bevorzugte Finanzierungsquelle. Mehr als ein Viertel sehen den Staat in der Pflicht. 
Eine Mehrheit findet, dass die Nutzer für guten Journalismus bezahlen sollten
Eine Mehrheit findet, dass die Nutzer für guten Journalismus bezahlen sollten (Bild: IfD Allensbach)
Weit her ist es mit der Zahlungsbereitschaft allerdings nicht. Lediglich ein Viertel derer, die sich im Internet über Politik informieren, ist bereit, für journalistische Angebote im Internet Geld auszugeben oder tut dies bereits. Zwei Drittel lehnen das grundsätzlich ab. 

Schließlich ergaben die Befragungen des Instituts, dass 59 Prozent der über 16-Jährigen und selbst 43 Prozent derer, die sich regelmäßig im Netz politisch informieren, nicht ahnen, welche Folgen Werbeblocker für die Betreiber von Webseiten haben.  Einer deutlich überwiegenden Mehrheit der Bevölkerung ist auch nicht bekannt, dass Verlage – Stichwort Leistungsschutzrecht – von Google kein Geld dafür bekommen, dass Textschnipsel aus ihren Artikeln in Suchergebnissen angezeigt werden. 

Die Untersuchung belegt die hohen Erwartungen an Journalismus bei gleichzeitig geringem Wissensstand, wie er sich finanziert und noch geringerem Bewusstsein, wie viel qualifizierter Journalismus auch in digitaler Form wert ist. Zwar wachse die Bereitschaft, dafür im Netz zu zahlen allmählich, sagte Köcher. Doch hätten sich die meisten an Gratisangebote gewöhnt. Das habe "das Gefühl für den Wert von qualifizierten Inhalten unterminiert". usi

 

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