Streit beim "Spiegel" Fluch und Chance

Dienstag, 27. August 2013
Im "Spiegel"-Haus an der Hamburger Ericusspitze geht es derzeit rund
Im "Spiegel"-Haus an der Hamburger Ericusspitze geht es derzeit rund


Der "Spiegel" gibt im Streit um die Blome-Personalie nach außen derzeit kein gutes Bild ab. Bei Branchenmedien und in der Publikumspresse wird der Knatsch bei Europas größtem Nachrichtenmagazin derzeit aufmerksam verfolgt. Was bedeutet dies für die Marke "Spiegel"? HORIZONT.NET hat sich bei Media- und Markenexperten umgehört.
An der Person Nikolaus Blomes scheiden sich beim "Spiegel" die Geister
An der Person Nikolaus Blomes scheiden sich beim "Spiegel" die Geister
Mit der Ernennung von "Bild"-Mann Nikolaus Blome zum stelvertretenden Chefredakteur und gleichzeitigem Leiter des "Spiegel"-Hauptstadtbüros sowohl für Print als auch für Online haben der designierte Chefredakteur Wolfgang Büchner und Verlagsgeschäftsführer Ove Saffe einen veritablen Streit mit den Beschäftigten heraufbeschworen. Gestern haben sich die "Spiegel"-Ressortleiter gegen Blome als stellvertretenden Chefredakteur ausgesprochen, morgen folgt eine Info-Veranstaltung der Mitarbeiter KG, die 50,5 Prozent am Verlag hält. In den kommenden Wochen soll sich dann eine außerordentliche Versammlung der stillen Gesellschafter mit der Angelegenheit beschäftigen.

In dem Streit um die Personalie manifestieren sich nicht nur Führungskrise und Kompetenzgerangel, sondern auch die Frage nach der zukünftigen Ausrichtung des Magazins. In den Reihen der Redakteure befürchten einige durch Blome offenbar eine Akzentverschiebung in der politischen Berichterstattung, "Spiegel"-Mitgesellschafter Jakob Augstein hingegen verteidigte die Berufung seines Talkshow-Genossen.

Steht letztendlich zu befürchten, dass die journalistische Kernmarke des "Spiegel"-Verlags unter dem Zoff leidet? Reibereien seien immer dann gut, wenn sie der Weiterentwicklung dienten, sagt Mediaplus-Geschäftsführer Andrea Malgara hierzu. Gleichwohl gebe es sicher elegantere Wege, die Streitigkeiten zu lösen. Negative Folgen für die Marke "Spiegel" befürchtet hingegen Andreas Schmitt, Managing Director bei der Mediaagentur Mindshare: "Der Verlag hätte genug Arbeit damit, sein Produkt wieder erfolgreich zu machen. Wenn man sich stattdessen um Posten, Funktionen und Ähnliches streitet, bringt das den Titel nicht voran."

Etwas anders sieht dies Alexander Schubert. Der CEO von The Brand Union in Hamburg wittert noch keine Gefährdung der Marke, vielmehr schätzt er die Causa Blome wie den Wechsel eines Fußballers von Borussia Dortmund zum Erzrivalen Schalke 04 ein, "sehr emotional". Jedoch sieht Schubert auch Chancen für das Magazin: "Die Personalien sind ja irgendwie polarisierend. Wenn sich dies auch auf den Content überträgt, kann der Spiegel sein Markenprofil durchaus schärfen, denn Polarisieren liegt ja in der DNA der Marke", so Schubert.

Die Auflagenentwicklung des "Spiegel" im Vergleich zu Wettbewerbern
Die Auflagenentwicklung des "Spiegel" im Vergleich zu Wettbewerbern
Konkret bedeutet dies, dass der "Spiegel" sich nun wieder auf sein Kerngeschäft konzentrieren muss: Den guten, ehrlichen Journalismus. "Die Wahrheit liegt auf dem Platz", bemüht Schubert hierfür erneut eine Fußball-Analogie. Sollte dies nicht gelingen, seien laut Schmitt möglicherweise sogar Konsequenzen für das Magazin als Anzeigenumfeld denkbar: "Der 'Spiegel' ist mehr denn je darauf angewiesen, sich immer wieder neu als Qualitätsmedium zu positionieren", so der Mediamanager. Dies gelinge anderen Medien wie der 'Zeit' deutlich besser. "Natürlich verspielt kein Medium seinen Kredit über Nacht, aber letztlich wird eine Erosion einsetzen, wenn es nicht schnell gelingt, die Probleme zu lösen." ire
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