Streaming-Plattform Wie Twitch in Deutschland wachsen will

Dienstag, 19. Dezember 2017
Burkhard Leimbrock ist Deutschland-Chef von Twitch
Burkhard Leimbrock ist Deutschland-Chef von Twitch
© Twitch / Raimar von Wienskowski
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Seit Mai 2017 ist Burkhard Leimbrock Deutschland-Chef des Streaming-Dienstes Twitch. Das 2014 für eine Milliarde Dollar von Amazon übernommene Unternehmen ist vor allem als Plattform für E-Sports-Übertragungen bekannt. Doch Twitch sei noch viel mehr, sagt der ehemalige Google-Manager, der auch die Verantwortung für weitere Märkte wie Skandinavien trägt. Im Interview mit HORIZONT Online skizziert Leimbrock, wie er das Unternehmen in Deutschland größer machen will und erläutert die Vermarktungsstrategie.
Twitch hat seit einigen Monaten ein Büro in Deutschland unter Ihrer Leitung. Was hat sich seither getan, was konnten Sie bewegen? Das Wichtigste ist für uns der Aufbau des Teams und neue Mitarbeiter einzustellen. Die richtigen Leute zu finden ist nicht so einfach, wie man denken sollte. Mit Sumi Chumpuree-Reyntjes, die wir von Spotify geholt haben, konnten wir eine sehr gute Verpflichtung machen, um das Deutschland-Geschäft voranzutreiben. Wir wollen in den nächsten Monaten auch noch weitere Mitarbeiter an beiden Standorten einstellen. Wie viele Mitarbeiter hat Twitch derzeit in Deutschland? Weltweit beschäftigt Twitch mittlerweile über 1000 Mitarbeiter. Mitarbeiterzahlen auf Länderebene geben wir nicht bekannt.

Dann vielleicht, wer bei Ihnen so arbeitet. In unseren Büros in Hamburg und Berlin arbeiten Ad Sales-Experten, Partnerships-Manager und Entwickler.

Vor welchen Herausforderungen stehen Sie hierzulande? Unser Ziel für 2018 ist es, die Bekanntheit von Twitch bei Marken und Mediaagenturen weiter zu steigern. Auf E-Sport- und Games-Events und in der jungen Nutzerschaft kennt jeder Twitch. Aber bei Media-Entscheidern sind wir in vielen Köpfen noch nicht präsent, obwohl wir eine sehr hohe Reichweite haben. Auch deswegen werden wir unser Engagement auf Events wie dmexco, Online Marketing Rockstars oder d:pulse verstärken. Auf der Gamescom und anderen Game-Events wie Dreamhack sind wir schon prominent vertreten.
Burkhard Leimbrock
© Twitch / Raimar von Wienskowski

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Stichwort Reichweite: Wie groß ist die denn? Wir setzen auf virales Wachstum und das funktioniert auch sehr gut. Eine Zahl dazu: Im Oktober hatten wir bei der Agof 3,3 Millionen Unique User. Auch bei der IVW sind wir gelistet. Eine Kenngröße, die für uns sehr wichtig ist, ist die Zahl der Unique Devices, also Geräte, auf denen Twitch geschaut wird. Hier lagen wir zuletzt bei über 6 Millionen. Hinzu kommen mehr als 2 Milliarden Zuschauerminuten in Deutschland pro Monat. Weltweit haben wir 15 Millionen Unique User am Tag. Twitch ist also alles andere als ein Nischenprodukt.

Dass der Oktober so gut lief, lag sicher auch an der ESL One in Hamburg. Das hat sicher ein wenig dazu beigetragen. Aber Einzelevents machen im Gesamttraffic viel weniger aus als man denkt. Wir haben kontinuierlichen Traffic, der sich auf eine Vielzahl von Streamern und auf viele verschiedene Kanäle verteilt. Twitch wird manchmal für eine reine Esport-Plattform gehalten, wir sind aber viel mehr.

Als was bezeichnen Sie Twitch dann? Wir sind ein Social Video Service. E-Sport ist ein Teil unseres Angebots, der sicherlich für Peaks sorgt. Aber im Grunde geht es bei uns um Shared Live Experiences.
„In diesem Jahr sind wir mit unserem Business sehr zufrieden, wir wollen aber natürlich weiter wachsen.“
Burkhard Leimbrock
Was bedeutet das? Wir sehen Twitch als Service, auf dem unsere Creator streamen, und andere schauen gern dabei zu und nutzen dabei den Chat zur Interaktion. Das sind in erster Linie Games. Wer ein guter Moderator ist, kann aber auch ganz andere Dinge bei uns groß machen. Zwei Beispiele: Bei uns gibt es den Bereich IRL “In Real Life”. Dort wird live aus dem normalen Leben berichtet. Dann haben wir eine Creative Kategorie, in der die Streamer sich etwa dabei zeigen, wie sie gerade ein Bild malen oder etwas basteln. In Asien ist Social Eating ein großer Trend. Dabei filmen sich Gruppen live beim Essen. All das sind Bereiche, die für Twitch interessant und relevant sind.

Und welche Bereiche sind für Werbungtreibende relevant? Das ganze Paket. Unsere Zielgruppe ist überwiegend jung und männlich. Genau diese Zielgruppe ist über andere Kanäle wie TV heutzutage nur noch schwer zu erreichen. Dass man bei uns in erster Linie Bewegtbild-Formate buchen kann, ist für die Werbungtreibenden ebenfalls ein wichtiger Punkt.

Mit welchen Argumenten sprechen Sie Werbungtreibende noch an? Wir schnüren zum Beispiel Pakete mit Marken und Influencern. Wir hatten zuletzt eine Kampagne mit Paramount Pictures für Star Trek Beyond. Auf dem Raumschiff Enterprise wird ja bekanntlich gebeamt. In unserer Kampagne wurden Influencer während der Moderation eines Livestreams aus ihrem Stuhl herausgebeamt und tauchten auf der Originalbrücke der Enterprise wieder auf. Das kam bei der Zielgruppe sehr gut an.
Twitch
© Old Spice/Screenshot Youtube

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Das klingt, als seien native Formate für Twitch besonders wichtig. Richtig, Bannervermarktung hat bei uns eine sehr geringe Bedeutung, wir bieten hierbei auch nur wenige Formate an. Wir sind der Überzeugung, dass sich die Zielgruppe damit nicht erreichen lässt. Wir setzen ganz stark auf Pre- und Mid-Rolls, deren Inhalten wir oft zusammen mit Marken und Influencern entwickeln. Wir haben darüber hinaus unser Surestream Format. Dabei werden Spots in einen Livestream eingebettet – und lassen sich damit auch von Adblockern nicht ausblenden. Marken wollen wieder Geschichten erzählen und dabei authentisch sein und emotionale Verbindungen schaffen – das können sie auf Twitch.

Wie wirkt sich das alles auf den Umsatz aus? Auch hier gilt: Konkrete Zahlen geben wir nicht bekannt. In diesem Jahr sind wir mit unserem Business sehr zufrieden, wir wollen aber natürlich weiter wachsen. Wir haben bereits viele große Marken im Portfolio, die sich regelmäßig für Twitch entscheiden – und es werden mehr.

Noch einmal zu den Herausforderungen: Wie sehen Sie die Problematik, dass die Landesmedienanstalten von Twitch-Stars gerne Rundfunklizenzen hätten? PietSmiet hatten ihren Kanal ja deswegen stillgelegt. Twitch ist sich der aktuellen Aktivitäten seitens der Landesmedienanstalten hinsichtlich unserer Partner-Kanäle bewusst. Wir arbeiten stets eng mit den zuständigen Aufsichtsbehörden zusammen und beteiligen uns ferner an einer konstruktiven Diskussion über die Anpassung des existierenden regulatorischen Rahmens, da dieser offensichtlich nicht für diese Art von Diensten eingeführt wurde.

Interview: Ingo Rentz
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