"Stern"-Umfrage Mehrheit hält öffentlich-rechtlichen Nachrichtensender für verzichtbar

Mittwoch, 27. Juli 2016
Die Berichtertattung über das Attentat in München wurde vielfach kritisiert
Die Berichtertattung über das Attentat in München wurde vielfach kritisiert
Foto: ARD

Die vielfach kritisierte Live-Berichterstattung über den Amoklauf in München hat wieder Forderungen nach einem öffentlich-rechtlichen Nachrichtenkanal laut werden lassen. Unter anderem der Gründungsintendant des Deutschlandradios Ernst Elitz und der frühere WDR-Intendant Fritz Pleitgen hatten sich für einen 24-Stunden-Nachrichtensender ausgesprochen. Die Mehrheit der Bevölkerung vermisst ein solches Angebot indes nicht.
Das geht aus einer Forsa-Umfrage im Auftrag des "Stern" hervor. Demnach würden zwar 41 Prozent der Befragten einen öffentlich-rechtlichen Nachrichtensender begrüßen - ein Mehrheit von 58 Prozent kann aber auf einen zusätzlichen Newssender verzichten. Zusätzliche Rundfunkgebühren will die Mehrzahl der Befürworter für einen solchen Kanal allerdings nicht bezahlen: 67 Prozent lehnen eine höhere Belastung für einen weiteren Sender ab. Das Fernsehen ist für die meisten Menschen bei wichtigen Ereignissen immer noch die Informationsquelle Nummer 1. 73 Prozent der Bundesbürger schalten den Fernseher ein, um sich zu informieren, 57 Prozent hören Radio, 52 Prozent vertrauen auf Onlinemedien und 44 Prozent greifen zur Tageszeitung. Immerhin 24 Prozent nutzen hauptsächlich soziale Medien wie Facebook und Twitter.

Die dramatischen Ereignisse der vergangenen Tage - neben dem Attentat in München hielt auch der gescheiterte Militärputsch in der Türkei sowie die Anschläge in Würzburg und Ansbach Bürger und Medien in Atem - haben zuletzt wieder Forderungen nach einem 24-Stunden-Nachrichtensender laut werden lassen. "Hier mal einen 'Brennpunkt', da eine verlängerte 'Tagesschau' und eine schnell eingeschobene Sonder-TT-Sendung sind nur hilflose Reaktionen auf die aktuellen Ereignisse", sagte der Gründungsintendant des Deutschlandradios Ernst Elitz der dpa in Berlin. Damit würden die öffentlich-rechtlichen Sender den journalistischen Qualitätsansprüchen angesichts der Krisenlage nicht gerecht.

Elitz sagte, statt dreier Infokanäle - ZDF Info, Phoenix und Tagesschau24 - müssten die Sender einen gemeinsamen Nachrichtenkanal aufbauen, der den digitalen Herausforderungen der Nachrichtenflut gerecht werde. Auch Ulrich Deppendorf, früherer Leiter des ARD-Hauptstadtstudios, und der frühere WDR-Intendant Fritz Pleitgen hatten sich für ein solches Programm ausgesprochen. Für die Einführung eines öffentlich-rechtlichen Nachrichtenkanals müssten allerdings die Medienstaatsverträge der Länder geändert werden.

Kai Gniffke, Chef von ARD-Aktuell, widersprach Elitz. Die ARD habe bereits mit dem Digitalkanal Tagesschau24 die Möglichkeit, wie etwa beim Amoklauf von München, schnell auf überraschende Ereignisse zu reagieren. dh, mit Material von dpa
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