"Stern"-Chef Christian Krug "Hinterfragen wir die Politik wirklich kritisch genug?"

Montag, 29. August 2016
"Stern"-Chefredakteur Christian Krug
"Stern"-Chefredakteur Christian Krug
Foto: Andra / Stern

Seit fast 70 Jahren gibt es den "Stern". War es für Magazinmacher früher einfacher? Ja, sagt Chefredakteur Christian Krug, heute müsse man sich mehr anstrengen: Das Internet, schnellere Produktion auch in Print, "Lügenpresse"-Vorwürfe, eine bewegte Weltlage – und trotzdem keine großen Gesellschaftsdebatten mehr, über die sich die Medien profilieren könnten. Doch Letzteres dürfte sich bald ändern, erklärt er im HORIZONT-Interview über den Wandel im Befinden der Deutschen und das Blattmachen in unruhiger Zeit. Auszüge daraus hier in HORIZONT Online.

Herr Krug, mit Terror, Amokläufen und dem Putschversuch in der Türkei haben wir unruhige Wochen hinter uns. Und auch Blattmacher sind nur Menschen. Was denken Sie als Erstes, wenn's irgendwo kracht: "Wie schrecklich!" – oder "Was heißt das jetzt für unsere aktuelle 'Stern'-Produktion?"
Zuerst denke ich an die "Stern"-Kollegen, die dort leben. Sind die in Sicherheit? Meistens telefonieren wir dann schnell. Und schon dabei zeigt sich, wie wichtig es ist, Leute vor Ort zu haben. Gerade in München fühlte ich mich von den öffentlich-rechtlichen Sendern schlecht informiert. In allen relevanten Fällen recherchieren "Stern"-Reporter vor Ort und versuchen herauszufinden, was wirklich passiert ist. Das hilft mir auch ganz persönlich bei der Verarbeitung der Eindrücke. Dieser Beruf bringt es mit sich, dass man trotz persönlicher Betroffenheit angesichts oft sehr schrecklicher Bilder schnell professionalisieren muss – wie ein Notarzt an der Unfallstelle, der ja auch seine Betroffenheit im Beruf zurückstellt.

Und in Wochen, in denen zum Glück nichts Schreckliches passiert?
Natürlich müssen wir uns immer fragen, wie gut wir die richtigen Themen abbilden.

Und Ihre Antwort?
Ich glaube, dass wir Medienmacher ab Sommer 2015 bei den Themen Flüchtlinge und Einwanderung vielleicht zu gefangen waren im Hier und Jetzt. Wir haben uns intensiv um die praktische Ad-hoc-Bewältigung gekümmert: Was passiert an den Grenzen, auf den Bahnhöfen? Doch unsere Leser haben sich stärker ganz grundsätzlich um die Langzeitfolgen der Flüchtlingskrise gesorgt. Das haben wir zunächst so nicht erkannt und abgebildet, wohl auch zulasten der Auflagen. Anders als noch in den 70er Jahren wollen die Deutschen heute keine großen Veränderungen mehr. Deshalb sind sie beim Flüchtlingsthema eher sorgenvoll – aber genau deshalb sind sie ebenso gegen Trump und gegen den Brexit.

In der "Lügenpresse"-Debatte sagten Sie, guter Journalismus reiche nicht mehr, um gegen diese Vorwürfe zu kämpfen: "Vielleicht müssen wir hier lauter werden." Wie meinen Sie das?
Der Begriff kommt aus dem rechten Lager, das sowieso gegen uns ist, egal, was wir tun. Daher muss ich mir diese Vorwürfe nicht zu eigen machen und sie mit Inhalten füllen. Und ja, wir müssen uns wehren und den Lesern klarmachen, dass wir unabhängig sind in einem Land, in dem es Pressefreiheit gibt. Das ist ja leider nicht mehr selbstverständlich in Europa. Die Versäumnisse der Medien habe ich genannt. Hier treibt mich ein weiterer Punkt um: Hinterfragen wir das, was uns Politik und staatliche Institutionen dauernd vermitteln, wirklich kritisch genug?

Zum Beispiel?
Bundes- und EU-Politiker sowie die gesamte deutsche Presse verbreiten, dass der Brexit den Briten immens schade. Aber wissen wir wirklich, ob sie in fünf Jahren nicht viel besser dastehen?

„Der ,Stern' hat nicht nur den Kopf, sondern auch den Bauch der Gesellschaft im Blick.“
Christian Krug
Wie Ihre Kollegen sagen auch Sie, dass in gesellschaftlichen Debatten vor allem Wochentitel die Impulse geben. Woran machen Sie das heute noch fest?
Wir alle eruieren Woche für Woche, was die Nation bewegt. Und gerade der "Stern" ist in allen gesellschaftlichen Bereichen gut informiert und hat nicht nur den Kopf, sondern auch den Bauch der Gesellschaft im Blick. Das wissen wir durch unsere Zusammenarbeit mit den Meinungsforschern von Forsa, die jeden Tag 1000 Personen zu allen möglichen Themen befragen. Und aus vielen Leserzuschriften, die sich intensiv – und auch kritisch – mit unserer Berichterstattung auseinandersetzen. Wir wissen, dass unsere Arbeit die Menschen bewegt.

So können Sie ein Thema zwar abbilden – aber keines setzen. Könnte der "Stern" heute noch eine Debatte anzetteln wie 1971 jene gegen das Abtreibungsverbot?
Die großen Debatten etwa zu allen Facetten der Gleichberechtigung, die der "Stern" vorangetrieben hat, gibt es so nicht mehr. Allerdings könnte sich das bald ändern. Wie viel Islam verträgt Deutschland? Wann stößt Integration an ihre Grenzen? Das wird das zentrale gesellschaftspolitische Thema der kommenden Jahre, auch im Wahlkampf. Hier werden wir nicht nur das Befinden der Nation abbilden, sondern auch den Diskurs mitgestalten.

Einen brancheninternen Dauerdiskurs gibt es beim Thema Frauenquoten in Medien-Führungsetagen. Lobbyistinnen haben Sie wegen Planuntererfüllung gerüffelt, woraufhin Sie meinten, es könne doch nicht Ihr Job sein, in Zeiten großer medialer Umbrüche Quoten im Kopf zu haben. Sondern?
Ich sehe natürlich, dass die Medienwelt noch männerdominiert ist. Das ändert sich zum Glück seit längerem und auch weiterhin – auch ohne Zwangsquoten. Ich denke, das wäre der falsche Weg. Viele Frauen sehen das ja ähnlich. Ich möchte, dass sich unsere Mitarbeiter hier unabhängig von ihrem Geschlecht, Alter und ihrer sexuellen Präferenz durchsetzen können. Wer gut ist, den möchte ich nicht deshalb zurückweisen, weil laut Quotenplan jemand anders bevorzugt werden muss. Meine Mitarbeiter möchten, dass ich allein ihre Leistung bewerte.

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Das vollständige Interview mit Christian Krug auch über die Auflagen- und Anzeigensituation beim "Stern" und seinen Medien lesen Abonnenten in der HORIZONT-Ausgabe 34/2016 vom 25. August, die auch auf Tablets oder - nach einmaliger Registrierung - als E-Paper gelesen werden kann. Nicht-Abonnenten können hier ein HORIZONT-Abo abschließen.

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