Stephan Holthoff-Pförtner Der adoptierte Verleger

Sonntag, 06. November 2016
Stephan Holthoff-Pförtner
Stephan Holthoff-Pförtner
Foto: Funke

Stephan Holthoff-Pförtner? Wieso der? Das fragten sich viele in der Branche, als das Präsidium des Verbandes der Zeitschriftenverleger (VDZ) ihn vor zwei Wochen als Nachfolger von Hubert Burda nominierte. Burda, 20 Jahre an der Spitze des VDZ, verlegerisches Urgestein. Einer, den man in einer Reihe mit den großen Namen der Nachkriegszeit nennt: Axel Springer, Rudolf Augstein, Henri Nannen, Heinz Bauer. Und Holthoff-Pförtner? Helmut Kohls Anwalt, oder? Der, der sich hat adoptieren lassen von Gisela Holthoff, der Gesellschafterin der Funke-Gruppe. Eingefleischter CDU-Mann. Ist bisher im VDZ nicht aufgefallen.

Der Widerstand regte sich prompt. Vier prominente Verlagschefs schrieben einen Protestbrief: Rainer Esser von der „Zeit“, Thomas Hass vom „Spiegel“, Julia Jäkel von Gruner + Jahr, dazu der Verleger Christian Medweth. Sie kritisierten das intransparente Procedere der Nachfolge-Suche, fühlten sich an „Hinterzimmerbünde“ erinnert. Der Name Holthoff-Pförtner kommt in ihrem Schreiben nicht vor. Der Tenor ist dennoch eindeutig: Das ist nicht unser Kandidat.

Der Anwalt

Das VDZ-Präsidium, das den Nachfolger Burdas nominiert, hatte vor allem eine Qualifikation in sein Anforderungsprofil aufgenommen: Auch der Neue sollte ein Eigentümerverleger sein, kein angestellter Manager. Die Frage, die sich prompt stellt: Wieviel Verleger steckt im Anwalt Holthoff-Pförtner?

Zunächst der Anwalt: Stephan Holthoff-Pförtner, 68, hat sich nach seinem Jurastudium in Freiburg in seiner Heimatstadt Essen als Rechtsanwalt niedergelassen, verteidigte Drogendealer und Prostituierte in Strafverfahren. Mehr als drei Jahrzehnte später führt er eine noble Kanzlei mit 16 Rechtsanwälten, er vertritt Konzerne aus der Energiewirtschaft und mittelständische Unternehmen. Einen Gerichtssaal hat er schon lange nicht mehr von innen gesehen, Schriftsätze formuliert er nicht. Er ist der Akquisiteur seiner Anwaltsfirma, der Netzwerker, das Aushängeschild der Kanzlei. Im Ruhrgebiet kennt man ihn. Und schätzt ihn.

Der Verleger

Ist er auch Verleger? Einen Verlag gegründet hat er nicht, einen Verlag gekauft hat er nicht, in eine Verlegerfamilie hineingeboren wurde er auch nicht. Dennoch gehören ihm 16,7 Prozent der Funke Mediengruppe. Weil Gisela Holthoff, eine der Töchter von Jakob Funke, ihn adoptierte. Die 2011 verstorbene Mitgesellschafterin suchte einen Nachfolger und fand Holthoff-Pförtner, der die Familieninteressen schon lange im Aufsichtsrat vertreten hatte, der sich nicht nur für Gesellschafterverträge und Ausschüttungspolitik interessierte, sondern auch für Zeitungen, Zeitschriften, Journalisten, Politik. Ein adoptierter Verleger – wahrscheinlich ist Holthoff-Pförtner der einzige, der das irgendwie normal findet. Inzwischen hat er selbst seinen Kollegen Georg Scheid, verheiratet, zwei Kinder, als Nachfolger adoptiert.

Holthoff-Pförtner ist bei der Funke-Gruppe ein starker Mann, aber nicht der starke Mann. Kein Verleger, der aus der Gesellschafterrolle oder aus dem Aufsichtsrat heraus das operative Geschäft lenkt. Ein Minderheitsgesellschafter, der sich im Hintergrund hält. Ein Miteigentümer, der dem Management seines Unternehmens vertraut.

Die Kritiker des VDZ-Präsidiums definieren ein anderes Anforderungsprofil an den neuen Präsidenten: „Modernität, Digitalität, Kreativität – verbunden mit der Glaubwürdigkeit desjenigen, der den Wandel tagtäglich im Business spürt, der als aktiver Gestalter an der Modernisierung der Branche mitwirkt.“ Wen also will der VDZ an seiner Spitze? Einen digitalen Evangelisten? Das ist Holthoff-Pförtner nicht. Einen aktiven Manager des Wandels? Das ist er auch nicht. Einen, der den Verlagen erklärt, wie ihr Geschäft funktioniert? Auch das nicht. Er selbst sieht sich als klassischen Typus der Spezies Verbandschef: in allererster Linie als Vertreter gemeinsamer Interessen der Verlage gegenüber der Politik, der Wirtschaft, den Werbungtreibenden.

Der Politiker

Aber, schon wieder einer dieser Einwände, ist er nicht selbst viel zu sehr Politiker, als dass er gegenüber Regierungen und Parlamenten unabhängig und glaubwürdig auftreten könnte? Der engagierte Christdemokrat, der Freund Helmut Kohls, Schatzmeister der NRW-CDU: Kann so einer einen Verband vertreten, in dem „Spiegel“, „Stern“ und „Zeit“ die Leitmedien sind?

Richtig ist: Holthoff-Pförtner gehört der CDU seit seiner Jugend an. Er saß im Rat der Stadt Essen, erwog Anfang der 90er Jahre eine Kandidatur für das Amt des Oberbürgermeisters. Parteifreunde rieten ihm dringend ab. Denn Holthoff-Pförtner ist schwul, und ein schwuler OB in der Ruhrmetropole ... Die Zeit war damals nicht so weit. Aktuell ist er Schatzmeister der CDU in NRW, dies allerdings eher notgedrungen. Als vor einem Jahr Philipp Mißfelder plötzlich starb, brauchte Parteichef Armin Laschet einen Nachfolger. Holthoff-Pförtner sagte zu, vorübergehend. Nach der Landtagswahl im Mai 2017 will er das Amt wieder abgeben, unabhängig vom VDZ-Chefposten.
Hubert Burda
Bild: VDZ

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Kohls Freund

Holthoff-Pförtner und Helmut Kohl: Ende der 90er rief der Altkanzler ihn an, er brauchte einen versierten Anwalt in der Parteispenden-Affäre. Sie kannten sich bis dahin nicht persönlich, offenbar hatte Kohl eine Empfehlung für den Mann aus Essen bekommen. Aus der anwaltlichen Beziehung ist eine persönliche Freundschaft geworden. Im Jahr 2004 begleitete Holthoff-Pförtner Kohl und dessen Frau Maike Richter nach Sri Lanka, ein Urlaub am Meer. Aus nächster Nähe erlebten sie den Tsunami, im dritten Stock ihres Hotels. Die unteren Etagen waren nach der Flutwelle verwüstet. Solche Erfahrungen verbinden. Als Holthoff-Pförtner fast zehn Jahre später seinen Lebenspartner heiratete, war Kohl Trauzeuge, neben Guido Westerwelle.

Der Anwalt und Funke-Gesellschafter kennt in der Politik die meisten der Wichtigen. Nicht nur die Konservativen. Vor einem Vierteljahrhundert gründete er das Politische Forum Ruhr, ein Debattenforum gegen die Politikverdrossenheit. In der Essener Philharmonie treten fünf- bis sechsmal im Jahr Politiker jeglicher Couleur, Gewerkschafter, Kirchenleute auf, vor bis zu 2000 Zuhörern. Bodo Hombach, Sozialdemokrat und ehemaliger Funke-Geschäftsführer, ist Holthoff-Pförtners Stellvertreter im Vorstand. Seht her, soll das heißen: Ich bin ein CDU-Mann, aber alles andere als ein fantasieloser Funktionär.

Der Mensch

Und wie ist er sonst so? Charmant. Gewinnend. Ein Geschichtenerzähler, hat Humor und einen ausgeprägten Hang zur Selbstironie. In seinem Penthouse-Büro mit Rundumblick über das Ruhrgebiet zeigt sich der Kunstsammler: Lüpertz, Warhol, Beuys. Dazu dezente klassische Musik im Hintergrund – und über der Stuhllehne der Fanschal von Rot-Weiß Essen, vierte Liga, unteres Mittelfeld. Wenn er guten Fußball sehen will, fährt er nach Dortmund.
Mathias Döpfner auf dem Zeitungskongress in Berlin
Bild: BDZV

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Ach ja, noch ein Einwand gegen den Kandidaten, den man jetzt in der Branche hört: Wenn Holthoff-Pförtner zum VDZ-Präsidenten gewählt werde, dann sei das wohl der Anfang der Verbandsfusion mit den Zeitungsverlegern – ein Übergangskandidat, der den Weg für Springer-Chef Mathias Döpfner, seit Mitte dieses Jahres BDZV-Präsident, bahne. Springer und Funke an den Spitzen der Verbände: Das sind zwei Verlage, die sowohl im Zeitschriften- wie im Zeitungsgeschäft aktiv sind. Der VDZ nimmt solche Mutmaßungen sehr ernst. Delegierte und Vorstandsmitglieder wurden am vergangenen Wochenende per Mail darüber informiert, „dass eine Fusion der Verbände weder mit Hubert Burda auf der Agenda des VDZ stand, noch auf der persönlichen Agenda von Dr. Holthoff-Pförtner“.

Letzterer nimmt das Thema auf die lockere Art, seinem Naturell entsprechend. Natürlich sei er ein Übergangskandidat, sagt er intern – wie Adenauer bei seiner Wahl zum Bundeskanzler. Der Alte war damals 73. Und stand dann 14 Jahre an der Spitze der Regierung. uv

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Artikel hieß es, Gisela Holthoff sei kinderlos gewesen. Tatsächlich hat sie neben ihrem Adoptivsohn noch zwei weitere Söhne. Wir bitten den Fehler zu entschuldigen.

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