Stanford-Doktor Andreas Weigend "Wer nicht lügt, kann nie wieder ein Update machen"

Freitag, 26. Mai 2017
Andreas Weigend ist in Deutschland geboren und lebt heute in San Francisco und Shanghai
Andreas Weigend ist in Deutschland geboren und lebt heute in San Francisco und Shanghai
Foto: Murmann Verlag
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Andreas Weigend Amazon Stanford Berkeley


Mit "Walled Gardens" kennt sich Andreas Weigend aus. Er war Cheftechnologe von Amazon, lehrt in Stanford und in Berkeley, er berät Alibaba und das Weltwirtschaftsforum, vor allem wenn es um den Umgang mit dem gerne zitierten Öl der Zukunft geht: unseren Daten. Jetzt hat Weigend ein Buch veröffentlicht, in dem er sich von der Privatsphäre verabschiedet – und Unternehmen gleichzeitig zu mehr Transparenz auffordert.
Herr Weigend, in Ihrem Buch beschreiben Sie Privatsphäre an vielen Stellen als romantische Illusion; Datenvermeidung sei per se keine Option mehr. Viele Deutsche halten ein solches Szenario für nicht sonderlich erstrebenswert.
Ich weiß. Aber wir bekommen die Daten nicht mehr in die Flasche zurück. Wenn sie erst einmal erzeugt sind – und wir erzeugen Daten, indem wir leben –, sind die Informationen in der Welt. Wir können nichts mehr verbergen. Ein Beispiel: Nach 9/11 arbeitete ich bei Amazon mit einem Professor aus Chicago zusammen. Er erzählte mir, eine Woche nach den Anschlägen sei der Geheimdienst bei ihm gewesen, weil er die Flugnummern der entführten Maschinen gegoogelt hatte. In diesem Moment war klar: Irgendjemand liest immer mit. Alles wird transparent und Lügen wird immer schwieriger.
Okay, das ist das Silicon-Valley-Mantra. Europäische Datenschützer tun gerade einiges dafür, ein solches Szenario zu verhindern. Denken Sie, sie könnten sich ihre Anstrengungen sparen?
Nicht direkt. Aber Gesetze wie das Recht auf Vergessen beispielsweise führen in die Irre, weil die meisten Menschen überhaupt nicht wissen, was es bedeutet. Niemand ist doch überhaupt dazu in der Lage, das gesamte Internet nach Einträgen über sich selbst zu durchforsten. Oder nehmen Sie die Nutzungsbedingungen von Apple oder Microsoft. Sie werden jedes Mal gefragt, ob Sie die 21 Seiten Kleingedrucktes durchgelesen haben, bevor Sie einwilligen. Und? Lesen Sie sie jedes Mal durch? Ich tue es nicht. Und selbst wenn, ich würde sie nicht verstehen. Das bedeutet aber auch: Würde ich nicht lügen, könnte ich nie wieder ein Update machen. Das ist der Punkt, der mich stört.

"Data for the People"

In seinem Buch "Data for the People" (Murmann Verlag) klärt Andreas Weigend über den Umgang mit ersonenbezogenen Daten im Internet auf und zeigt, wie viel sie global agierenden Unternehmen wie Google, Facebook und Co wert sind. Darauf aufbauend entwirft der Physik-Professor eine Grundrechte-Charta für Daten, die wir als Bürger und Kunden im 21. Jahrhundert einfordern sollten.

Sie raten stattdessen dazu, von den großen Internetkonzernen weitgehende Rechte einzufordern, die den maximalen Zugriff auf die über uns gespeicherten Daten ermöglichen. Wie soll das in der Praxis funktionieren?
Die großen Datenraffinerien müssen uns Tools und Werkzeuge zur Verfügung stellen, mit denen ich meine Daten einfach selbst nutzen kann. Beispiel Google Maps: Der Dienst verzeichnet genau, wann ich an welchem Ort war. Ich finde das gut, ich kann dadurch meine Erinnerung auslagern und jederzeit wieder abrufen. Meine Standortdaten liefern mir Einsichten in die Interpretation meines Lebens – das ist viel spannender für mich als eine Datenschutzerklärung.


Das Problem ist doch, dass nicht jeder so reflektiert mit seinen Daten umgehen kann und will wie Sie. Wie fit ist die Bevölkerung Ihrer Meinung nach, was diesen Punkt betrifft?
Datenkunde, also das Wissen um die Daten, kommt überall zu kurz. Ich halte es für eine extrem wichtige Aufgabe unserer Generation, die exponentiell steigende Anzahl von Daten schnellstmöglich mit dem Wissen, wie man damit umgeht, zu versehen. Denn es ist naiv anzunehmen, wir könnten unsere Privatsphäre verteidigen, wenn wir nicht auf vieles verzichten wollen, was unser Leben angenehmer macht. Ich würde Datenkunde als Schulfach einführen. kan
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