Springers "Bilanz" im HORIZONT-Check "Manager Magazin" light - im guten wie im schlechten Sinn

Freitag, 02. Mai 2014
Die erste Ausgabe liegt am heutigen Freitag der "Welt" bei
Die erste Ausgabe liegt am heutigen Freitag der "Welt" bei

Jetzt ist es in der "Welt": "Bilanz", Axel Springers Wirtschaftsmagazin. Die Macher, die früheren "Manager Magazin"-Männer Arno Balzer und Klaus Boldt, wollen ihr neues Blatt "zur neuen Kraft im deutschen Wirtschaftsjournalismus aufbauen". Erfüllt die Erstausgabe diesen hohen Anspruch? HORIZONT hat sie gelesen - und nicht wie manche Schnellkritiker wohl nur durchgeblättert, das Inhaltsverzeichnis nacherzählt und das Layout beschrieben. Nein, "Bilanz" erfindet den Wirtschaftsjournalismus nicht neu. Das Blatt kommt daher wie ein "Manager Magazin" light - und zwar im guten wie im schlechten Sinne. Kein Wunder bei der Vita seines Herausgebers Balzer und Chefredakteurs Boldt, die es zusammen auf 30 Jahre "Manager Magazin" bringen. "Bilanz" ist haptisch und faktisch dünner. Optisch - je nach Geschmack - verspielter oder unübersichtlicher. Thematisch vergleichbar, allerdings mit einem größeren Gewicht auf Nachwuchsthemen, Gründerszene und Innovationswirtschaft (es gibt sogar ein eigenes Ressort dafür). Und oft leichter, bisweilen auch lustiger zu lesen.

Überhaupt: Lesen lohnt sich - nicht bei jeder Geschichte, aber immer wieder mal. Auch Schmunzeln ist erlaubt, sogar in manchen Bildunterschriften, etwa unter dem Foto des Erfinders Robert S. Langer, der es immer wahnsinnig eilig hat - "hier aber in einem Sekundenbruchteil genau zwischen zwei Erledigungen fotografisch erfasst" werden konnte. Gewiss, absolute Kleinigkeiten. Aber bei Leuten, die lesen und nicht nur blättern, sorgen solche Kleinode an vielen Stellen im Blatt für Kollateralspaß bei der Informationsaufnahme.

Herzstück von "Bilanz" ist aber natürlich die Unternehmensberichterstattung, ebenso wie beim "Manager Magazin" mit freudigem Interesse an Rempeleien und Ränkespielen in den Chefetagen der großen Unternehmen, an Klatsch und Tratsch in der Business Class. Das ist meist unterhaltsam, mitunter exzellent geschrieben, sichtlich auf Basis unzähliger Hintergrundgespräche. Erdung geben die Einbettung der Storys in den bekannten wirtschaftlichen Kontext der Unternehmen und der Branchen, Zahlen und Fakten am Rande - und auch die stolze Nennung von Details, die wohl nur einen sehr kleinen Kreis von Lesern interessieren: Welcher Anwalt von welcher Kanzlei hat für Aldi jüngst Holding-Verträge ausgearbeitet?

Fragt sich nur, ob das all die - potenziellen - Leser einfängt, die "Bilanz" nun als Beilage ihrer "Welt" vorfinden. "Die Geschichten, die wir erzählen, müssen vor Profis, aber auch Laien bestehen können", sagte Boldt gerade im HORZONT-Interview. Er will Leser gewinnen, die bisher gar nicht wussten, dass sie sich für Wirtschaft interessieren. Kann das mit der Erstausgabe von "Bilanz" gelingen? Ja - wenn man, warum auch immer, erstmal ins Lesen kommt. Nein - wenn man sich nur vom Cover leiten lässt. Einzelne Themenanrisse sind schlicht unverständlich und nur ex post zu dechiffrieren: "Doppelbock"?

Um den Chefetagenjournalismus gemäß "Bilanz"-Strategie etwas zu demokratisieren, zieht ins Blatt hier und da eine Sprache ein, die sichtlich Lockerheit versprühen soll. Da ist zum Beispiel der "vermeintliche Milliardär" (und ebenso vermeintliche Karstadt-Retter) Nikolaus Berggruen, "der beim Kassieren immer sehr fix ist, aber beim Anlegen ständig trödelt".

Ach ja, die Sprache: Im gesamten Unternehmensteil, der zwei von vier Rubriken besetzt (kurze Geschichten in "Namen & Nachrichten", lange Geschichten in "Unternehmen & Märkte"), ziehen sich durch viele Texte - ob nun direkt von ihm geschrieben oder hineinredigiert - jene Wortgirlanden, die typisch sind für Boldt. Eine Schreibe, die manche meisterhaft munter finden und sehr mögen - und andere auf lange Strecke manieriert und ermüdend, etwa dann, wenn einzelne markante Ausdrücke mehrfach auftauchen, zum Beispiel "ein Gesicht ziehen" als Synonym für "enttäuscht sein". Nun, das ist wohl ebenso Geschmackssache wie das Layout. Aber es verschafft auf jeden Fall ein unverwechselbares Profil.

Fazit: Ein (Autoren-) Magazin, das von einzelnen herausragenden (Aldi, BASF, 1. FC Köln) und spannenden (Karstadt, MIT, 3-D-Drucker) Geschichten lebt, angereichert mit mehr (Kritische Fragen für die kommenden Hauptversammlungen) oder weniger (Kolumne von Roland Berger) originellen Beiträgen. Choreographie und Schwerpunkte fehlen indes, vor allem im dringend ausbaufähigen "Privat"-Teil, in dem das (lesenswerte!) Stück über das Unternehmen 1. FC Köln unvermittelt neben einem Mini-Portrait einer Schuhmanufaktur steht.

Insgesamt aber ein frischer, Neugierde auf Mehr weckender Einstand für "Bilanz", das sicher sobald nicht "zur neuen Kraft im deutschen Wirtschaftsjournalismus" wird - diesen aber sehr bereichern und insofern aufmischen kann, als es andere Titel weckt oder wach hält. Eben zum Beispiel das "Manager Magazin". Und allein das wäre doch schon mal eine gute Bilanz. rp
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