"Spiegel" und die Opel-Werbung Stehsatz auf fünf langen Seiten

Montag, 15. Dezember 2014
Schnee von gestern: Der "Spiegel" widmet sich Opel
Schnee von gestern: Der "Spiegel" widmet sich Opel
Foto: HORIZONT-Scan einer "Spiegel"-Seite
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Tina Müller


Was bekommen die „Spiegel“-Redakteure derzeit vom Leben und Treiben abseits der eigenen Machtkämpfe, Irrungen und Wirrungen an der Ericus-Spitze derzeit eigentlich mit? Nicht viel, wenn man im – man muss es schon fast in Gänsefüßchen setzen – "aktuellen" "Spiegel" die Opel-Geschichte zum Maßstab für aktuelle Recherche nimmt.

Als blutjunger Journalist hatte ich einmal für die „Frankfurter Rundschau“ eine Serie über die Landwirtschaft in der hessischen Wetterau geschrieben. Aufhänger war ein EU-Landwirtschaftsgipfel, der sich mit Maggie Thatchers Bauernpolitik beschäftigen sollte.


Dann bekam ich Streit mit dem damaligen Regionalchef der „FR“, Praktikant Schütz musste gehen, die Serie erschien erst einmal nicht. Dafür aber im genauen Wortlaut ein dreiviertel Jahr später – der EU-Gipfel war längst vorbei, Frau Thatcher war nicht mehr an der Macht, beides kam aber im Text häufig vor.


Irrungen und Wirrungen im Lokaljournalismus. Dem Hamburger Nachrichtenmagazin sollten ähnliche Peinlichkeiten nicht passieren, selbst wenn es um die bei "Spiegel"-Redakteuren wahrscheinlich ohnehin wenig  geliebten Themenfelder Werbung und Marketing geht. Was, wird sich der Leser sonst irgendwann fragen, mag wohl für ein Quatsch im Deutschland- oder Wirtschaftsteil stehen, wenn die Recherche schon bei simplen Marketing-Geschichten versagt und aktuelle Entwicklungen schlicht und ergreifend nicht registriert werden.


"Spiegel"-Autor Uwe Buse widmet sich der Frage, ob "Opel cool werden" und die "gelernte Kosmetikmanagerin Tina Müller" (Buse) das Rad drehen, auf gut Deutsch: die Rüsselsheimer Automarke neu erfinden kann. Tina Müller kommt in dem Text – zu Recht – gut weg. Doch die jüngsten, dramatischen Geschichten rund um die Kunde-Agentur-Beziehungen finden im "Spiegel"-Artikel nicht statt. Dass André Kemper, die große Opel-Kreativhoffnung, mit dem der Image-Umschwung endgültig besiegelt werden sollte, von heute auf morgen zum Erzkonkurrenten Mercedes wechseln will, kein Wort. Welche dramatischen Auswirkungen dies möglicherweise auf die Opel-Werbung, aber auch auf das Standing der resoluten Marketingfrau innerhalb des Rüsselheimer Konzerns hat, keine Silbe.


Es scheint, als habe sich die "Spiegel"-Redaktion in den vergangenen drei Wochen im Tiefschlaf befunden, was die Werbeindustrie angeht. Vielleicht macht sich kurz vor Weihnachten aber auch nur die verständliche Erschöpfung nach einem Jahr im Dauer-Ausnahmezustand bemerkbar.


Vielleicht liest Herr Buse HORIZONT oder HORIZONT Online nicht, wo die dramatischen Entwicklungen in der Autowerbung genau festgehalten wurden, siehe hier und hier und hier. Ein Blick auf die Website der Kollegen vom "Manager Magazin Online" hätte es aber auch getan, um auf den jüngsten Stand zu kommen. Prüft niemand beim "Spiegel" mehr Stehsatz-Artikel auf Aktualität? Liebe "Spiegel"-Redakteure: Wir alle wissen, ihr habt harte Zeiten hinter euch. Daran seid ihr zwar größtenteils selbst schuld. Dennoch: Gebt euch doch auch bei den Geschichten über die böse, böse Reklame mehr Mühe. Sonst brauche ich ab Mitte Januar den Samstagnachmittag nicht für die "Spiegel"-Lektüre zu reservieren, sondern widme mich lieber Sky und den Spielen der Eintracht Frankfurt.

PS: Ich glaube übrigens nicht, dass der Ausfall von André Kemper die Qualität der Opel-Werbung besonders tangieren wird. Das derzeitige Team ist stark genug, den Kemper-Abmarsch wegzustecken.

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