"Spiegel" in Sackgasse Ressortleiter lehnen Büchners Vize Blome ab

Montag, 26. August 2013
Bleibt hart: "Spiegel"-Chefredakteur Wolfgang Büchner
Bleibt hart: "Spiegel"-Chefredakteur Wolfgang Büchner

Zuspitzung auf der Ericusspitze: Auf der Redaktionskonferenz des "Spiegel" am Montagvormittag haben die Ressortleiter den designierten Chefredakteur Wolfgang Büchner offiziell gebeten, seine Entscheidung, den "Bild"-Mann Nikolaus Blome zu einem seiner Vize zu machen, zurückzunehmen. Stefan Willeke, einer der beiden Leiter des "Spiegel"-Gesellschaftsressorts, hat nach Angaben von Teilnehmern eine entsprechende Erklärung verlesen.
An ihm scheiden sich die Geister: "Bild"-Mann Nikolaus Blome
An ihm scheiden sich die Geister: "Bild"-Mann Nikolaus Blome
Zuvor hatte Büchner versucht, seine Sicht der Dinge zu erklären - und sehr deutlich gemacht, dass er an Blome festhalten will. Eine Situation, bei der am Ende jeder verlieren wird. Auch die Mitarbeiter KG, die erst am Mittwoch Rede und Antwort stehen will.

Die nach Angaben von Teilnehmer denkwürdige und (auch mit Online-Redakteuren) in Rekordstärke besuchte 11-Uhr-Konferenz begann mit Beteuerungen von Geschäftsführer Ove Saffe: Es gebe keinen Machtkampf im Haus - weder der Gesellschafter untereinander noch zwischen ihm und Büchner auf der einen und der Redaktion auf der anderen Seite. Und schon gar nicht mit den Ressortleitern (der Print-Redaktion), die Saffe sinngemäß als Rückgrat des Hauses bauchpinselte. Zur formalen, aber hier auch (ob nun rechtlich oder atmosphärisch) entscheidenden Frage, inwieweit er die Gesellschafter, also auch die Mitarbeiter KG (50,5 Prozent), über die Personalie Blome vorab konsultiert habe, soll Saffe sinngemäß gesagt haben, er habe seit seinem Antritt beim "Spiegel" alle Gesellschafter bei allen wichtigen Themen immer eingebunden - so auch hier. Details zur Causa Blome nannte er jedoch nicht.

Dann bekam den Schilderungen nach Wolfgang Büchner das Wort erteilt. Missverständnisse bei der Kommunikation der Personalie Blome täten ihm leid, so der designierte Chefredakteur, der am 1. September antreten soll. Und er versuchte, die Wogen zu glätten: Blome solle nicht als Blattmacher arbeiten (dies sei weiterhin der Job der bisherigen Stellvertreter Klaus Brinkbäumer und Martin Doerry), sei gegenüber den Ressortleitern nicht weisungsbefugt und würde auch an der politischen Haltung des "Spiegel" nichts ändern. Und eine Zusammenlegung der Berliner Print- und Online-Redaktionen sei auch nicht dessen Job. Manche Redakteure fragten sich hier allerdings, was denn dann überhaupt Blomes Wirkungsmission sei. Nun, Blome sei eben ein hervorragender politischer Journalist - das möge man ihm, Büchner, doch bitte glauben. Im Übrigen sei er für gemeinsame Entscheidungsprozesse im redaktionellen Alltag, mit den Redakteuren, mit den Ressortleitern - nur über Personal möchte er als Chefredakteur doch schon alleine entscheiden dürfen. Soll einmal mehr heißen: Büchner hält an Blome fest.

Als dritter Redner verlas Stefan Willeke im Namen der mächtigen Ressortleiter die erwähnte Bitte, dass Büchner auf Blome verzichten möge. Seine Ernennung verstoße gegen bestehende Verfahrensregeln des Hauses und schade seiner "Kultur". Und später dann in der Diskussion die Wortmeldung: Wie könne er, Büchner, abgesehen von der reinen Wahrnehmung der Personalie nach außen bloß glauben, dass einer wie Blome an der politischen Haltung des "Spiegel" nichts ändern werde?

Und die entscheidende Mitarbeiter KG? Ihre Geschäftsführer waren fast alle anwesend. Ihr amtierender Sprecher Thomas Hass (im Hauptjob Vertriebschef des Spiegel") habe sinngemäß gesagt, die Redaktionskonferenz sei nicht das richtige Forum für Fragen an die KG und auf die Informationsveranstaltung am Mittwoch verwiesen.

Wie geht es jetzt weiter? Das ganze Haus redet sich gerade die Köpfe heiß - auch die Verlagseite, deren stille Gesellschafter am Mittwoch ebenso mit dabei und bei einer späteren Gesellschafterversammlung stimmberechtigt sind. Dann wird auch Thema sein, inwieweit die KG-Spitze von Saffe bei der Personalie Blome eingebunden wurde. Im Extremfall steht dann "öffentlich" Aussage gegen Aussage - keine gute Basis für eine weitere Zusammenarbeit. Drei Szenarien gibt es nun:

(1) Büchner findet mit der Redaktion einen Kompromiss, etwa den, den Vize-Posten Blomes nicht (oder nur aufs Berliner Büro bezogen) oder erst später in Kraft zu setzen. Dann würden aber beide Seiten an Gesicht verlieren - und das Problem würde bloß vertagt.

(2) Beide Seiten bleiben hart. Dann wird die KG-Spitze wohl nicht umhin kommen, Büchner abzusetzen, bevor er überhaupt richtig angefangen hat. Und dann würde womöglich auch Saffe gehen (müssen oder wollen), denn er hat Büchner geholt, gemeinsam mit der KG, und hat jetzt (so diese Lesart) versucht, mit Büchner den "Bild"-Mann Blome in den Verlag zu schleusen.

(3) Die Rolle der amtierenden Mitarbeiter KG bzw. ihrer fünf gewählten Geschäftsführer wird in den kommenden Tagen und Wochen zum Thema. Wurden sie von Saffe überrumpelt? Dann müssten sie jetzt reagieren, siehe Szenario (2). Oder haben sie es gewusst, nicht (genug) opponiert - und ducken sich jetzt weg? Sprechen alle mit einer Stimme? Vor dem Hintergrund dieser Fragen ist es nicht ausgeschlossen, dass es später (auch) eine vorzeitige Neuwahl der KG-Spitze geben kann. Erst in diesem März wurde das Quintett neu bestellt - eigentlich für drei Jahre.

Und deshalb gilt: Schon jetzt haben alle verloren in diesem Streit, der so aussieht, als habe sich da etwas hochgeschaukelt, hinter dem aber - wie von HORIZONT.NET in der vergangenen Woche beschrieben - vor allem ganz andere Fragen stecken.
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