Spiegel-Sparprogramm Warum die Verlagsseite mehr bluten muss als die Redaktion

Dienstag, 01. Dezember 2015
"Spiegel"-Geschäftsführer Thomas Hass
"Spiegel"-Geschäftsführer Thomas Hass
Foto: Olaf Ballnus/Der Spiegel
Themenseiten zu diesem Artikel:

Sparprogramm Thomas Hass Spiegel Online


Ist das gerecht? Oder wenigstens gerechtfertigt? Beim gerade verkündeten Sparprogramm streicht der "Spiegel" in seinen kaufmännischen Abteilungen 29 Prozent der Vollzeitstellen – die Print-Redaktion muss nur 12 Prozent abgeben, die Dokumentation 16 Prozent.

Noch mehr Zahlen dazu: Im Jahr 2018, wenn der "Spiegel" alle Maßnahmen umgesetzt haben will, soll die Redaktion mit dann 259 Stellen (bisher: 294) die größte Abteilung im Haus sein. Bislang ist dies die Verlagsseite; sie soll dann nur noch 246 Stellen umfassen (bisher: 346). Spiegel Online bleibt mit seinen 173 Redaktionsstellen sowieso unangetastet. Und auch zum anvisierten Sparvolumen von rund 15 Millionen Euro müssen die Verlagsflure mit 51 Prozent mehr beitragen als Redaktion (40 Prozent) und Dokumentation (9 Prozent) zusammen.

Trotzdem sagt Geschäftsführer Thomas Hass: "Wir haben großen Wert darauf gelegt, die Lasten gleichmäßig zu verteilen. Dabei ging es uns nicht um ein streng paritätisches Vorgehen, sondern um sinnvolle Maßnahmen für die einzelnen Bereiche und für den ,Spiegel‘ insgesamt."

Denn man wolle "nicht das kleinstmögliche, sondern das bestmögliche Unternehmen für die Zukunft bauen". Moderner, flexibler und agiler solle der Verlag werden, sich dabei auf seine "Kernprozesse" konzentrieren, "Unterstützungsprozesse" reduzieren und Sachbearbeitung eher "steuern" (also outsourcen) als weiterhin selber machen, um Fixkosten in variable, an den Output anpassungsfähige Kosten umzuwandeln. Als "Kernprozess" sieht Hass neben der Produktion von Journalismus und weiteren produktnahen und kreativen Tätigkeiten auch die Vermarktung an, hier allerdings eher Marketing/Sales statt etwa Anzeigendisposition. Auf manche "Unterstützungsprozesse" wird wohl auch die Redaktion verzichten müssen, etwa auf das bequeme Zusammenstellenlassen von Recherchedossiers durch die Dokumentation. Und auch innerhalb der Redaktion dürfte es eher Servicestellen treffen wie Bildbearbeitung oder Sekretariate - und weniger Rechercheure und Schreiber, die wohl lediglich auf den einen oder anderen Luxus verzichten müssen.

Man könnte es auch knapper zusammenfassen: Alles das, was den "Spiegel" besonders auszeichnen und abheben soll von anderen (Medien-) Unternehmen, soll im Haus verbleiben und möglichst geschont werden – also diejenigen, die das Produkt verantworten, die Redaktion. Diejenigen Dienstleistungen, die der Markt ebenso gut (und vielleicht sogar besser oder billiger?) anbieten kann, könnten dagegen ausgegliedert werden. Ist das gerecht? Schwierige Frage. Aber - in dieser Situation - gerechtfertigt vielleicht schon. rp

Meist gelesen
stats