"Spiegel" Ressortleiter-Offensive gegen Chefredakteur Wolfgang Büchner

Montag, 28. Juli 2014
nter Druck: "Spiegel"-Chef Wolfgang Büchner
nter Druck: "Spiegel"-Chef Wolfgang Büchner
Foto: Carsten Milbret

Sommerzoff statt Urlaubsfrieden: Die redaktionsinterne Opposition gegen "Spiegel"- und Spiegel-Online-Chefredakteur Wolfgang Büchner wird zwar kaum breiter - aber organisierter und lautstärker. So haben nach HORIZONT-Informationen die mächtigen Ressortleiter in einem Geheimtreffen mit Geschäftsführer Ove Saffe ihre Zweifel an einer weiteren Zusammenarbeit mit Büchner angemeldet. Um was geht es? Und wie geht es wohl aus?
Vor drei Wochen, da tourte Wolfgang Büchner mit weiteren deutschen Medienschaffenden für fachliches Sightseeing durch New York, hierzu gab es heitere Bilder bei Twitter. Weniger witzig war die Stimmung derweil im heimischen Hamburg, in der "Spiegel"-Redaktion. Nach HORIZONT-Informationen aus mehreren Quellen sind in jenen Tagen drei Ressortleiter bei "Spiegel"-Geschäftsführer Ove Saffe vorstellig geworden, um vor allem eine Botschaft loszuwerden: Dass eine weitere Zusammenarbeit mit Büchner kaum mehr möglich sei. Nun gehört heftige Kritik einzelner Personen oder auch Gruppen (Ressorts, Print/Online, die Frauenfraktion) am Chefredakteur beim "Spiegel" seit jeher dazu wie die servierten Lunches in der Kantine - ein "Spiegel"-Boss, der unumstritten ist, der müsste sich ernsthaft Sorgen machen. Doch diesmal erklingt die Kritik systematischer, denn die drei Ressortleiter - die Rede ist von Alfred Weinzierl (Deutschland), Susanne Amann (Stellvertreterin Wirtschaft) und Ullrich Fichtner (Gesellschaft) - sollen im Namen aller Ressortchefs gesprochen haben. Das heißt all derer, die zuvor beim monatlichen informellen Ressortleitertreffen dabei (und nicht verreist) waren und den Klagegang zu Saffe einstimmig beschlossen haben sollen.

Was war Thema bei dem Treffen, zu dem sich Sprecher von Verlag und Redaktion nicht äußern wollen (Weinzierl, Amann und Fichtner selber waren bisher nicht zu erreichen)? Um die Kritik, die Büchner bereits seit seinem Start beim "Spiegel" im September 2013 - man erinnere sich hier an die umstrittene Installation des "Bild"-Manns Nikolaus Blome in der Chefredaktion - entgegenschlägt: Büchner, so werden seine Kritiker nicht müde zu beklagen, sei ein technokratischer Redaktionsmanager und kein intellektueller publizistischer Kopf, der Themen setze und Debatten führe. Er interessiere sich kaum für Inhalte, rede zu wenig mit seinen (leitenden) Redakteuren, sei oft nicht präsent, verstehe die "Kultur" des Hauses nicht.

An solcher Kritik mag ja etwas dran sein - doch um was geht es wirklich? Darum, dass der "Spiegel" im selben Dilemma steckt wie viele andere Verlage: Noch nie hat die Marke in Print plus Online so viele Menschen erreicht - aber auch noch nie so wenig Umsatz erzielt. Zwei Besonderheiten machen gerade Büchners Job zur Herkulesaufgabe: Erstens guckt ganz Mediendeutschland zu, wegen der Größe und publizistischen Bedeutung von "Spiegel" und Spiegel Online. Die Fachwelt erhofft sich neue Erkenntnisse, das bloß interessierte Publikum lässt sich von den "Spiegel"-Fechtereien gerne unterhalten. Und zweitens die Verfasstheit des Hauses: Es gehört mehrheitlich den Mitarbeitern - aber nur den Print-Leuten.

Auf der einen Seite stehen also dieSpiegel-Onliner, die Reichweiten- und (zumindest bis zum vergangenen Jahr) Umsatzzuwächse verbuchen können - die aber offiziell wenig zu sagen haben. Und auf der anderen Seite die Print-Redaktion, deren traditionell stark ausgeprägtes Selbstbewusstsein durch rückläufige Auflagen und Umsätze angegriffen wird - die aber, gemeinsam mit den Verlagskaufleuten, als Mehrheitsgesellschafter den Kurs bestimmen.

Hinzu kommt: Büchner will, dass Heft- und Onlineredaktion enger zusammenarbeiten. "Es gibt keine schönere intellektuelle Herausforderung als die, zu überlegen, wie wir unsere Art zu arbeiten in die digitale Welt übertragen können", hatte Büchner vor einem halben Jahr im HORIZONT-Interview (Ausgabe 5/2014) gesagt. Er will Produkte, Abläufe und Strukturen neu abstimmen, somit Fürstentümer zerschlagen und darauf hinwirken, beide Redaktionen irgendwann zusammenzulegen. Spätestens dann müssten die Print-Kollegen ihre Privilegien (Konditionen, Mitsprache, Gewinnausschüttung statt nur -beteiligung) mit den Onlinern teilen. Noch schwerer als das dürfte für manche Printler der befürchtete Statusverlust wiegen.

Deshalb wächst bei einem Teil der Print-Redaktion der Unmut in dem Maße, wie Büchner seine Pläne, die er erstmals im Dezember 2013 vorgestellt hat, beginnt umzusetzen, im Heft, in der Führung von Heft- und Netzredaktion, beim Produkt Spiegel Online. Manchen schwant, was andere begrüßen: Er meint es offensichtlich ernst, er arbeitet seine Agenda ab. Schwer einzuschätzen ist in der Heftredaktion das Kräfteverhältnis von Büchner-Gegnern, -Befürwortern und denen, die beginnen zu ahnen, dass sich manche Dinge und bisherige Gewissheiten vielleicht tatsächlich mal verändern müssten. Einzelne Redakteure sagen, die Anti-Büchner-Fraktion werde kleiner - aber ihre Stimme nach innen und außen umso lauter.

Mag sein. Nach innen - siehe das Treffen mit Saffe. Und nach außen? Hier dürfte nun wieder die Hochsaison der Durchstechereien beginnen. Die Großwetterlage passt: Es brodelt in der "Spiegel"-Redaktion, und die Medien stecken im Sommerloch. So skandalisierte vor ein paar Tagen die "Berliner Zeitung", eine bewährte Anlaufstation für die Empörten bei "Spiegel" und "Stern", mit rührender Akribie die Genese des Wulff-Titelinterviews; die Kollegen von "Meedia" haben das Thema schließlich angemessen irritiert kommentiert.

Dann also Business as usual? Nein, keineswegs. Denn dass Büchner jetzt quasi offiziell alle mächtigen Print-Ressortleiter gegen sich hat, ist keine Petitesse. "Spiegel"-Insider können sich kaum vorstellen, wie das auf Dauer funktionieren soll. Daraus gibt es nur zwei Auswege: Entweder war dies jetzt der Höhepunkt des Widerstands, bevor er bald durch die normativen Kräfte des faktischen Alltags zu bröckeln beginnt, ähnlich wie vor einem Jahr die Resolutionen gegen Blome und die Spitze der Mitarbeiter KG; sozusagen das letzte Gefecht der Büchner-Gegner. Büchner könnte diesen Weg mit befördern, in dem er mehr Kritik annimmt statt wegwischt.

Oder der zweite Ausweg: Die Kritik an Büchner führt dazu, dass Geschäftsführer Saffe und die fünfköpfige Geschäftsführung der Mitarbeiter KG ihren Chefredakteur aus dem Amt kippen. Dies ist aber so lange unwahrscheinlich, wie Büchner seine Agenda "Spiegel 3.0", abgesegnet von Saffe und von allen Gesellschaftern, noch nicht abgearbeitet hat. Zudem gilt nur ein Kopf (Deutschland-Redakteur Gunther Latsch) im KG-Führungsquintett, in dem auch zwei Verlagsleute und ein Dokumentar sitzen, als Büchner-kritisch. Deswegen wird der Sommer sicherlich mal wieder heiß fürs Haus, ebenso der Herbst. Doch trotz allem dürfte es auch danach weiter Wolfgang Büchner und kein neuer Chefredakteur sein, der umstritten ist. rp

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