"Spiegel" KG-Spitze öffnet Blome die Tür / Redakteure fordern Rücktritt

Donnerstag, 29. August 2013
Mitarbeiter KG gibt grünes Licht: Blome kann kommen
Mitarbeiter KG gibt grünes Licht: Blome kann kommen

Vorerst Frieden beim "Spiegel" - doch hinter den Kulissen gärt es weiter. Die gewählte Führungsspitze der Mitarbeiter KG, der über die Hälfte (50,5 Prozent) des Verlags gehört, hat das Kompromissangebot des designierten Chefredakteurs Wolfgang Büchner angenommen und damit den Weg frei gemacht für den umstrittenen "Bild"-Mann Nikolaus Blome als "nur" noch Mitglied der Chefredaktion. Die KG-Spitze zollte sogar Respekt für das Entgegenkommen von Büchner und Blome. Dies berichten Teilnehmer einer Informationsveranstaltung am Mittwochnachmittag. Damit gewinnt Büchner seinen ersten Machtkampf beim "Spiegel", bevor er überhaupt sein Büro dort bezogen hat. Doch die KG-Führung könnte vor dem Rücktritt stehen. Denn Wortmeldungen aus der Redaktion sahen im Okay der KG-Chefs den Teilnehmerberichten zufolge einen "Vertrauensverlust", ein "Einknicken" und gar einen "Verrat" der KG-Spitze an den Interessen der Stillen Gesellschafter aus der Redaktion - und forderten den Rücktritt der KG-Geschäftsführer. Denn erst am Montag hatten die mächtigen Ressortleiter einstimmig von Büchner gefordert, dass er auf Blome als Stellvertreter verzichten möge und wähnten dabei wohl die KG-Chefs hinter sich, die Blome zuvor - allerdings nicht betriebsöffentlich - ebenfalls abgelehnt hatten. Dass sich die KG-Spitze nun scheinbar allein aufgrund semantischer Feinheiten (Blome als "Mitglied der Chefredaktion" statt "Stellvertretender Chefredakteur") umstimmen ließ, erzürnt besonders die Ressortleiter. Der Streit dürfte also weiter gehen.

Zweieinhalb Stunden hat die Informationsveranstaltung gedauert. Den Berichten von Teilnehmern zufolge wurde viel geredet über die Frage, ob, wann und über was genau Geschäftsführer Ove Saffe die Führung der Mitarbeiter KG bei der anstehenden Personalie Blome informiert hatte. Für Erstaunen bei manchen hat dem Vernehmen nach gesorgt, dass einer der KG-Chefs einräumen musste, dass man seit Juni über die Personalie Blome informiert gewesen sei.

Folgenreich könnten die Wortmeldungen aus dem Plenum sein, die fast ausschließlich aus den Reihen der Redaktion (und nicht der Verlagsleute) kamen und einen Rücktritt der KG-Spitze forderten, weil diese ihren Widerstand gegen Blome aufgegeben oder zuvor unzureichend kommuniziert habe. Die anhaltende Kritik zeigt, dass es manchen Ressortleitern und Redakteuren gar nicht (nur) um Blomes mittlerweile aufgegebene Vize-Schulterklappe geht, sondern darum, den "Bild"-Mann generell als Führungskraft in der Redaktion zu verhindern, weil er mit seinem populär-konservativen Stallgeruch nicht zum "Spiegel" passe.

Oder geht es vielmehr darum, vor allem Büchner zu verhindern, der seinen Antritt beim "Spiegel" unmissverständlich mit Blomes Antritt verknüpft hatte? Der designierte Chefredakteur, der nun wohl am 1. September startet, hatte vorab schon durchblicken lassen, was er vorhat: Das Blatt soll durch mehr Exklusivnachrichten relevanter werden. Wichtiger als weiche Nutzwert-Titel und hübsche Essays sind ihm harte Informationen und Recherche - die Zeit der reinen Schönschreiber sei vorbei. Doch ist das tatsächlich der richtige Kurs für Print in Zeiten, in denen Nachrichten doch eher übers Internet verbreitet werden? Darüber kann man sicher streiten.

Zugleich muss er das Thema Paid Content anpacken sowie Heft-, Online- und TV-Redaktionen zu mehr Kooperation bewegen, sie gar in Teilen zusammenführen. Man könnte auch sagen: Er muss Fürstentümer zerschlagen. Hier hat Büchner sich schon vor seinem Antritt viele Feinde gemacht. Hinzu kommt, dass eine auch organisatorische Zusammenführung von Print und Online irgendwann zu der Frage führen wird, auch die Onliner am Verlag zu beteiligen - und damit an den Entscheidungen und Gewinnausschüttungen. Es geht immer also auch um Pfründe der Print-Kollegen.

Und nun? Am 16. September wird es wohl eine Gesellschafterversammlung geben, die die Mitarbeiter per Unterschriftenliste erwirkt hatten. Dann wird sich zeigen, ob diejenigen, die am Mittwoch den Rücktritt der KG-Spitze gefordert haben, nur die lautesten waren - oder unter den rund 760 Stillen Gesellschaftern des Hauses auch jene Stimmenzahl zusammenbringen, die für eine Neuwahl der fünf KG-Geschäftsführer nötig wäre. Denn vielleicht ist ja gar nicht jeder in der Redaktion gegen Büchner/Blome, traut es sich nur nicht laut zu sagen. Und auch Vertriebs-, Vermarktungs- und andere nicht-redaktionelle Mitarbeiter sind stimmberechtigte Stille Gesellschafter, und die fühlen sich von den Querelen in der Redaktion zunehmend genervt. Auch das war eine Wortmeldung. Einen Rücktritt hat die KG-Spitze zumindest jetzt abgelehnt.

Falls sich durch mögliche KG-Rücktritte oder -Neuwahlen nicht wieder alles ändert und Büchner/Blome tatsächlich antreten, wird es eine ganz andere Frage sein, wie es beide dann künftig im Arbeitsalltag schaffen wollen, ihre zahlreichen Bezweifler und Gegner in der Redaktion zu überzeugen, einzubinden, ruhig zu stellen - oder zu verabschieden. rp
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