Ove Saffe zum Chefredakteurs-Zoff Der bewusste Eiertanz des Spiegel-Geschäftsführers

Dienstag, 07. Oktober 2014
"Zur Disposition steht nichts, zur Diskussion vieles": Spiegel-Geschäftsführer Ove Saffe
"Zur Disposition steht nichts, zur Diskussion vieles": Spiegel-Geschäftsführer Ove Saffe
Foto: Foto: Olaf Ballnus

Vor ein paar Monaten, als die Welt beim „Spiegel“ nach außen hin noch heile war, da hatte Geschäftsführer Ove Saffe eine Einladung des Clubs Hamburger Wirtschaftsjournalisten (CHW) angenommen. Jetzt sollte es soweit sein. Doch in der Zwischenzeit: Riesentumulte um Chefredakteur Wolfgang Büchner und sein digitales Umbaukonzept „Spiegel 3.0“. Muss er gehen? Oder doch nicht? Wer kommt? Wie ist die Lage bei den Gesellschaftern? Man hätte verstanden, wenn Saffe den Termin dann doch noch abgesagt hätte. Hat er aber nicht.

Stattdessen fand Saffe am Montagabend vor dem CHW einen Weg, sich weder zu sehr in Redaktions- noch in Gesellschafterangelegenheiten einzumischen (beides ein Unding gerade beim „Spiegel“) – doch trotzdem seine Position zu erklären und zu verteidigen. Also auch die Position Büchners, mit dessen Schicksal er seines gewissermaßen verknüpft hat. Dafür hatte der "Spiegel"-Geschäftsführer den Wirtschaftsjournalisten ein paar „wichtige Botschaften“ (Saffe) mitgebracht, die als interessengeleitet erkennbar waren, deshalb aber nicht gänzlich falsch sein müssen.

„Wir müssen unseren Journalismus analog, digital, online und mobil verschmelzen und austarieren.“
Ove Saffe
Salopp zusammengefasst: Die Anzeigen- und seit 2012 leider auch die Vertriebserlöse des gedruckten Heftes sinken; Wachstum finde also nur im Digitalen statt. Schon heute hole Spiegel Online in Sachen Relevanz (gemessen an Zitierhäufigkeit) auf und erreiche mehr Leser als das Heft – hier allerdings warf Saffe offensichtlich die Agof-Monatswerte von Spiegel Online mit den MA-Wochenwerten von Print in einen Topf oder addierte Mobile ohne Rücksicht auf Überschneidungen hinzu. [Nachtrag: Ein Verlagssprecher merkt an, dass sich Saffe bei seiner Aussage nicht auf die "Währungsstudien" Media Analyse und Internet Facts bezogen habe, sondern auf die Allensbacher Computer- und Technik-Analyse (Acta).] Egal, seine „Botschaft“ war klar: Online wird wichtiger!

Allerdings gerieten im Internet wegen des Überangebots an Inventar die Werbepreise immer stärker unter Druck; im Nutzer-Wachstumsmarkt Mobile seien sie noch schwerer zu erzielen. Deshalb müsse Spiegel Online nicht nur ausgebaut, sondern gleichsam neu erfunden werden: Weiter als werbefinanziertes Gratis-Reichweitenportal – aber eben auch als Einstiegsplattform in eine neue Bezahlwelt eines aufgewerteten digitalen „Spiegel“, bestehend aus Heftinhalten plus weiteren digitalen Inhalten und Services, allein schon zur Stärkung der Abo-Haltbarkeit. Das Konzept ist seit Monaten bekannt; dpa-AFX und in der Folge einige (Branchen-) Medien basteln jetzt nochmal eine "News" daraus.

Saffes (und Büchners) Credo: Für dieses Megaprojekt reiche es nicht aus, dass sich Print- und Onlineredaktion einfach weiter auf Zuruf verständigen, welche Inhalte man wann über welche Kanäle ausspielen wolle. Sondern: „Wir müssen unseren Journalismus analog, digital, online und mobil verschmelzen und austarieren.“ Daraus ergebe sich die „zwingende Notwendigkeit, das Gesamtprodukt aus einer Hand zu steuern“ und damit „jetzt, frühzeitig und ohne Not“ zu beginnen. Mit der Ernennung von Büchner zum Gesamt-Chefredakteur im letzten Jahr sei der erste Schritt getan, nun müssten die Ebenen darunter folgen, Stellvertreter und Ressortleiter.

Die Zukunft des "Spiegel" beschäftigt die Branche
Bild: Foto: Der Spiegel

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Vor allem daran, an der (schnellen) Zusammenführung der Ressortleitungen, hat sich bekanntlich der Widerstand der (Print-) Ressortleiter und großer Teile der (Print-) Redaktion entzündet. Sie wollen Büchner stürzen. Oder etwa nicht? „Ich lese das auch in der Presse“, so Saffe nur bedingt ironisch, „aber wirklich belastbar sind diese Kolportagen nicht“. Immerhin, Unruhe im Haus räumte er ein, das sei ja auch fast normal in dieser Situation: "Es geht uns im Branchenvergleich noch sehr gut, vielleicht fehlt deshalb hier und da die Einsicht in die Notwendigkeit von Veränderungen."

Hält er selber gleichermaßen am Konzept, den Details, dem Zeitplan und auch an der Person Büchner fest? „Zur Disposition steht nichts, zur Diskussion vieles“, so Saffe. Technologisch werde man Mitte 2015 soweit sein. Und organisatorisch? Mit welchem Chefredakteur? Bei Fragen wie diesen erschien ihm sein Eiertanz wohl doch zu heikel: Er verwies bisweilen auf die Gesellschafter, nicht ohne pflichtgemäß die besondere – in Krisenzeiten allerdings sichtlich schwierige – Mitarbeiter-Eigentümerstruktur (50,5 Prozent) zu loben: „Am Ende kommt etwas Gutes heraus.“

Und noch ein Wort zur aktuellen Komplettübernahme des vetoberechtigten „Spiegel“-Gesellschafters Gruner + Jahr (25,5 Prozent) durch Bertelsmann: Hier erwartet Saffe keine Konsequenzen und Veränderungen für den „Spiegel“: „Es gibt auch jetzt keine direkten Kontakte zu Bertelsmann, sondern nur zum G+J-Vorstand, und so bleibt es.“ rp

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