"Spiegel"-Führungsstreit Von Brandbriefen, Brandstiftern und verbrannten Fingern

Montag, 10. November 2014
Der Führungs- und Richtungsstreit beim "Spiegel" geht weiter
Der Führungs- und Richtungsstreit beim "Spiegel" geht weiter
Foto: Spiegel Gruppe

Beim "Spiegel" in Hamburg herrschen eine Woche nach der großen Spiegel-Online-Jubiläumsparty eher Kater- und Kampfstimmung statt Aufbruchsstimmung. Sichtbarstes Zeichen dafür ist der neuerliche Brandbrief, den die Print-Redaktion am vergangenen Donnerstag an die Gesellschafter verschickte, um ihren ungeliebten Chefredakteur Wolfgang Büchner ganz schnell ganz loszuwerden. Doch die Aktion könnte das Gegenteil bewirken.

Denn auch wenn es in der Außenwirkung so erscheint: Die Spiegel-Gruppe besteht nicht nur aus 260 Print-Redakteuren, sondern auch aus 70 Dokumentaren, über 400 kaufmännischen Verlagsangestellten (diese drei Gruppen sind zudem Stille Gesellschafter des Verlags) – und eben 150 Online-Redakteuren, neben etwa 300 weiteren Mitarbeitern in anderen Sparten.

  • Ove Saffe: Der Geschäftsführer des Spiegel Verlags hat Büchner lange den Rücken gestärkt
    Ove Saffe: Der Geschäftsführer des Spiegel Verlags hat Büchner lange den Rücken gestärkt (Bild: Spiegel Verlag)
  • Wolfgang Büchner: "Spiegel"-Chefredakteur auf Abruf?
    Wolfgang Büchner: "Spiegel"-Chefredakteur auf Abruf? (Bild: Spiegel Verlag)
  • Julia Jäkel hat als Chefin des Anteilseigners G+J (25,5 Prozent) beim "Spiegel" ein Wörtchen mitzureden
    Julia Jäkel hat als Chefin des Anteilseigners G+J (25,5 Prozent) beim "Spiegel" ein Wörtchen mitzureden (Bild: G+J)
  • Hat er Giovanni di Lorenzo vergrault? Jacob Augstein ist Vertreter der Augstein-Erben, die 24 Prozent am "Spiegel" halten.
    Hat er Giovanni di Lorenzo vergrault? Jacob Augstein ist Vertreter der Augstein-Erben, die 24 Prozent am "Spiegel" halten. (Bild: Spiegel Verlag)
  • Ohne Thomas Hass, den Sprecher der Geschäftsführung der Mitarbeiter KG , geht beim "Spiegel" wenig
    Ohne Thomas Hass, den Sprecher der Geschäftsführung der Mitarbeiter KG , geht beim "Spiegel" wenig (Bild: Spiegel Verlag)
  • Nikolaus Blome: Als Büchner den Ex-"Bild"-Mann in die "Spiegel"-Chefredaktion holte, machte er sich keine Freunde
    Nikolaus Blome: Als Büchner den Ex-"Bild"-Mann in die "Spiegel"-Chefredaktion holte, machte er sich keine Freunde (Bild: Spiegel Verlag)
  • Klaus Brinkbäumer: Der Stellvertretende Chefredakteur könnte der neue starke Mann des "Spiegel" werden
    Klaus Brinkbäumer: Der Stellvertretende Chefredakteur könnte der neue starke Mann des "Spiegel" werden (Bild: Spiegel Verlag)
  • Auch Clemens Höges ist Stellvertretender Chefredakteur des "Spiegel"
    Auch Clemens Höges ist Stellvertretender Chefredakteur des "Spiegel" (Bild: Spiegel Verlag)
  • Matthias Schmolz ist Verlagsleiter und Prokurist beim "Spiegel"
    Matthias Schmolz ist Verlagsleiter und Prokurist beim "Spiegel" (Bild: Spiegel Verlag)
  • Rolf-Dieter Schulz ist ebenfalls als Verlagsleiter und Prokurist beim "Spiegel" tätig
    Rolf-Dieter Schulz ist ebenfalls als Verlagsleiter und Prokurist beim "Spiegel" tätig (Bild: Spiegel Verlag)
  • Jan Siegel hat ebenfalls Prokura beim Hamburger Nachrichtenmagazin
    Jan Siegel hat ebenfalls Prokura beim Hamburger Nachrichtenmagazin (Bild: Spiegel Verlag)
  • Katharina Borchert ist Geschäftsführerin von Spiegel Online
    Katharina Borchert ist Geschäftsführerin von Spiegel Online (Bild: Spiegel Verlag)
  • Barbara Hans ist Stellvertretende Chefredakteurin von Spiegel Online, das ebenfalls von Büchner geleitet wird
    Barbara Hans ist Stellvertretende Chefredakteurin von Spiegel Online, das ebenfalls von Büchner geleitet wird (Bild: Spiegel Verlag)
  • Auch Florian Harms berichtet als Stellvertretender Spiegel-Online-Chefredakteur an Büchner
    Auch Florian Harms berichtet als Stellvertretender Spiegel-Online-Chefredakteur an Büchner (Bild: Spiegel Verlag)
  • Auch er gehört der Chefredaktion von Spiegel Online an: Roland Nelles
    Auch er gehört der Chefredaktion von Spiegel Online an: Roland Nelles (Bild: Spiegel Verlag)
  • Sabine Jünger ist Geschäftsführerin des Spiegel-Vermarkters Quality Channel
    Sabine Jünger ist Geschäftsführerin des Spiegel-Vermarkters Quality Channel (Bild: Spiegel Verlag)
  • Teilt sich die Quality-Channel-Geschäftsführung mit Jünger: Norbert Facklam
    Teilt sich die Quality-Channel-Geschäftsführung mit Jünger: Norbert Facklam (Bild: Spiegel Verlag)
Trotz dieses Köpfe-Verhältnisses repräsentierte bisher fast allein die Print-Redaktion das innere Stimmungsbild des Hauses nach außen: Weil sie den Inhalt des Heftes verantwortet, das nach wie vor das Renommee und die Erlöse der Marke bestimmt. Weil auch ihr ein Teil des Verlags gehört. Weil sie nach ihrem Selbstverständnis ein bisschen mehr "Spiegel" sind als andere Abteilungen im Haus. Und weil sie beste Kontakte zu Medienjournalisten pflegt.

Spiegel Hochhaus
Bild: Foto: Jürgen Herschelmann

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Seit Anfang vergangener Woche haben Aktivkräfte der Print-Redaktion einen neuen quasi-öffentlichen Brandbrief vorbereitet. Zunächst kursierte eine Hardcore-Fassung, die Büchner ("Störung des Betriebsfriedens") wie einen räudigen Hund vom Hof jagen wollte; nur wenige Redakteure wollten hier unterschreiben. Am Donnerstag tatsächlich an Gesellschafter und Mediendienste verschickt wurde eine allgemeinere Version ("Führungsvakuum beenden").

Trotzdem erntet die Print-Redaktion im eigenen Haus für diese jüngste Aktion Unverständnis, Ärger und sogar Entsetzen. Denn die "Spiegel" -Gesellschafter – Mitarbeiter KG (50,5 Prozent), Gruner + Jahr (25,5) und die Augstein-Erben (24) – haben doch, dies ist ein offenes Geheimnis, längst entschieden, dass Büchner als Chefredakteur abgesetzt werden soll.

Zum einen, weil das Verhältnis zwischen ihm und der Print-Redaktion längst als unrettbar zerrüttet gilt. Dies droht viele Projekte zu lähmen, kurzfristige (Heftproduktionen), mittelfristige (Umstellung auf samstägliches Erscheinen ab 2015) und langfristige (Entwicklung und Umsetzung eines "Spiegel"-Produktkonzeptes für die digitale Welt). Und zum anderen, weil mittlerweile auch die Mehrheit der fünfköpfigen Geschäftsführung der Mitarbeiter KG sowie G+J einige Zweifel und Sorgen der Printler teilen: Zweifel an Büchners Amtsführung, Eignung und Interesse als journalistischer Kopf und Blattmacher des "Spiegel". Und Sorge um das Print- und Digital-Bezahlmagazin, das – noch – das meiste Geld verdient und das auch in Büchners digitalem Umbaukonzept "Spiegel 3.0" eine zentrale Rolle spielt.

Wolfgang Büchner Hochkant
Bild: Spiegel

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Vollzogen wurde die Entscheidung, Büchner als Chefredakteur abzusetzen, bisher aus drei Gründen noch nicht: Erstens, weil nach der Absage des externen ("Zeit") Wunsch-Nachfolgers Giovanni di Lorenzo die wohl interne Nachfolgelösung noch nicht definiert ist: der bisherige Vize Klaus Brinkbäumer alleine? Als Doppelspitze mit einem weiteren Printler – oder mit einem Onliner? Zweitens, weil noch nicht klar ist, ob und inwieweit man Büchner und seine Fähigkeiten als digitaler Change-Manager (die er zuvor als Chefredakteur der DPA ja gezeigt hatte) weiter ans Haus binden will oder kann. Und drittens, weil die Gesellschafter verhindern wollen, auch noch Geschäftsführer Ove Saffe zu verlieren, der sein "Spiegel"-Schicksal damit verknüpft hat, dass Büchner bleibt, zumindest in einer herausgehobenen Position.

Aber, wie gesagt: Die Entscheidung gegen Büchner als Chefredakteur ist längst gefallen – deshalb löst der neue Printler-Brandbrief im Rest des Hauses so großes Befremden aus. Die Aktion sei nicht nur unsinnig, sondern auch schädlich fürs Haus, weil sie unnötig und öffentlich nachtrete. Tatsächlich wirkt der "Spiegel", in seiner Selbstwahrnehmung ein Hort streitbarer Charakterköpfe, immer mehr wie ein zerstrittener Intrigantenstadl. Mittlerweile melden sich auch Stimmen der bisher schweigenden Mehrheit der Online- und Verlagsleute bei Medienjournalisten zu Wort. Interne Konfliktlinien reißen zu Gräben auf, und das alles schön öffentlich. Gar von "Bürgerkrieg" sprechen manche. Außerdem haben es die Printler jetzt geschafft, sich selbst und ihre durchaus nachvollziehbaren Motive, an Büchners spezieller Eignung als Blattmacher zu zweifeln, nun massiv zu diskeditieren: Geht es ihnen tatsächlich nur ums Blatt, oder noch um viel mehr?

Denn darum geht es ja auch: Um das Projekt "3.0", zu dem sich die Gesellschafter auch öffentlich bekannt haben. Sein Inhalt: Zusammenführung der Print- und Online-Ressortleitungen, Ausbau der digitalen Bezahlangebote (Online und App), die Gratis-Site Spiegel Online als Eintrittsplattform dafür. Damit bedeutet "3.0" mehr Macht und Geld für etliche Onliner, zulasten der Printler. Büchner wollte es schnell, konsequent und tiefgreifend umsetzen, oder eben – nach Lesart der Printler – überstürzt, poltrig und zerstörerisch radikal. Es mag sein, dass manche von ihnen gleich das gesamte "3.0"-Konzept abschießen wollen.

Und nun? Die Gesellschafter könnten sich provoziert fühlen, das neue Führungstableau jetzt erst recht lieber einen Tag später als früher zu verkünden, allein, um zu demonstrieren, dass man sich von den Print-Revoluzzern (oder -"Reaktionären", so ein Onliner) nicht treiben lässt. Speziell in der fünfköpfigen Geschäftsführung der Mitarbeiter KG könnte zudem die Bereitschaft zu einer Kompromisslösung steigen, mit Büchner in einer herausgehobenen Position. Büchner wäre dazu trotz Degradierung wohl bereit, Saffe sowieso, G+J würde sich wohl nicht sperren. Dann hätten die Print-Petenten mit ihrem jüngsten Brandbrief das Gegenteil erreicht; sie hätten sich selbst die Finger verbrannt.

Allerdings könnte das KG-Quintett an dieser Frage – Büchner nur degradieren oder ganz demittieren und Saffe verlieren? – auch zerbrechen. Dann müssten die rund 760 Stillen Gesellschafter des "Spiegel" (Print-Redakteure, Dokumentare, Verlagsangestellte) ihre Vertreter neu wählen. Ausgang ungewiss. Gewiss wäre nur: Die Wahlkämpfe vorher würden wild; Brandbriefe wären da noch das Geringste. rp

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