Sebastian Matthes Das erste Interview mit dem deutschen HuffPo-Chefredakteur

Donnerstag, 12. September 2013
Will HuffPo zur Engagement-Plattform machen:  Sebastian Matthes
Will HuffPo zur Engagement-Plattform machen: Sebastian Matthes

Am 10. Oktober geht die Huffington Post nun auch in Deutschland an den Start. Als Chefredakteur wurde wie berichtet Sebastian Matthes, der bisherige Ressortleiter Technik und Wissenschaft der "Wirtschaftswoche", verpflichtet. HORIZONT.NET sprach mit dem Hoffnungsträger über die journalistische Ausrichtung der HuffPo, die Zusammenarbeit mit Focus Online und seine persönlichen Vorbilder. Was reizt Sie an der HuffPo Deutschland? Die Huffington Post ist aus meiner Sicht das spannendste Medienprojekt, das es aktuell in Deutschland aufzubauen gibt. Unser Team wird Teil eines schnell wachsenden Netzwerks aus Hunderten, bestens ausgebildeten Journalisten. Wir profitieren dabei nicht nur von einer sehr weit entwickelten Technologie, wir können auch auf einen Erfahrungsschatz zurückgreifen, den ein rein deutsches Team so schnell nicht hätte.

Was unterscheidet die HuffPo von Portalen wie Spiegel Online oder Focus Online? Die Huffington Post ist kein reines Nachrichtenportal, sondern eine Engagement-Plattform. Aus seiner Geschichte und Tradition heraus verfolgt die Seite einen konsequenten Community-Ansatz: Die HuffPost ist eine Plattform für den Austausch von Ideen und Expertenmeinungen. Natürlich spielen auch Nachrichten und die Analysen von großen Ereignissen eine wichtige Rolle. Aber zugleich können Leserinnen und Leser als Experten zu Autoren werden - zu allen Themen, die uns beschäftigen. Die HuffPost-Redaktion greift die spannendsten Debatten anschließend auf und lässt sie in neue Berichte einfließen. Die Journalisten der HuffPost nehmen damit Platz unter Gleichgesinnten und suchen den Austausch auf Augenhöhe. Das schließt übrigens keineswegs aus, hochklassigen Journalismus anzubieten, wie die Kollegen in den USA gezeigt haben. 2012 erst wurde eine Artikelserie der Huffington Post mit dem renommierten Pulitzer Preis ausgezeichnet.

Ist HuffPo eine Art Gegenentwurf zu Paid Content-Modellen? Das ist keine Eins-Oder-Null-Diskussion. Ich glaube, dass beide Systeme - bezahlt oder frei - nebeneinander bestehen können. Der Blick in die USA belegt das: Während die HuffPost mit einem rein werbefinanzierten Modell sehr erfolgreich ist, scheint die New York Times mit ihrem Paid-Content-Angebot Erfolge einzufahren.

Wie eng wird die Zusammenarbeit mit Focus Online sein? Die Huffington Post und Focus Online ergänzen sich perfekt. Eine soziale Engagement-Plattform auf der einen Seite, ein klassisches Nachrichtenangebot auf der anderen Seite. Focus Online wird die HuffPost teasern und damit die Start-Reichweite anschieben. Zudem profitieren wir vom enormen Know-how im Marketing und in der Werbevermarktung bei Focus Online. Ähnlich funktioniert auch die sehr erfolgreiche Zusammenarbeit zwischen der Huffington Post und der Tageszeitung Le Monde in Frankreich.

HuffPo Deutschland ist nicht nur eine journalistische, sondern auch eine unternehmerische Herausforderung. Wo wird Ihr Schwerpunkt liegen - im Reichweitenaufbau oder bei der Frage der Monetarisierung? Ich glaube, das eine wird nicht ohne das andere gehen. Zudem müssen wir in diesem Spannungsfeld schnell ein unverwechselbares journalistisches Profil aufbauen. Wir wollen einen eigenen, überraschenden Blick auf die Dinge bieten und dabei auch diejenigen ansprechen, die sich vom netzkritischen Mainstream vieler Medien nicht mehr angesprochen fühlen. Es ist nicht alles toll, was im Internet abläuft. Aber genausowenig ist jede Netz-Innovation das Ende des Abendlandes. Ich glaube, dass in Deutschland noch viel Raum für einen optimistischen Blick auf das Internet und neue Technologie im Allgemeinen ist.

Wer ist Ihr journalistisches Vorbild? Das ist schwer auf einen Menschen herunterzubrechen. Die Zeit der großen Vorbilder ist bei mir vorbei. Eher interessiere ich mich für Ansätze, die zeigen, in welche Richtung sich unsere Branche entwickelt: Ich bewundere beispielsweise das Team von "The Atlantic", dem es gelungen ist, aus einem verstaubten Polit-Magazin eine weltweit bekannte Online-Marke zu entwickeln, mit immer neuen Innovationen und Produkten, die ich selbst fast täglich nutze. Eine ähnlich beeindruckende Geschichte ist die von Politico, einem tollen Beispiel von unternehmerischem Journalismus. Ebenso spannend ist auch der Aufstieg von Buzzfeed, einer Seite, die erst mit Katzenvideos groß wurde und auf einmal Star-Reporter unterschiedlichster Disziplinen einstellt. Sie sehen, die Vorbilder von Morgen entstehen gerade erst. Auf jeden Fall ist auch Arianna Huffington ein Vorbild mit dem was sie aufgebaut hat.

Mit Ungedruckt.net haben Sie ein eigenes Blog. Werden Sie künftig dafür überhaupt noch Zeit haben? Mein Blog ist ja schon immer eher eine Art Notizbuch für mich selbst. Und Notizen machen Journalisten immer. Interview: Volker Schütz
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