Krisen-Sender Wie Kaspar Pflüger Sat 1 aufpäppeln will

Donnerstag, 20. April 2017
Seit Oktober 2015 ist Kaspar Pflüger Geschäftsführer von Sat 1
Seit Oktober 2015 ist Kaspar Pflüger Geschäftsführer von Sat 1
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Es läuft nicht rund für Sat 1. 2016 sackte der Marktanteil auf 8,7 Prozent, im März zog einmal sogar Vox am Sorgenkind der Mediengruppe Pro Sieben Sat 1 vorbei. Kaspar Pflüger, bei seinem Amtsantritt fünfter Senderchef in fünf Jahren, will jetzt die Kehrtwende schaffen und den Branchenprimus RTL angreifen. Wieso er dafür die Daytime grundlegend umbaut, verrät er im Interview mit HORIZONT.
Herr Pflüger, Sie sind seit gut eineinhalb Jahren im Amt. So richtig zufrieden können Sie nicht sein. RTL hat Sat 1 abgehängt, von der anderen Seite nähert sich Vox mit großen Schritten. Wie zuversichtlich sind Sie, wieder die Kurve zu kriegen?
Ganz ehrlich, ich mache mir überhaupt keine Sorgen. Natürlich bin ich mit den Quoten aktuell nicht zufrieden – umso mehr aber mit den Fortschritten, die Sat 1 in den vergangenen Monaten gemacht hat. Am Vorabend stehen wir einen ganzen Prozentpunkt besser da als im letzten Jahr. Auch die Primetime mit „Lethal Weapon“ am Montag, der Serie „Einstein“ und den TV-Movies am Dienstag, dem neuen Fun-Freitag und dem Show-Sonntag funktioniert viel besser als letztes Jahr. Das sind schon deutliche Fortschritte. Und ich bin noch lange nicht fertig. Ich sehe sehr großes Potenzial in Sat 1.

Zur Person

Kaspar Pflüger hat im Oktober 2015 die Nachfolge von Nicolas Paalzow übernommen, der Sat 1 nach den Flops „Newtopia“ und „Mila“ verlassen hat. Mittlerweile leitet der 40-Jährige zudem den Ableger Sat 1 Gold. Ab 2014 verantwortete Pflüger bereits die Programme der Daytime und des Vorabends als stellvertretender Sat-1-Geschäftsführer. Zuvor war er Programmdirektor von RTL Kroatien und arbeitete mit dem damaligen RTL-Group-Chef Gerhard Zeiler.
Trotzdem sind Sie bei den 14- bis 49-Jährigen vom zweistelligen Marktanteil weiterhin um einiges entfernt. Sind die 10 Prozent denn überhaupt noch realistisch?
Mittelfristig ja. Ich möchte mich nur nicht auf einen bestimmten Zeitraum festlegen. 2018 ist beispielsweise  wieder ein Sportjahr, das werden wir natürlich spüren. Grundsätzlich halte ich einen zweistelligen Marktanteil nach wie vor für realistisch, weil wir unsere Hausaufgaben gemacht haben. Wir haben die To Do’s in der Daytime, die momentan zugegeben schwach ist, erkannt und setzen sie gerade um. Wenn es hier und am Vorabend noch besser läuft, ist das der entscheidende Schritt auf dem Weg zur Zweistelligkeit. In diesem Jahr habe ich auf jeden Fall schon mal einen Marktanteil von 9 Prozent im Blick.
Momentan dominieren Gerichts- und Polizeishows den Tag auf Sat 1, was man durchaus als eintönig bezeichnen kann. Was soll sich hier ändern?
Die Daytime bewegt sich immer in Wellen. Deshalb haben in den vergangenen 15 Jahren unterschiedliche Erzählformen den Nachmittag dominiert: der Talk, die Court-Shows, dann Scripted Reality, aktuell ist es Scripted Doku. Natürlich läuft man damit immer Gefahr, für eine gewisse Übersättigung zu sorgen. Gleichzeitig kann Homogenität in dem Moment, in dem sie funktioniert, auch eine Stärke sein. Aktuell bereiten wir uns jedenfalls auf die nächste Welle vor. Die „Klinik am Südring“ ist ja schon sehr gut angelaufen.
Kaspar Pflügers Hoffnungsträger am Sonntag: Thomas Gottschalk, Moderator von "Little Big Stars"
Kaspar Pflügers Hoffnungsträger am Sonntag: Thomas Gottschalk, Moderator von "Little Big Stars" (Bild: Sat 1)

Auf Gefängnis folgt also Krankenhaus?
Medizin ist zumindest der nächste Schritt. Ich möchte den Nachmittag weg von negativen Inhalten wie Verbrechen und Bestrafung hin in Richtung Hilfe, Fürsorge und ärztliche Versorgung drehen. Der zweite Schritt ist das Thema Schule und damit ein Mikrokosmos, in dem viele Geschichten aufeinanderprallen und der unsere Zuschauer am Nachmittag sehr beschäftigt. Wir arbeiten in beiden neuen Bereichen mit „echten“ Experten, also mit Ärzten, mit Sozialhelfern und Pädagogen, die die Situationen aus der Praxis kennen. Wir gehen aber in Zukunft auch in Richtung Reallife und Dokutainment, weil wir ein großes Bedürfnis der Menschen nach Wahrhaftigkeit, Authentizität und Nähe spüren.


Warum genau glauben Sie, dass das funktionieren wird?
Es gibt zwei Möglichkeiten, wie sich Menschen in komplizierter werdenden Zeiten verhalten. Entweder sie entscheiden sich für einen gewissen Eskapismus oder dafür, Orientierung zu finden. Beide Bedürfnisse bespielen wir an verschiedenen Stellen. Unsere Richter waren moralische Orientierungsfiguren, die immer sehr genau gesagt haben, was richtig ist und was falsch. Unsere Polizisten geben auf eine gelassene und sehr deeskalierende Weise Orientierung und moralische Unterstützung. Dieses Thema greifen wir jetzt mit Medizin und Schule zwar  ganz anders auf, aber letztlich geht es immer darum, Orientierung zu liefern und unseren Zuschauern Empfehlungen zu geben, in aufgeladenen Situationen richtig zu handeln. kan

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