Sascha Lobo "Dem Journalismus steht das Schlimmste noch bevor"

Montag, 25. April 2016
Weiß auf (fast) alles eine Antwort: Sascha Lobo
Weiß auf (fast) alles eine Antwort: Sascha Lobo
Foto: Reto Klar

Er erklärt der Welt das Internet und seine Auswirkungen auf die Gesellschaft: Sascha Lobo. Morgen spricht er auf der Messe "Personal Nord" unter anderem über die Digitalisierung klassischer Geschäftsmodelle und wie sie die Arbeitswelt verändert. Im Gespräch mit HORIZONT Online plädiert Lobo für eine Flexibilisierung des Arbeitsmarktes und stellt für den Journalismus keine gute Prognose auf.

Herr Lobo, Sie sind als Selbständiger tätig, ich arbeite als Festangestellter. Welchem Modell gehört die Zukunft? Ich möchte, dass beide eine Zukunft haben. Allein schon deshalb, weil sie von den Sphären her komplett unterschiedlich sind. Mein Modell ist ein personenbezogenes, ich bin also eher ein Einzelkämpfer. Ihr Modell ist ein gruppen- und redaktionsbezogenes, von dem ich glaube, dass es das auch geben muss. Die Medienlandschaft kann nicht nur aus Sascha Lobos bestehen, sonst würde ich wahnsinnig werden und Sie auch und mein Geschäftsmodell wäre bedroht.

Trotzdem gibt es auf dem Arbeitsmarkt immer mehr Selbständige. Das liegt auch an Diensten wie Uber, deren Fahrer seit langem sogar als Angestellte anerkannt werden wollen. Sie selbst nennen das Geschäftsmodell von Uber, AirBnb und Co „Plattform-Kapitalismus“. Klingt nicht gerade verheißungsvoll. Plattform-Kapitalismus ist etwas, das auf uns zukommt, keine Frage. Von der Größenordnung und von der Wirkmacht her ist dieses ökonomische Prinzip meiner Einschätzung nach vergleichbar mit der Globalisierung. Das kommt auf jeden Fall - und bringt große Vor- und Nachteile mit sich. Ich glaube, es ist notwendig, diese Entwicklung genau zu beschreiben, wie sie funktioniert, wie sie den Arbeitsbegriff verändert. Dann ist es für die Gesellschaft leichter, die positiven Aspekte des „Plattform-Kapitalismus“ zu verstärken und die negativen so weit wie möglich zurückzudrängen. Ich möchte den Begriff deshalb nicht verteufeln, im Gegenteil. Ich möchte zur Mitgestaltung aufrufen.

„Das, was Plattformen wie Uber derzeit machen, verdient natürlich eine große Portion Skepsis.“
Sascha Lobo
Dennoch habe ich das Gefühl, dass der Großteil der Bevölkerung dem Thema eher skeptisch entgegenblickt. Das, was Plattformen wie Uber derzeit machen, verdient natürlich eine große Portion Skepsis. Und grundsätzlich glaube ich, dass informierte Kapitalismus-Kritik insgesamt notwendig ist. Gesellschaftlicher Diskurs ist bei der Digitalen Transformation essentiell, um auszuloten, welches Potenzial gehoben werden soll und welches nicht. Ich betrachte sowohl die positiven wie auch die negativen Seiten dieser Entwicklung. Aber dass bei mir manchmal eine Grundskepsis deutlicher zu hören ist, liegt auch daran, dass einige Unternehmen nicht nur disruptiv, sondern auch sehr destruktiv agieren.

Ist „Share-Economy“ also nichts weiter als ein cleverer PR-Begriff? Der Begriff Share-Economy wurde aus PR-Gründen gewählt. Ich habe nichts gegen PR, aber man muss sie decodieren. Share Economy hört sich harmloser an, dahinter stehen aber ganz handfeste marktwirtschaftliche Interessen. Und das ist auch gar nicht schlimm. Ich halte bloß nichts davon, wenn man ein wirkmächtiges Instrument hat und so tut, als sei das nur Ringelreihe tanzen. Insofern hat für mich der Begriff Share Economy seine Berechtigung, bildet aber nur einen kleinen Aspekt ab. Deshalb rede ich auch lieber vom Plattform Kapitalismus. Denn auf dieser Ebene versteht jeder sofort a) die Größe dieser Entwicklung und b) dass man selbst aktiv daran arbeiten muss, die positiven Seiten zu betonen und die negativen zurückzudrängen. Plattform-Kapitalismus ist die Darreichungsform des heute allgegenwärtigen Wirtschaftsmodells Kapitalismus.

Bei Uber gehen die Fahrer aber nach wie vor auf die Barrikaden. Hat dieses Arbeitsmodell also eine Zukunft? Das weist zunächst darauf hin, dass meine These, die ich vor anderthalb Jahren aufgestellt habe, immerhin nicht ganz falsch ist: Arbeit und der Arbeitsbegriff stehen im Gravitationszentrum des Plattform-Kapitalismus. Es zeigt auch, dass diese Plattformen eine ungeheure Macht bekommen haben. Und zwar eine Macht, die man ihnen davor immer abgesprochen hatte. So oft wurde gesagt: „Die Mittelsmänner sterben alle weg!“  Überhaupt nicht! Die Mittelsmänner sind mächtiger als je zuvor. Uber ist das wertvollste Startup der Welt mit einem Wert von über 60 Milliarden Dollar. Auf dieser Ebene kann ich beim besten Willen nicht erkennen, dass die totgesagten Mittelsmänner arm vor sich hin kümmern. Im Gegenteil, als Plattform erleben die Mittelsmänner eine Renaissance.

Aus großer Macht folgt aber auch große Verantwortung. Dass diese Macht oftmals auch missbraucht wird ist klar. Gerade bei Personen, die nicht eben durch eine besonders überbordende Empathie aufgefallen sind wie Uber-Chef Travis Kalanick. Und dagegen protestieren die Uber-Fahrer ja schließlich, gegen eine unfaire Behandlung. Das heißt für den gesellschaftlichen Diskurs: Wir müssen uns Gedanken machen, wie Arbeit zeitgemäß organisiert werden kann. Meine Forderung wäre, dass wir eine Flexibilisierung zwischen Angestellten-Welt und Selbständigkeit brauchen.

„Jetzt muss ich etwas ganz Trauriges sagen: Ich weiß es nicht. Und das ist für niemanden trauriger als für mich, weil ich ja sonst für ausnahmslos alles eine Antwort habe.“
Sascha Lobo
Wie sähe diese Flexibilisierung aus? Jetzt muss ich etwas ganz Trauriges sagen: Ich weiß es nicht. Und das ist für niemanden trauriger als für mich, weil ich ja sonst für ausnahmslos alles eine Antwort habe. Aber in diesem Kontext muss man diskutieren, wie eine solche Flexibilisierung aussehen und politisch umgesetzt werden kann, ohne dass die Gesellschaft zu sehr in eine Richtung kippt, dass also die Flexibilisierung zu stark zu Lasten der Arbeitgeber oder der Arbeitnehmer geht.

Inwiefern wird die Medienbranche mit dieser Verflüssigung der Grenze kämpfen müssen? Interessanterweise ist der Bedarf an flexiblen Arbeitsmodellen in der Medienbranche schon seit über 15 Jahren vorhanden – zum Beispiel bei den Öffentlich-Rechtlichen. Die machen seit Jahren komische Verrenkungen um Werksverträge oder Feste-Freie-Konstruktionen, die es in dieser Art womöglich nur dort geben kann und in anderen Konstellationen wohl abgemahnt, verboten oder mit riesigen Strafzahlungen belegt würden. Das könnte ein deutliches Zeichen dafür sein, dass man mittelfristig einen Weg finden muss, diesen Bedarf – sowohl auf Seiten der Arbeitnehmer als auch Arbeitgeber – menschenwürdig abzubilden.

Ein Blick in die Glaskugel: Wie wird die Arbeitswelt der Journalisten in Zukunft aussehen? Im journalistischen Kontext muss ich leider vermuten, dass das Schlimmste noch bevorsteht. Ich fürchte, dass die Refinanzierung von Journalismus in einem digital vernetzten Zeitalter noch komplizierter werden wird. Der deutschsprachige Journalismus refinanziert sich immer noch zu 80 bis 85 Prozent über Printprodukte. Wenn man sich die neuen IVW-Zahlen anschaut, die aktuellen Mediennutzungsstudien, dann sieht man doch, dass da etwas Neues nachwachsen müsste. Aber tut es kaum.

Woher kommt diese Skepsis? Die kommt daher, dass ich selbst immer noch keine Ansätze sehe, wie erfolgreich Internet-Journalismus in der Fläche refinanziert werden kann. Dass es einzelne Erfolgsstorys gibt: super! Und dass es immer wieder einzelne Experimente gibt, die Hoffnung machen: auch super! Aber Hoffnung zahlt keine Miete. Und dass ein tragfähiges Modell entstanden wäre, das auch Skalierbarkeit in der Breite hat, sich also auf die Vielzahl der Medienhäuser übertragen ließe, das sehe ich so noch nicht.

Wie groß ist nun der Druck auf die Medienhäuser? Der Druck auf die Medienhäuser scheint mir so groß wie nie zuvor. Das sieht man ja unter anderem an den Einsparmeldungen, die auf HORIZONT jeden zweiten Tag zu lesen sind. Der Druck ist so groß, dass viele Häuser langsam beginnen, ernsthaft digital zu experimentieren. Das hätte ich mir schon vor fünf oder zehn Jahren gewünscht. Mich besorgt etwa, dass das sehr spät und unter hohem Druck geschieht, weil man dann leicht das eigentliche Wesen von Experimenten vergisst, nämlich ihr mögliches Fehlschlagen. Experimente, die nicht scheitern dürfen, sind keine. Man kann es aber auch positiv sehen: Immerhin entstehen sie.

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