Roland Tichy "Journalisten sollten es nicht nötig haben, Twitter-Fuzzis als letzte Instanz zu zitieren"

Montag, 21. März 2016
Roland Tichy
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Roland Tichy Wirtschaftswoche Twitter XING


Wer befürchtete (oder hoffte), dass Roland Tichys publizistische Stimme nach seinem Abgang bei der "Wirtschaftswoche" Mitte 2014 leiser werde, lag daneben. Mehr denn je debattiert der streitbare Journalist mit – auf seiner liberal-konservativen Meinungsseite "Tichys Einblick" (880.000 Visits im Februar), als Herausgeber der Debattenplattform Xing Klartext und als hochfrequenter Gast in TV-Talkshows. Nicht allen gefällt, was er da sagt und schreibt.

So transportiert Tichy in seinem Blog bisweilen Haltungen, die manche Medienmenschen in Empörung gegen vermeintlich "rechte" Gedanken versetzen. Es fällt halt mitunter schwer, die Meinungsfreiheit Andersdenkender zu ertragen. Umgekehrt gilt das auch für manche aus Tichys Truppe: Wer sie kritisiert, gerät schnell mal in Verdacht, Redefreiheiten beschneiden zu wollen, gar Teil einer "Linksverschwörung" zu sein – dabei kritisiert man doch nur, auch das ist ja Redefreiheit.

Herr Tichy, warum gerät die gegenseitige Meinungstoleranz in der aktuellen politisch-medialen Debatte so oft unter die Räder? Schon vor rund zehn Jahren hat Evelyn Roll von der "Süddeutschen Zeitung" den Begriff der "freiwilligen Gleichschaltung" der Medien geprägt. Die zunehmende Konzentration der Meinungsführermedien auf Berlin, die räumliche Enge, der Mief in diesem weltfernen Raumschiff und die dauernde gegenseitige Umarmung von Journalisten und Politikern sind ein Teil der Gründe. Dazu kommt in der Flüchtlingsfrage der hohe Ton der Moralisierung: Wer auf praktische Probleme hinweist, wird mit dem moralischen Imperativ erschlagen. Und wer etwa die katastrophalen Folgen der Energiewende benennt, dem werden 18.500 Fukushima-Tote entgegengehalten. Abgesehen davon, dass dies die Opfer der Flutwelle waren und nicht der davon ausgelösten Kernschmelze im Atomkraftwerk – auch hier übertrumpft die Moral das Nachdenken über die Folgen. Dabei müssten sich Politik und Medien doch um die Alltagswirklichkeit und um pragmatische Lösungen kümmern, anstatt sich mit moralisierenden Scheingefechten von der Lebenswirklichkeit zu entfernen.

"Zeit"-Vize-Chefredakteur Bernd Ulrich kritisiert, dass bei zentralen politischen Fragen ein Konsens herrsche, der lediglich eine "eng umgrenzte Zone des Denkbaren" zulasse: Einige Sichtweisen würden nicht mehr als Sichtweisen dargestellt, sondern als schiere Selbstverständlichkeit. Wie fühlt es sich für Sie eigentlich an, diese engen Meinungsgrenzen hin und wieder zu überschreiten? Dann gibt’s was auf die Mütze. Vor allem auf Twitter hat sich ja ein virtuelles Biotop der moralischen Entrüstung gebildet. Aber man darf es auch nicht überbewerten, es ist häufig nur ein kleiner Kreis. Groß wird er erst, wenn Medien sich darauf beziehen und es aufblasen. Da würde ich zu mehr Selbstbewusstsein raten: Gute Journalisten sollten es nicht nötig haben, irgendwelche Twitter-Fuzzis als letzte Instanz zu zitieren. Vor allem haben die Leser dann das Gefühl, sie sollten lieber selber auf Twitter herumfuhrwerken, anstatt Zeitung zu lesen.

Das vollständige Interview mit Roland Tichy über politisch korrekten Journalismus in unruhigen Zeiten, Redaktionsfehler in seinem Blog, Kampagnen gegen ihn, verzerrend amputierte Zitate, Journalismus als lernendes System, Werbeboykott-Aufrufe von Politikern und die geschenkte (Presse-) Freiheit lesen Abonnenten in der HORIZONT-Ausgabe 11/2016, die am Donnerstag, 17. März erschien. rp

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