Rocket Beans TV "Die Professionalisierung durch Multichannel-Networks ist grauenvoll"

Mittwoch, 09. März 2016
Arno Heinisch, CEO und Gründer von Rocket Beans TV
Arno Heinisch, CEO und Gründer von Rocket Beans TV
Foto: Rocket Beans TV

Anfang 2015 ging Rocket Beans TV an den Start. Kürzlich machte der Internet-Sender durch seine Kooperation mit Jägermeister von sich reden. Wie CEO Arno Heinisch und Marketingchef Steffen Grziwa Rocket Beans TV weiterentwickeln wollen, welche Bedeutung Branded Content hat und welche neuen Sendungen in den Startlöchern stehen, verraten die beiden im Gespräch mit HORIZONT Online.
Rocket Beans TV hat Mitte Januar seinen ersten Geburtstag gefeiert. Was war das schönste Geschenk?
Arno Heinisch: "Dass es uns noch gibt und wir auch künftig noch ganz viel Herzblut in den Sender stecken können." Das klassische Fernsehen ist dem Untergang geweiht, unken viele. Selbstbestimmtes Fernsehen à la Netflix und Co. ist auf dem Vormarsch. Vor diesem Hintergrund war es nicht selbstverständlich, dass Euer Online-TV-Sender Erfolg haben wird.
Steffen Grziwa: "Lean-Back-TV befindet sich vielleicht in der klassischen Variante auf dem absteigenden Ast. Rocket Beans TV aber beweist, dass interaktives Lean-Back-TV eine Möglichkeit ist, wie man die herkömmliche Form des Fernsehens jüngeren Zuschauern wieder näher bringen und attraktiver machen kann."

Heinisch: "‚Live‘ und ‚interaktiv‘ sind hier die wichtigen Komponenten. Bei Rocket Beans TV geht es um das gemeinschaftliche Erleben. Wir senden auf Twitch jeden Tag bis zu zehn Stunden live. Via Chatleiste können unsere Zuschauer in Echtzeit mit uns und untereinander kommunizieren. Mit interaktiven Sendungen wie 'Chat-Duell' drehen wir die Schraube sogar noch etwas weiter, weil sich die Zuschauer live einbringen können. Über 20.000 Leute beteiligen sich regelmäßig mit bis zu 70.000 Chatkommentaren in der Stunde daran."

Grziwa: "Zusätzlich bieten wir unseren Fans, die ihre Lieblingssendung nicht live verfolgen können, auf Youtube die Möglichkeit, das nachzuholen. Etwa 50 Prozent unserer täglich 120.000 Zuschauer nutzen das Angebot auch."

Steffen Grziwa, Head of Marketing & PR von Rocket Beans TV
Steffen Grziwa, Head of Marketing & PR von Rocket Beans TV (Bild: Rocket Beans TV)
Seit dem Start am 15. Januar 2015 habt Ihr Euer Sendeprogramm stetig erweitert. Wie entstehen Eure Formate?
Heinisch: "Wir setzen uns regelmäßig in Kreativmeetings zusammen und überlegen, welche Inhalte interessant sein könnten. Oft haben wir auch einfach erst einmal nur einen lustigen Titel mit einer Grundformatidee, auf dem wir dann aufbauen. Diverse Formate wie unser Kinomagazin 'Kino+' oder unsere 60-minütige monothematische Talksendung 'Almost Daily' liefen schon vor dem Start von Rocket Beans TV auf unserem Youtube-Channel. Youtube ist für uns ein kreativer Spielplatz, um Neues auszuprobieren."

Dann gibt es auch Branded-Content-Formate wie "Gadget Inspectors" für Vodafone, "Smarter Phone" für Samsung, "Photochopped" für Adobe und – seit Kurzem - "Weekly Wahnsinn" für Jägermeister.  Wie kam die Zusammenarbeit mit der Spirituosenmarke zustande?
Heinisch: "Das lief über die Hamburger Agentur La Red, mit der ich zu MTV-Zeiten bereits für den Kunden Axe zusammengearbeitet hatte. Es ist wichtig, dass eine Marke zu uns passt und das ist bei Jägermeister und dessen Markenattributen Freundschaft, Teamgeist und Gaming der Fall. Branded Content ist eine ganz sensible Werbeform. Unser Sender funktioniert über Glaubwürdigkeit. Setzen wir diese aufs Spiel, ist das der Anfang vom Ende. Man darf nicht krampfhaft versuchen, eine Marke zu integrieren. Das geht nach hinten los."

Die Protagonisten von "Weekly Wahnsinn": Das Team von Rocket Beans TV
Bild: La Red

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Einige kritische Kommentare gab es allerdings schon.
Grziwa: "Ja, aber ganz wenige. Eine Befragung durch uns hat ergeben, dass gerade einmal zwei Prozent solche Formate kritisieren."

Wie oft bekommt Ihr Anfragen von Unternehmen?
Heinisch: "Nach dem Gewinn des Webvideopreises vergangenen Sommer sind die Anfragen sprunghaft angestiegen. Aktuell erhalten wir ein bis zwei Kooperationsangebote pro Woche."

Welchen Anteil nimmt Branded Content bei eurer Finanzierung ein?
Heinisch: "Unsere Finanzierung basiert auf einem 'Sieben-Säulen-Modell': Spenden, Twitch-Subscriber, Affiliate-Links, Merchandising, Twitch-Revenues, Youtube-Revenues und eigene Vermarktung. Insbesondere letztere, die Produktplatzierungen, Branded-Content-Verträge und Sponsoring umfasst, wächst sehr stark. Aber da gibt es noch sehr viel Luft nach oben – vor allem bei unseren Werbepausen. Denn diese sind – leider – bei Weitem nicht ausgebucht. Zweimal pro Stunde gehen wir auf Twitch für 180 Sekunden in die Werbung. Seit Jahresbeginn vermarktet Twitch sämtliche Werbeplätze selbst. Wir haben allerdings einen Exklusiv-Deal vereinbart, über den wir parallel auch selbst eingebuchte Werbung schalten dürfen."

Um die Eigenwerbung nun abzuschließen: Was kostet bei euch die Platzierung eines 30-Sekünders im Werbeblock?
Grziwa: "Das kommt auf die Sendezeit an, unser TKP liegt zwischen 8 und 25 Euro."

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Influencer-Marketing erfreut sich mittlerweile großer Beliebtheit. Youtube-Stars sind schwer gefragt. Manche halten diese Entwicklung allerdings für eine Blase, die bald platzt. Wie seht Ihr das?
Heinisch: "Zunächst einmal bezeichnen wir uns nicht als Youtuber. Unser Schwerpunkt liegt auf unserem Sender und unserem Content, unabhängig von den Plattformen. Nichtsdestotrotz finde ich diese Entwicklung ganz grauenvoll. Mit der Professionalisierung des Youtube-Markts durch die Multichannel-Networks geht eine maximale Kommerzialisierung einher - auf Kosten von Inhalten und Glaubwürdigkeit. Es steckt keine Nachhaltigkeit drin, wenn sich ein Youtuber für jede Marke hergibt, nur um Geld zu verdienen. Am Ende werden sich die durchsetzen, die sich auf die Inhalte konzentrieren."

Grziwa: "Das Schöne ist, dass unsere originären Formate unabhängig von Marken funktionieren. Wir können mit Unternehmen zusammenarbeiten, die zu uns passen. Für alle anderen Marken gibt es unsere Werbepausen."

Über Formate haben wir bereits mehrfach gesprochen. Was habt Ihr Neues in petto?
Grziwa: "Wir wollen jetzt im März eine ordentliche Schippe drauflegen. Nachdem wir im Februar unsere erste Sendung vor Livepublikum hatten, werden am 19. März 'Rocket Beans on Ice' veranstalten. Dabei handelt es sich um eine nicht ganz ernst gemeinte Eistanzshow vor 500 Gästen in der Hamburger Volksbank Arena, aus der wir sechs Stunden lang live senden."

Heinisch: "Außerdem gehört seit wenigen Tagen der Youtube-Satiriker Lars Paulsen zu unserem Team. Dieser ist eng mit dem Comedian Florentin Will, bekannt als Beef-Träger in Jan Böhmermanns 'NEOMagazin', befreundet. Die beiden bekommen bei uns die Live-Sendung 'Verflixxte Klixx', die am Karfreitag im Vorabendprogramm Premiere feiert. Dabei werden Youtube-Filme gezeigt, Lars und Florentin spielen gegeneinander und müssen die Klickzahlen erraten. Das Publikum kann live ebenfalls Tipps abgeben."

Über Rocket Beans TV

Der Online-TV-Sender steht für 24/7-Programm rund um Gaming und Popkultur. Gegründet wurde Rocket Beans TV am 15. Januar 2015, hinter dem neben Geschäftsführer Arno Heinisch die Moderatoren Daniel Budimann, Etienne Gardé, Nils Bomhoff und Simon Krätschmer stehen. Gemeinsam waren sie bei der ehemaligen MTV-Show "Game One" tätig. Rocket Beans TV erreicht auf der Streamin-Plattform Twitch bis zu 120.000 Zuschauer täglich. Die durchschnittliche Verweildauer liegt bei 2 Stunden täglich. Der Sender wurde mit dem Deutschen Webvideopreis 2014 und 2015 sowie dem 1. Deutschen Content Marketing Preis ausgezeichnet.
Muss man eigentlich verrückt oder ein Nerd sein, um bei Rocket Beans TV arbeiten zu können?
Grziwa: "Es hilft auf jeden Fall. Man muss die Marke leben können. Und die ist nun einmal etwas durchgeknallt."

Vor einem halben Jahr wurdet Ihr in einem Interview nach dem Zeitpunkt gefragt, an dem ihr behaupten würdet, Ihr hättet es geschafft. Ist dieser Zeitpunkt nun erreicht?
Heinisch: "Nein, noch lange nicht."

Welche Baustellen sind noch offen?
Grziwa: "Wir kämpfen mit klassischen Start-up-Problemen. Neue Bereiche wie Sales, Marketing, PR und Vertrieb sind mittlerweile dazugekommen. Unser Team ist von anfangs 25 auf nunmehr 60 Leute angewachsen. Arbeitsabläufe müssen organisiert werden. Keiner von uns hatte vorher einen Fernsehsender betrieben, sondern nur für einen gearbeitet. Viele Aufgaben sind neu für uns. Klar, dass wir deswegen auch Fehler machen."

Heinisch: "Zum anderen arbeiten wir stark an unseren Inhalten. Die Qualität muss besser werden, wir wollen der einzelnen Sendeminute noch mehr Aufmerksamkeit schenken. Ein Beispiel: Anfangs bestand unsere Late-Night-Sendung aus zwei Stunden Improvisation. Inzwischen bereitet ein Redakteur den Sendeablauf vor. Es geht zwar immer hier und noch chaotisch zu, aber wir sind schon viel professioneller geworden. Künftig wollen wir unsere Formate besser vorbereiten und mehr durchdenken."

Die Moderatoren von Rocket Beans TV: Etienne Gardé, Daniel Budiman, Nils Bomhoff, Simon Krätschmer (v.l.)
Die Moderatoren von Rocket Beans TV: Etienne Gardé, Daniel Budiman, Nils Bomhoff, Simon Krätschmer (v.l.) (Bild: Rocket Beans TV)
Aber ist es nicht gerade dieses Improvisierte, Spontane, für das Eure Fans Euch lieben?
Grziwa: "Natürlich ist das ein Teil unseres Charmes, den wir seit 'Game-One'-Zeiten haben. Dieses 'Hauen und Pappe'-Image soll auch nicht verschwinden. Es wird immer noch selbstgebaute und selbstgemalte Sets geben, aber im Hintergrund müssen die Prozesse einfach professionalisiert werden, um das Projekt, was wir hier auf die Beine gestellt haben, auch weiterhin erfolgreich am Laufen zu halten."

Wo steht Rocket Beans TV in zwei Jahren?
Heinisch: "Wir wollen organisch weiter wachsen, neue, interaktive und innovative Inhalte kreieren und ausprobieren - und volle Werbeblöcke wären auch super." Interview: Jessica Becker
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