Roboterjournalismus Chance oder Gefahr für die Medienbranche?

Montag, 24. März 2014
Automatic Insights verspricht "Human Sounding Content"
Automatic Insights verspricht "Human Sounding Content"


Es war eine Meldung, die aufhorchen lässt: Als in der vergangenen Woche in Los Angeles die Erde bebte, ging auf der Website der "Los Angeles Time"s schon wenige Minuten später eine Meldung online - verfasst von einem Computerprogramm. Doch noch muss sich kein Redakteur um seinen Job sorgen: Bislang funktioniert automatisierter Journalismus erst in engen Grenzen. So füllte Quakebot, so der Name des von "LA Times"-Redakteur Ken Schwencke entwickelten Programms für Erdbebenmeldungen, lediglich die Leerstellen einer Textvorlage aus. Die US-Geologie-Behörde US Geological Survey bietet einen Service an, der bei jedem Erdbeben automatisch eine standardisierte Meldung per Mail verschickt. Diese enthält Angaben zum Ort, zur Stärke, zur genauen Uhrzeit und den betroffenen Städten des jeweiligen Bebens. Schwenkes Algorithmus filtert aus dieser Mail die entsprechenden Daten heraus und ergänzt ein Formular - fertig ist die Kurzmeldung zum jüngsten Beben.

Schwencke selbst steht mit seinem Namen für die Meldungen seines Erbeben-Roboters gerade - online gehen sie erst, wenn er sie überprüft hat. Ganz ohne menschliche Hilfe kommt also auch Quakebot noch nicht aus. Das Beispiel zeigt: Roboter-Journalismus ist zwar keine Zukunftsmusik mehr, die Anwendungsmöglichkeiten sind allerdings noch stark eingeschränkt.

Vor allem bei zahlen- und datengetriebenen Themen kommen bereits automatisierte Lösungen zum Einsatz. In der Finanzkommunikation und in der Sportberichterstattung, wo es auf Schnelligkeit ankommt, gibt es bereits entsprechende Services. So bietet das Unternehmen Narrative Science eine Software an, die aus Daten relevante Informationen herausfiltert und in Textform bringt. Grundlage der Technologie ist eine von IT- und Journalistik-Studenten der Northwestern University entwickelte Software, die ursprünglich Berichte über Baseball-Spiele verfassen sollte.

Der eigenen Angaben zufolge führende Anbieter von computergenerierten Inhalten Automated Insights verspricht in einem Werbevideo sogar vollmundig "Human Sounding Content" - also Texte, die klingen, als wären sie von Mensch verfasst worden. Auf der Kundenliste der beiden Unternehmen stehen neben Finanzdienstleistern auch große Medienunternehmen wie das Wirtschaftsmagazin "Forbes", Bloomberg, "USA Today", Yahoo oder der Werbekonzern Publicis.

Neben den beiden Vorreitern des Roboter-Journalismus aus den USA kommen eine Fülle kleinerer, spezialisierter Dienstleister: Das deutsche Start-Up Tame beispielsweise hat eine Software entwickelt, die Twitter gezielt nach Suchbegriffen durchforstet und dem Nutzer hilft, die Informationsflut im Social Web zu filtern. Unter anderem die "New York Times", die BBC und "Die Zeit" stehen auf der Kundenliste des Unternehmens.

Retresco mit Sitz in Berlin bietet Medienunternehmen automatisierte Lösungen, die selbständig Themenseiten im Internet zusammenstellen oder eigenständig Inhalte zu bestimmten Themen und Begriffen aggregieren. Zu den Kunden zählen unter anderem die "Rheinische Post", FAZ.net, United Internet und N24. Das irische Unternehmen Storyful unterstützt Redaktionen bei Recherchen in den Untiefen des Internet - der Dienst bezeichnet sich selbst als "the world s first social newswire". Auch die dpa-Tochter dpa Infocom bietet ihren Kunden eine Reihe weitgehend automatisierter Lösungen - vom Live-Ticker über Info-Grafiken bis hin zu zu multimedialen "ready-to-publish"-Produkten.

Die Beispiele zeigen: Roboter-Journalismus ist für Medienunternehmen und Journalisten Chance und Risiko zugleich. In Zeiten von personell immer knapper ausgestatteten Redaktionen können Algorithmen standardisierte Aufgaben übernehmen oder Journalisten bei der Recherche eine wertvolle Hilfe sein - Stichwort Datenjournalismus. Allerdings dürfte bei Medienunternehmen auch die Versuchung groß sein, teure Mitarbeiter durch technische Lösungen zu ersetzen.

Noch ist allerdings keine Software in der Lage, eine spannende Reportage zu verfassen, einen zugespitzen Kommentar zu schreiben, oder Ereignisse einzuordnen und zu analysieren. Auch die erste Erdbeben-Meldung der "LA Times" wurde mittlerweile durch einen längeren, einordnenden Text ersetzt. Nur ein Hinweis am Ende des überarbeiteten Artikels verweist noch auf die von Quakebot verfasste Erstmeldung: "The original post about this earthquake was created by information from the USGS Earthquake Notification Service and an algorithm written by Times digital editor Ken Schwencke." dh
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