Richard Gutjahr "Ich könnte schreien"

Mittwoch, 08. Juli 2015
Gutjahrs Hoffnung: Autoren werden wichtiger als Medienmarken
Gutjahrs Hoffnung: Autoren werden wichtiger als Medienmarken
Foto: Mathias Vietmeyer
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Wie schlecht ist es um den Online-Journalismus bestellt? Ziemlich schlecht, meint Richard Gutjahr. HORIZONT-Chefredakteur Volker Schütz unterhielt sich mit dem bekannten Netzjournalisten über einen Berufszweig, der ihn an "so etwas wie die Landwirte zu Beginn der Industrialisierung" erinnere. Gutjahr: "Medien müssen sich viel stärker überlegen, wie sie ihre Inhalte  dem Publikum verabreichen und ob die Ware noch die richtige ist."

Vor dem Start von Krautreporter diskutierte im vergangenen Jahr ganz Medien-Deutschland über die Perspektiven des Online-Journalismus. Nun kämpft Krautreporter ums Überleben. Du verkündest auf den Wiener Online-Journalismustagen, dass Journalismus eine lausige Zeit erlebe, und Du den Glauben an seine Zukunftsfähigkeit verloren hast. Was hat Dich in eine derartige Depression gestürzt? Wer mich kennt, weiß, dass ich es nicht bei hehren Worten auf Medienkongressen belasse. Was ich ankündige, versuche ich umzusetzen. Ich bin jemand, der gegen jede Wand, oder jede Paywall, die man mir aufbaut, anrenne. Und ich habe vergangenes Jahr unheimlich viel probiert. Doch ich habe mich verschätzt, weil das Problem, vor dem der Journalismus steht, noch viel größer ist, als ich - und mit mir viele, , die noch mit klassischen Medien sozialisiert wurden – ahnen konnten.


Viele Journalisten sind der Auffassung: Das Netz ist das beste Instrumentarium, das ihnen jemals an die Hand gegeben wurde. Mag sein. Aber man sollte genau hinschauen , für welche Journalisten das gelten soll. Wer sich ernsthaft mit Dingen wie Robojournalismus befasst und die Texte durchliest, die heute schon artifiziell produziert werden können, der würde das vielleicht nicht so optimistisch sagen. Derlei  Entwicklungen  auf die nächsten 10 oder 20 Jahre weiter gedacht, lassen erahnen : Es wird in den Redaktionsstuben noch ganz schön rumpeln. 
„Erfolg ist die größte Innovationsbremse, weil man mehr zu verlieren als zu gewinnen hat.“
Richard Gutjahr
Was ist gegen Robo-Journalismus einzuwenden? Er macht kreative Kapazitäten frei, die bislang in drögen Aktienkurs- oder Sport-News verkümmern! Das ist ein beliebtes Argument, das bei Diskussionen über Maschinen-Journalismus immer wieder aufgeführt wird. Aber glaubst Du wirklich, dass verloren gegangene Arbeitsplätze eins zu eins in Stellen für Qualitätsjournalismus überführt werden? Ich bin sicher: Ein Gutteil journalistischer  Arbeit wird in nicht allzu ferner Zukunft von Maschinen übernommen werden, und mit Qualitätsjournalismus beschäftigen sich längst nicht mehr so viele Menschen wie heute  noch.

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Bild: ScreenshotGutjahrbiz

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Derzeit werden die Digitalredaktionen ausgebaut. Sind das wirklich Journalisten im klassischen Sinne, die da eingestellt werden, oder nicht eher Datenspezialisten? Ich habe den Gründer der Twitter-Videoplattform Periscope gefragt, ob die Techniker künftig für die Journalisten  arbeiten oder wir Redakteure  für die Teckies? Er hat gelacht, ist der Frage ausgewichen und hat geantwortet: „Das werden Sie schon für sich selbst beantworten müssen.“


Hast Du die letzte idealistische Vorstellung, was Journalismus bewegen kann, verloren? Ein bisschen bestimmt. Ich bin in den 80er Jahren aufgewachsen, als es noch einen sehr gesunden und vielfältigen Journalismus gegeben hat. Aber ich bin dann wie viele andere aus der Abschlussklasse des Jahres 2000 der Journalistenschule in München  in die Arbeitslosigkeit entlassen worden. Von der brutalen Schockwelle des New Economy Crashs haben sich viele Medienhäuser bis heute nicht erholt. Und viele meiner Kommilitonen sind damals in die PR und Unternehmenskommunikation gegangen und nie wieder zurückgekommen. Solche Erfahrungen prägen, wenn man jetzt Leute jubeln hört, es gäbe keine bessere Zeit für Journalismus.


In den USA gelten derzeit digitale Medienmarken wie Business Insider oder Politico bei Investoren als heiße Businessmöglichkeit. Liegt das daran, dass die englische Sprache die globale Ausrichtung eines Mediums viel einfacher ermöglicht und deshalb die Attraktivität von Medien für Venture Capital viel größer ist als bei europäischen Medien-Start-ups?  Zunächst einmal haben US-Amerikaner im Gegensatz zu den Europäern Journalismus schon immer mehr als Business verstanden und nicht als Kulturgut. Zum anderen glaube ich aber auch, dass die europäischen Verlage noch zu erfolgreich sind: Erfolg ist die größte Innovationsbremse, weil man mehr zu verlieren als zu gewinnen hat. Deshalb fließt noch zu wenig Geld in die sprichwörtlichen Garagen. 
„Das Produkt, das wird mir jetzt immer mehr bewusst, bin ich.“
Richard Gutjahr
Es gibt auch Gegenbeispiele, Axel Springer beispielsweise. Wenn ich 10.000 Euro auf einen Verlag setzen müsste, wäre das Axel Springer. Eine tägliche „Bild“-Nachrichtensendung zu produzieren, die auf das Handy zugeschnitten ist, also Filme im Hochkant-Format zeigt, ist genau das, was man jetzt machen muss. Axel Springer ist ein positives Beispiel dafür, wie es geht, wenn man sich rechtzeitig digital aufstellt, von Altlasten trennt, aber alte Institutionen wie „Bild“ oder „Welt“ behält, diese sogar weiterentwickelt, aus- und umbaut.

In Deiner Wien-Rede beklagst Du, dass Menschen nach wie vor Orientierung brauchen, diese aber nicht mehr unbedingt von Journalisten geliefert werden muss. Eigentlich dachte ich immer, es sei eine begrüßenswerte Entwicklung, dass Journalisten nicht mehr das verbriefte Recht haben, die Welt alleine oder vom Feldherren-Hügel zu deuten. Das ist nicht nur begrüßenswert - das ist fantastisch! Das bedeutet aber auch, dass viele Journalisten langsam in die Gänge kommen müssen. Meine Kollegen beim Bayerischen Rundfunk haben mich über Jahre hinweg verspottet, weil ich getwittert oder meine Beiträge bei Facebook oder YouTube gepostet habe. Heute kaufen wir uns künstlich Reichweite bei Facebook - aus Gebührengeldern! Ich könnte schreien.


Blogger werfen Medienhäusern gerne vor, dass sie das Internet verschlafen und keine digitalen Geschäftsmodelle entwickeln. Dabei sind sie doch meist nicht mehr als ökonomische Ich-AGs. Das sehe ich anders. Axel-Springer-Chef Mathias Döpfner hat einmal gesagt: „Blogger sind die Verleger der Zukunft.“  Die Tatsache, dass die Geschäftsmodelle oft nicht ausgereift sind, spricht nicht gegen diese Entwicklung. Und Bloggern etwas aufzubürden, was ganze Medienimperien nicht schaffen, ist etwas viel verlangt. Aber ich bin mir sicher, dass es nicht Verlage oder Blogger sind, die eine Lösung für Medien hervorzaubern werden. Das wird eher aus der Tech-Ecke kommen. Denn dort gibt es Ideen und Geld. Blogs sind nicht die letzte Antwort auf die Fragen, vor denen wir stehen. 


Inwiefern? Derzeit entstehen ganz neue Formen der Kultur- und Kommunikationstechniken. Schau Dir mal Unter-30-Jährige an: Die klicken doch noch nicht einmal mehr mehr auf Links, die man ihnen schickt. Ich hatte gerade die Gelegenheit, eine Woche auf einem amerikanischen Campus zu verbringen und war baff, wie die Jungen dort Medien konsumieren. Sie sind topinformiert, obwohl sie keinen einzigen Artikel lesen und keine einzige Fernsehsendung anschauen. Sie konsumieren den ganzen Tag Snippets, Mosaik-artige Informations-, Foto- und Film-Häppchen auf den diversen Messaging-Plattformen. Über diesen Snippet-Journalimus und die Snackibility von Informationen mögen wir schmunzeln, aber wer am Tag 200 Headlines oder Mini-Updates zu Griechenland, der NSA oder Sportereignissen  völlig unangestrengt auf dem Lock-Screen des Smartphones mitkriegt, braucht abends keine „Tagesschau“ mehr.


Verschlafen Verlage wieder eine entscheidende Entwicklung? Medien müssen sich viel stärker überlegen, wie sie ihre Inhalte  dem Publikum verabreichen und ob die Ware noch die richtige ist. Meine Artikel, meine Kommentare, meine Filme sind nur Teaser für das eigentliche Produkt. Und das  Produkt, das wird mir jetzt immer mehr bewusst, bin ich. Die Menschen, die mir folgen, tun das nicht, weil sie glauben, dass ich der beste Filmemacher  oder Schreiber  auf der Welt bin. Die Informationen, die sie von mir bekommen, können sie überall sonst auch bekommen. Ich bin für sie als Person eine interessante Bezugsgröße und deshalb lassen sie sich gerne von mir auf ein Thema stoßen, das sie sonst nicht wahrgenommen hätten.


Ersetzen Persönlichkeiten Medienmarken? Warum heißt Axel Springer Axel Springer? Oder der Burda-Verlag Burda? Die besten Aushängeschilder für Unternehmen sind ihre Mitarbeiter. Namen waren schon immer Vehikel, um Menschen abstrakte Dinge nahe zu bringen. Deshalb verstehe ich nicht, warum Verlage oder Sender im Netz immer abstrakte Logos nach vorne bringen wollen und nicht ihre Autoren.  Namenlose Journalisten sind derzeit im Grunde genommen so etwas wie die Landwirte  zu Beginn der Industrialisierung.  Es wird weniger von uns geben. Jeff Jarvis sagt, dass unser Businesskern nicht Content, sondern Beziehungen ist, und das erlebe ich immer mehr. Wenn es etwas gibt, was uns gegen Big Data hilft, dann sind das anfassbare Journalisten und keine Menschen, die sich hinter ihrem Schreibtisch und einem Firmenlogo verstecken. Denk an eine Kunden-Hotline - mit wem telefonierst Du lieber - mit einem Computer oder mit einem Menschen?


Big Data ist ein gutes Stichwort. Sollten Medien bei Facebooks Instant Articles oder Apple News mitmachen? Man darf sich nichts vormachen: Apple, Google, Facebook und Amazon sind schon heute die Verlage der digitalen Welt. Nenne mir einen Grund, warum ich in Zukunft als Autor oder Journalist noch den Umweg über eine Zeitung oder einen Sender machen soll. Beides sind Institutionen, die in der Regel träge sind, deren Know-how, zumindest im Digitalbereich, nicht größer ist als meines, die also keinen Mehrwert bieten. Die Devise lautet: Cut the middle man. 
„Apple, Google, Facebook und Amazon sind schon heute die Verlage der digitalen Welt.“
Richard Gutjahr
Auch Mittelsmänner wie „FAZ“ oder „Spiegel“? Auch die. Ich kann das ganze Schöngerede, Medien müssen dahin gehen, wo die Leser sind oder Wir brauchen starke Medienmarken, nicht mehr hören. Der Zug ist abgefahren. Kein Mensch wird doch sagen: Ich habe gestern etwas bei „Bild“ auf Facebook gelesen. Nein, die Leute werden sagen: Ich habe gestern etwas auf Facebook gelesen.


Menschen, die sich eine Madonna-CD gekauft haben, war es egal, ob sie bei EMI oder von Warner vertrieben wird. Genau. Vielleicht hat man Jahre später gesagt: „Ich habe Madonna bei iTunes runtergeladen.“ Nochmal: Vergesst den Mittelsmann! Da passiert derzeit etwas Epochales, und die Verlage reden sich die Lage schön. Sie werden von Entwicklungen ausgehebelt, die kein Mensch stoppen kann. Und weil sie selbst keine verlagsübergreifenden, nutzerfreundlichen Alternativen aufgebaut haben, müssen sie sich an diesem aussichtslosen Spiel beteiligen.


Sie müssen doch nicht, sie haben die freie Wahl. Nur scheinbar. Wenn dein Konkurrent seine Reichweite verzehnfacht, weil er seine Inhalte direkt via Facebook verbreitet, sitzt du in der Falle. Vielleicht sagt man in 20 Jahren: Hätten wir uns nur nicht an Instant Articles beteiligt und unsere Inhalte und unsere Vermarktung in die Hände von Facebook gelegt. Das klingt so ähnlich wie die aktuelle Klage: Hätten wir vor 20 Jahren nicht unsere Inhalte kostenlos hergegeben. Aber vielleicht war es gar kein Fehler, Inhalte kostenlos herzugeben. Und vielleicht ist es auch kein Fehler, Instant Articles zu beliefern. Vermutlich wäre es ohnehin darauf hinausgelaufen. An den sich verändernden Kommunikationstechniken kommt nun mal keiner vorbei. Es hört ja nicht auf: Was wir bei der Musikindustrie und den Verlagen erlebt haben, steht uns im Fernsehbereich noch bevor. Um zum Anfang des Gesprächs zurückzukehren: Vielleicht leben wir in der besten Zeit für Journalisten. Aber es ist eben nur die beste Zeit für die Besten der Besten. Sie sind nicht mehr abhängig von einer Medienmarke, sondern können sich einen eigenen Namen mit den Instrumenten, die ihnen gratis zur Verfügung stehen, aufbauen.


Würdest Du deinen Kindern empfehlen, Journalist zu werden? Nein. Mein Vater riet mir einst als Teenager davon ab, eine künstlerische Berufslaufbahn einzuschlagen. Er sagte: Such'  Dir doch lieber einen Beruf, der handfester ist, eine Branche, in der es verlässliche Strukturen und Regeln gibt. Also bin ich Journalist geworden. Nun erleben wir eine Phase, in der der sich der vermeintlich handfeste Beruf des Journalisten im freien Fall befindet. Gefragt sind im Journalismus heute Flexibilität, Experimentierfreude und Improvisationstalent. Also genau das, was ein Künstlerleben ausmacht. Wäre es nicht eine Ironie der Geschichte, wenn uns Journalisten in einer digitalisierten Welt die Kunst, als letzte Domäne, die sich nicht so ohne weiteres durch Algorithmen und Big Data ersetzen lässt, am Ende rettet?

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