Richard David Precht beim DMK 2017 "Flimmerwerbung ist Aufmerksamkeitsraub"

Mittwoch, 18. Januar 2017
Richard David Precht bei seiner Keynote auf dem Deutschen Medienkongress 2017
Richard David Precht bei seiner Keynote auf dem Deutschen Medienkongress 2017
© Getty Images / Maja Hitij

Was haben Amazons digitales Dialogsystem Alexa, Donald Trump, Bildauswahl in den Medien und das Ende der liberal-demokratischen Gesellschaft miteinander zu tun? Einiges, legt der Fernsehphilosoph und Bestsellerautor Richard David Precht auf dem Deutschen Medienkongress nahe. Und richtet an die Werbewirtschaft einen eindringlichen Appell.

Die Digitalisierung, die Precht als „Steigerung des Effizienzdenkens“ versteht, führe zu einer „historischen Situation in der Medienwelt“: Zu kreativ-geistiger Arbeit, die als „Content“ (Precht: „Ein zynisches Wort für jeden Kulturschaffenden und zivilisatorisch ein gewaltiger Rückschritt!“) banalisiert werde. Zu einer Aufmerksamkeitsökonomie, die bewirke, dass sich in den Web-Diskussionsforen rüpelhaftes Verhalten lohnt. Und dazu, dass diese Phänomene nun sogar ins reale Leben rückten, siehe Trumps Erfolg bei der US-Wahl. „Wir erleben die Auflösung der bürgerlichen liberal-demokratischen Gesellschaft“, diagnostiziert Precht.

Und die Medien? Haben ihren Anteil daran, sagt der Populärphilosoph und bekräftigt seine Vorwürfe, die er zuvor auf HORIZONT Online geäußert hatte: „Die Meinungsvielfalt in den Massenmedien hat sich reduziert.“ Wenn Nachrichten immer mehr zu sich selbst ähnlichen Kommentaren und etwa von Kriegsschauplätzen immer dieselben Straßenzüge gezeigt würden („Durch die Selektion von Bildern entstehen Halb-Fake-News“), dann litten Vielfalt und Glaubwürdigkeit, entgegen dem allgemeinen Credo, wonach Pluralität eine Gesellschaft verbessere. Dies stärke populistische Medien, woran aber auch die Rezipienten Schuld trügen: „Ein großer Teil der Bevölkerung hat gar nicht das Ziel, sich umfassend zu informieren.“

Es folgt die aus seinen Publikationen bekannte Precht’sche Kapitalismuskritik gemäß einem Kommunitarismus amerikanischer Prägung. These: „Der Kapitalismus hat die Gesellschaft reicher gemacht“ – doch es fehlten Moral und bürgerschaftliches Engagement. „In 20 Jahren hat die Hälfte von Ihnen keinen Job mehr“, ruft er in den Saal – und hat dabei gar nicht speziell die Kommunikationsbranche im Sinn, sondern ganz generell: Weil die Digitalisierung die Produktbedürfnisse verändere (besonders in der Autoindustrie), die Arbeitsproduktivität erhöhe und somit Jobs wegfielen. „Dann kann sich der Mensch nicht mehr über seine Arbeit definieren“, sagt Precht.
„Ein großer Teil der Bevölkerung hat gar nicht das Ziel, sich umfassend zu informieren.“
Richard David Precht
Doch wie funktioniert „Sinngebung in einer Gesellschaft ohne Jobs“? Über ein besseres Bildungssystem (nebst bedingungslosem Grundeinkommen, ebenfalls Precht-Klassiker), das die extrinsische Arbeitsmotivation (Geldverdienen) durch eine intrinsische ersetzt: dem Gemeinwohl dienen. Und: „Man müsste die digitale Technologie dafür einsetzen, um Chancengleichheit und politische wie ökonomische Stabilität als Ziele einer besseren Gesellschaft zu erreichen.“

Apropos Bildung: Entrüstet kommentiert er die Vision des Digitalmarketingprofessors Jürgen Seitz, der zuvor auf der Kongressbühne vorexerziert hatte, wie auch (seine) Kinder zu Maschinen wie Alexa schein-emphatische Verhältnisse aufbauen könnten: Die Verkürzung von Dialogen auf Frage/Antwort erziehe zur Unfähigkeit zu wirklicher Kommunikation zwischen Menschen. Precht: „Da hätte ich ja fast den Kinderschutzbund angerufen!“

Deshalb zum Schluss sein Appell an das Fachauditorium beim Deutschen Medienkongress: „Überlegen Sie sich genau, ob Sie tatsächlich Werbung für Alexa machen und auch immer mehr Flimmerwerbung auf allen Flächen – das ist Aufmerksamkeitsraub! Bedenken Sie, dass wir alle in einer Gesellschaft leben wollen, die nicht nur zukunftsfähig ist, sondern auch enkeltauglich!“ rp

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