Retresco-Chef Sommer zu Roboterjournalismus "Die Maschine kennt keine Emotion"

Freitag, 16. Mai 2014
Retresco-Geschäftsführer Johannes Sommer
Retresco-Geschäftsführer Johannes Sommer

Der Begriff des Roboterjournalismus hat in der Medienbranche mittlerweile eine so große Prominenz erlangt, dass sich Anfang Mai sogar die Teilnehmer am Europäischen Zeitungskongress in Wien an beiden Veranstaltungstagen mit dem Techniktrend beschäftigt haben. Einer von ihnen: Johannes Sommer, Geschäftsführer des Berliner Technologiedienstleisters Retresco. Und im Interview mit Horizont.net nimmt er vor allem die "echten" Journalisten in die Pflicht. Herr Sommer, Retresco bietet Verlagen ein Stück schöne neue Welt: Sie aggregieren per Algorithmus Inhalte, stellen diese zu automatischen Themenseiten zusammen und verbreiten sie. Was versprechen sich die Verlage von der Zusammenarbeit mit Ihnen?

Neben der besseren Monetarisierung redaktioneller Inhalte spielt Vereinfachung momentan eine große Rolle in den Redaktionen. Einerseits stellen sich Medienhäuser die Frage, wie sie mit ihrem kleinen Online-Team die Flut an Informationen überhaupt noch bewältigen sollen. Andererseits geht es darum, einen einmal erstellten Inhalt möglichst vielseitig und zielgenau zu verwerten. Deshalb überlegen wir uns, wie Inhalte logischer und thematisch sinnvoller miteinander verknüpft und für den Nutzer passend ausgespielt werden können. Bei der individualisierten Ausspielung von Inhalten ist zu beachten, den Nutzer nicht in eine Filterbubble zu locken. Gemeint ist hiermit, dem Leser durch jedwede - auch noch so gut gemeinte - Vorauswahl nicht nur News anzubieten, die seinen ermittelten Interessen, seiner Nutzungssituation, dem genutzten Medium oder ähnlichem entsprechen.

Macht die zunehmende Automatisierung einen Großteil der "echten" Journalisten schon bald überflüssig?

Mit Sicherheit nicht. Der Redakteur bleibt immer die letzte Instanz, die entscheiden muss. Kein Verlag wird in naher Zukunft in die Verlegenheit kommen, sagen zu müssen, ich ersetze jetzt einfach fünf Redakteure durch eine Software. Aber Journalisten müssen sich mit den neuen Technologien auseinanderzusetzen, um sie zu verstehen. Erst dann können sie Grenzen ziehen, sich positionieren und sie gezielt zu ihrem Vorteil einsetzen.

Wo stößt Roboterjournalismus Ihrer Meinung nach an seine Grenzen?

Gedankliche Grenzen sind dem automatischen Erstellen von Nachrichten sicherlich nicht gesetzt. Die natürlichen Grenzen liegen in Stilmitteln wie Sarkasmus, Ironie oder Sprachspielen - alle diese besonderen Feinheiten und Brüche in der Sprache kann die Maschine weder erkennen, noch produzieren. Auch die thematische Einordnung bleibt den Redakteuren vorbehalten. Dass der FC Bayern im Halbfinale der Champions League 4:0 verloren hat, kann der Computer zwar als riesige Niederlage interpretieren. Und da es im Halbfinale der Champions League passiert ist, wird er auch den Stellenwert dieser Niederlage ableiten können. Aber er weiß nicht, welche Konsequenzen das für den Trainer, für den Verein oder für das Umfeld haben kann. Die Maschine kennt keine Emotion und vor allem keine Intuition für Geschichten und Themen. Sie kann sich nur auf Fakten und Daten berufen. kl

Einen ausführlichen Artikel über automatisierten Journalismus, die Heilsversprechen der Anbieter und ihre (vorläufigen) Grenzen lesen Sie in der aktuellen HORIZONT-Printausgabe 20/2014.
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