Relaunch Die Zeitung als Accessoire

Mittwoch, 27. September 2017
"taz"-Chefredakteur Georg Löwisch
"taz"-Chefredakteur Georg Löwisch
© Anja Weber

Von Montag an erscheint die werktäglich gedruckte „taz“ generalüberholt. Seit 2009 wurde nicht mehr Hand an sie gelegt. „Wir haben sie ein bisschen vernachlässigt“, räumt Chefredakteur Georg Löwisch ein. Der Chefredakteur verspricht eine Zeitung, die „den Regelbruch systematisiert“ und sich „das Wilde der Anfangsjahre zurückerobert, ohne chaotisch zu sein“.

Der letzte Relaunch liegt so lange zurück, „da haben wir im Innenteil noch schwarz-weiß gedruckt“, sagt Georg Löwisch. 2009 war das, zum 30. Geburtstag der „taz“. Ein Jahr später, erinnert sich Geschäftsführer Karl-Heinz „Kalle“ Ruch, habe er der werktäglich gedruckten „taz“ noch zehn Jahre gegeben. Um zu überleben, konzentrierten sich Verlag und Redaktion daher auf die separat abonnierbare „taz am Wochenende“ und die Einführung eines freiwilligen Bezahlmodells für die digitale „taz“. In den Folgejahren erhöhte sich die Zahl der Abonnenten um rund 10 000. Bedeutungslos geworden ist die werktägliche Zeitung allerdings nicht.

  • 54149.jpeg
    (© taz)
  • 54150.jpeg
    (© taz)
  • 54151.jpeg
    (© taz)
  • 54152.jpeg
    (© taz)
  • 54153.jpeg
    (© taz)
  • 54154.jpeg
    (© taz)
Der Verkauf am Kiosk trägt zwar nur noch sechs Prozent zum Umsatz bei, und auch die werktägliche Aboauflage sinkt, aber Ruch will nicht ausschließen, dass sich die Lage stabilisieren wird. So oder so: „Wir müssen uns um alles kümmern, weil wir nichts freiwillig aufgeben“. Es lag also nah, die werktägliche Printausgabe einem Relaunch zu unterziehen. Löwisch und die Redaktion holten sich dafür die Unterstützung der beiden Artdirektoren Janine Sack und Christian Küpker.

Bei der Vorstellung der neuen Seiten im Erdgeschoss des sechsstöckigen „taz“-Rohbaus in Berlin erzählten die beiden Artdirektoren am Mittwoch, was sie mit dem Relaunch bezwecken: „Wir wollten das Enge und Gleichförmige sprengen“, sagte Küpker. Sack sprach von „systematischem Regelbruch“. Löwisch ergänzte: „Zum 30-Jährigen wollte die ,taz‘ beweisen, dass sie erwachsen und aufgeräumt ist. Jetzt bekommt das Spielerische wieder mehr Raum“. Die „taz“ setze daher bewusst auf Irritation und Störfaktoren, um sich „das Wilde aus den Anfangsjahren zurückzuerobern“, ohne aber das Chaotische von damals heraufzubeschwören.

Von Montag an sind die Änderungen zu sehen. Am meisten irritieren der neue Schriftzug und das Logo, in das der Erscheinungstag teilweise hineinragt. Sowohl auf der Titel- als auch auf der Aufmacherseite von „taz zwei“ rücken die Fotos bis an den linken Rand – ein symbolischer Akt, der auf die politische Haltung der Redaktion anspielt.

Werbeanzeige für die "taz"
Werbeanzeige für die "taz" (© taz)
Die gesamte Seite Eins spiegle die Stärken der Redaktion, sagt Löwisch und meint damit die Idee, Optik und Zeile des Aufmachers, kombiniert mit der Meinungsstärke und der analytischen Schärfe des Leitartikels, dazu der Humor der „verboten“-Rubrik. Neu ist eine tägliche Zeichnung, die den Hashtag des Tages illustriert. Das Element soll in die sozialen Medien zurückspielen.

Auch im Innenteil hat sich einiges getan. Auf Seite 2 wird sich „täglich ein Fenster in die Redaktion öffnen“ mit Berichtenswertem in eigener Sache. Ebenfalls neu ist die Doppelseite „Nahaufnahme“. Verabschiedet hat sich die Redaktion von „Flimmern und Rauschen“: Die Seite heißt künftig schlicht „Medien“. Der Sportteil behält dagegen seine ironische Bezeichnung „Leibesübungen“. So heißt er seit der Gründungszeit. Große Teile der Redaktion wehrten sich damals gegen eine konventionelle Sportberichterstattung.

Parallel zum Relaunch erscheinen von Montag an auch die App und das E-Paper in überarbeiteter Form. Optisch verändert zeigt sich vom 7. Oktober an zudem die „taz am Wochenende“.

Begleitet wird der Relaunch von einer in Eigenregie entstandenen Werbekampagne, bestehend aus Flyern, Social-Media-Aktionen und Anzeigen in überregionalen Medien. Sie unterstreicht den Charakter der werktäglichen Zeitung als Klassiker und irritiert, indem sie auf den ersten Blick wie Modewerbung daherkommt. „Print-á-porter“ lautet der Slogan. Darunter steht: „Die neue taz. Getragen von Vielen“.

Mit den Vielen spielt die „taz“ auf ihre Finanzierungsgrundlage an: die Genossenschaft mit inzwischen mehr als 17.000 Mitgliedern. Sie blickt auf eine durchaus solide Bilanz. Der Umsatz der taz-Gruppe stieg 2016 im Vergleich zum Vorjahr um 3,4 Prozent auf 27,3 Millionen Euro. Unterm Strich steht ein winziger, aber immerhin ein Gewinn. usi 

Meist gelesen
stats