Rechercheverbund-Chef Georg Mascolo "Nicht jeder schlechte Journalismus ist Fake News"

Donnerstag, 16. März 2017
Georg Mascolo
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Pressekritik: Der frühere „Spiegel“-Chefredakteur Georg Mascolo plädiert für Augenmaß im Streit um sogenannte Fake News. „Die Debatte ist wichtig, wird aber mitunter mit zu viel Hysterie geführt“, sagt Mascolo, seit 2014 Leiter der Recherchekooperation von NDR, WDR und „Süddeutscher Zeitung“.

Unter Fake News, die möglicherweise gesetzlich sanktioniert werden könnten, versteht Mascolo die gezielte, vorsätzliche Verbreitung von Lügen als vermeintliche Tatsachen. Dagegen: „Fehler, Irrtümer, einseitige oder dumme Einschätzungen sind schlechter Journalismus und oft schwer erträglich, gerade dann, wenn propagandistische Ansätze verfolgt werden – doch diese Phänomene sollten wir nicht als Fake News verfolgen wollen“, sagte er am Mittwochabend vor dem Club Hamburger Wirtschaftsjournalisten (CHW).

Diese Vermischung erschwere die sachliche Diskussion. Hier kritisiert er auch die Behauptungen westlicher Geheimdienste, dass Russland hiesige Wahlen manipuliere oder Fake News lanciere. „Bei solch gravierenden Vorwürfen sollten die, die das behaupten, schon irgendwann einmal die Belege präsentieren“, sagt Mascolo. Im deutschen Journalismus mahnt er eine bessere Kultur der Korrektur eigener Fehler an: „So könnten wir einen Teil unseres verlorenen Vertrauens und Autorität wieder zurückgewinnen.“ Hier verweist er auf viele US-Tageszeitungen, die dazu eigene Ombudsleute berufen haben, „das nötigt mir Respekt ab“.

Noch mehr Selbstkritik: In der Königsdisziplin des investigativen Journalismus – selber etwas herausfinden, nicht nur Informationen anderer aufgreifen – „sind wir alle miteinander nicht gut genug“, sagt Mascolo. Etwa beim VW-Abgasskandal. „Hier haben wir 15 Jahre lang die Geschichte aufgeschrieben von Autos, die immer sauberer werden – und erst Behörden und Gerichte in den USA haben uns darauf gebracht, dass es wohl etwas anders ist.“

Natürlich brauchen Enthüllungsjournalisten am Anfang jemanden, der – oft aus ganz eigenen Interessen – ihnen etwas erzählt oder zusteckt. „Leaks sind eine unverzichtbare Grundlage für guten Journalismus“, sagt der frühere „Spiegel“-Chef. Doch die Arbeit beginne erst dann: Die nicht übereilte Konfrontation der Betroffenen, das sorgfältige „skrupulöse“ Abwägen, was im Einzelfall veröffentlicht wird – und was nicht. Und Vorsicht bei Infos von Geheimdiensten! Dass Informanten oder Plattformen wie Wikileaks deshalb Journalisten bisweilen der Zaghaftigkeit bezichtigen, müsse man aushalten: „Das Laute gibt es heute an jeder Ecke.“

Auch um die Kooperation von NDR, WDR und „SZ“ selber ging es an diesem Abend im CHW. Mascolo beschreibt sich hier als „einzigen Angestellten“ des Verbundes, in dessen hartem Kern 20 bis 25 Rechercheure der drei Häuser projektweise zusammenarbeiten. Und einmal mehr widerspricht er dem Vorwurf, hier subventionierten gebührenfinanzierte Sender einen Privatverlag quer. „Es fließt kein Geld hin und her“, erklärt Mascolo. Und der PR-Effekt durch das gegenseitige Zitieren? Gute Geschichten werden eben aufgegriffen, sagt er. Und verweist darauf, dass auch andere Zeitungen oder das ZDF manche Storys seines Teams zitierten – und manchmal eben sogar die ARD-„Tagesschau“ nicht. rp

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