Pressestimmen zum mutmaßlichen Anschlag in Berlin "Einen kühlen Kopf bewahren"

Dienstag, 20. Dezember 2016
Berlin trauert
Berlin trauert
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Die medialen Reaktionen nach der Katastrophe am Berliner Breitscheidplatz mit einem Dutzend Toten fallen besonnen aus: Die Kommentatoren in Medien wie "Zeit", "FAZ" und "Tagesspiegel" bemühen sich, die Ereignisse klar, aber unaufgeregt einzuordnen. HORIZONT Online hat Pressestimmen zu dem mutmaßlichen Anschlag gesammelt.

Michael Schlieben, Zeit Online

Dieser Vorfall ist eine Steilvorlage für Extremisten. Rechtspopulisten werden ihn ausschlachten. Genau das wollen die Islamisten – sie setzen auf Polarisierung, neue Rekruten, den Glaubenskrieg. Umso wichtiger ist es, sich dieser Spaltung zu widersetzen. Nicht zu pauschalisieren und zu diffamieren, sich auszutauschen und zuzuhören. Nicht zu dramatisieren, aber auch nicht zu bagatellisieren. Das, was am Berliner Breitscheidplatz passiert ist, ist schrecklich. Trotzdem sollten wir unsere Geschenke einpacken und das Menü kochen. Sonst haben wir schon verloren.

Jasper von Altenbockum, FAZ

Soll man jetzt, in den Tagen bis Heiligabend, ein trotziges Christbaumleuchten gegen Mord, Tod und terroristische Finsternis setzen? Es war richtig, nach den vergangenen Terroranschlägen nur einzelne Großveranstaltungen abzusagen, ansonsten sich aber nicht aus der Fassung bringen zu lassen. In Frankreich aber hat sich die Angst schon festgefressen. In Deutschland wird das nun nicht anders werden.

Jochen Arntz, Berliner Zeitung

In wenigen Minuten ist aus einem Weihnachtsmarkt ein Ort der Zerstörung geworden, der Trauer um die Opfer. Und diese Toten gilt es zu beklagen, völlig unabhängig davon, ob es ein Anschlag oder ein Unfall war. Diesen Toten sind  wir es schuldig, dass wir nicht vor ihren verlorenen Leben spekulieren. Und es ist abscheulich, wenn AfD-Politiker die Katastrophe, noch jenseits aller Gewissheit, unmittelbar für ihre Propaganda ausschlachten, von 'Merkels Toten' sprechen.

Lorenz Maroldt, Tagesspiegel

Neben der Gefahr, selbst Opfer eines Anschlags zu werden, gibt es noch eine weitaus größere: Dass nicht nur abscheuliche Anschläge, sondern dass auch abscheuliche Reaktionen darauf die Gesellschaft vergiften. Wir sollten uns unsere demokratischen, rechtsstaatlichen und humanistischen Errungenschaften, auf die wir stolz sein können, wenn wir uns in der Welt umsehen, weder von wahnsinnigen, fanatischen Terroristen, noch von durchgeknallten Populisten nehmen lassen.

Mathias Brüggmann, Handelsblatt

So schwer es nach einem solchen Anschlag ist, wir müssen einen kühlen Kopf bewahren. Denn natürlich liegt es jetzt nahe – wenn erste Berichte stimmen sollten, dass ein möglicherweise aus Afghanistan oder Pakistan Geflohener den Lkw zur Waffe gemacht hatte –, die Flüchtlingspolitik grundsätzlich infrage zu stellen. Aber können wir uns wirklich von dieser Welt abkoppeln? Schotten dicht, Zäune hoch? Es ist diese Hilflosigkeit, die an den Gedanken nagt. Diese Sorge, die nun aufzieht, dass doch wieder erst geschossen und dann erst nachgedacht wird. Traurige Tage vor dem Heiligen Abend.

Roland Nelles, Spiegel Online

Die Blutpumpe läuft und läuft. Sie wird wird immer wieder neu befüllt von hassenden Einzeltätern aber auch von Gruppen, die für vermeintlich höhere Ziele kämpfen, die aus Rache töten, aus purer Lust oder im religiösen Wahn. Der Anschlag auf einen friedlichen Weihnachtsmarkt mitten in Berlin zeigt auf schreckliche Weise: Auch Deutschland ist verwundbar. Trotzdem und gerade deshalb gilt es nun, einen kühlen Kopf zu bewahren, besonnen zu bleiben, vernünftig zu sein. Auch wenn es schwerfällt.
 
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