Pressekodex Presserat missbilligt G20-Verbrecherjagd der Bild / FAZ wegen Diskriminierung gerügt

Freitag, 15. September 2017
Der Presserat missbilligt die Verbrecherjagd der "Bild"
Der Presserat missbilligt die Verbrecherjagd der "Bild"
© Bild

Die öffentliche Suche der Bild nach mutmaßlichen G20-Randalierern hat gegen den Pressekodex verstoßen. Das hat der Presserat entschieden. Allerdings ging es dem Gremium dabei nicht um den Schutz der Persönlichkeitsrechte. Vielmehr habe die Bild mit der Aktion dem Ansehen der Presse geschadet. 
Zur Erinnerung: Die Bild hatte unter der der Überschrift "Gesucht! Wer kennt diese G20-Verbrecher?" im Juli in der Printausgabe und auf Bild.de großformatige Fotos mutmaßlicher Randalierer beim G20-Gipfel in Hamburg gezeigt und seine Leser zur Fahndung nach den vermeintlichen "Verbrechern" aufgefordert. Beim Presserat waren daraufhin elf Beschwerden wegen der Verletzung von Persönlichkeitsrechten eingegangen.  Wegen des "überragenden öffentlichen Interesses" wies der Presserat diese Beschwerden zwar zurück: "Die Demonstranten mussten damit rechnen, dass sie während des Ereignisses fotografiert werden", teilt der Presserat mit. Allerdings verstößt die Art der Darstellung nach Ansicht des Kontrollgremiums gegen den Pressekodex. Durch den öffentlichen Fahndungsausruf seien die abgebildeten Personen "an einen öffentlichen Medienpranger" gestellt worden. Es sei nicht Aufgabe der Presse, ohne einen offiziellen Fahndungsaufruf durch die Behörden selbstständig eine Verbrecherjagd zu inszenieren. Dies schade dem Ansehen der Presse und verstoße damit gegen die Präambel des Pressekodex. 

Die Bild kassierte außerdem vier Rügen wegen Verstößen gegen den Opferschutz nach Ziffer 8 des Pressekodex. Bild Online hatte unter anderem unter der Überschrift "Zu jung zum Sterben" detailliert und mit Bildern aus sozialen Netzwerken über Opfer des Terroranschlags vom 22. Mai in Manchester berichtet. 

Eine Rüge sprach der Presserat auch gegen die Frankfurter Allgemeine Zeitung aus. In einem umstrittenen Kommentar zur Ehe für alle ("Wir verraten alles, was wir sind") hatte der Autor unterstellt, dass bei von homosexuellen Paaren adoptierten Kindern die Gefahr eines sexuellen Missbrauchs wesentlich höher sei. Der Presserat sah in dieser unbelegten Behauptung einen schweren Verstoß gegen das Diskriminierungsverbot nach Ziffer 12. 

Wegen der mangelnden Trennung von Tätigkeiten gemäß Ziffer 6 gerügt wurden das Traunsteiner Tagblatt und die Volksstimme aus Magdeburg. Eine Rüge wegen der mangelhaften Kennzeichnung von Werbung kassierte Focus Online. Nach Ansicht des Presserates war ein als "Partnerinhalt" gekennzeichnete Native-Advertising-Beitrag nicht klar als Werbung erkenntlich. Die Bezeichnung "Partnerinhalt" sei kein presseethisch akzeptables Synonym für den Hinweis "Anzeige", monieren die Pressewächter. Wegen Schleichwerbung gerügt wurde außerdem Freizeit Heute (Alles Gute Verlag), der Donaukurier verstieß mit einem Biergartentest gegen die Trennung von Werbung und Redaktion. Teilnahmebedingung für die Biergartenbetreiber war das Schalten einer Anzeige in der Regionalzeitung. dh 

HORIZONT Newsletter Vor 9 Newsletter

Der Wake-Up Call der Branche

 


Meist gelesen
stats