Pressehandel G+J will bessere Bedingungen für neue teure Titel – und Springer mehr Platz für „Bild“

Donnerstag, 29. September 2016
Julia Jäkel setzt sich für hochpreisige Produkte ein
Julia Jäkel setzt sich für hochpreisige Produkte ein
Foto: VDZ

Interessantes Interessengeflecht: Im Vorfeld der 2017 startenden Verhandlungen zwischen Print-Häusern und Grosso-Verband um neue Handelsverträge ab 2018 positioniert sich nun auch Gruner + Jahr. Um das Vertriebssystem zu erhalten, brauche die Branche eine „leistungsgerechte Vergütung“, sagte G+J-Chefin Julia Jäkel beim 8. Distribution Summit des Zeitschriftenverbandes VDZ in Hamburg. Bei der Beschreibung dessen, was sie meint, greift sie auf ein Zitat zurück.

Und zwar auf einen Satz von Grosso-Verbandschef Frank Nolte: „Billigtitel und Me-too-Produkte mit hohen Remissionsquoten, die das Vertriebssystem stark beanspruchen, sollten zu den Kosten mehr beitragen, als dies gegenwärtig der Fall ist“ – mit dieser programmatischen Aussage hatte Nolte Mitte September seine Verbandstagung eröffnet. Ein solch klares Bekenntnis zu (nach Aufwandverursachung und Umsatzbeitrag) differenzierten Handelsmargen hatte man von Seiten des Grossos bislang noch nicht gehört, sahen sich die Pressegroßhändler bisher doch berufen, alle Titel zu denselben Konditionen zu betreuen.

Diese hehre Haltung stößt angesichts der weiter zunehmenden Zahl gerade auch kleinerer Titel und begrenzter Regalflächen allerdings an ihre Grenzen. Zuerst, bereits 2011, hatte dies die Bauer Media Group so gesehen und bessere Konditionen für vertriebsumsatzstarke Titel gefordert. Vor gut drei Monaten hatte sich dann auch Burda diese Position zu eigen gemacht, ebenso wie der Spiegel-Verlag. G+J hatte sich bisher zurückgehalten, wohl auch deshalb, weil die Vertriebstochter DPV im Mandantengeschäft auch etliche kleine Titel betreut. Und auch jetzt in Hamburg scheint G+J-Chefin Jäkel erleichtert, sich nicht klarer äußern zu müssen: „Ich bin froh, dass Sie das gesagt haben“, dankt sie Grosso-Mann Nolte für seine Aussage.

Jäkels Begründung: „Me-too-Produkte generieren keine echten Zeitschriftenfans – und das schadet unserer Branche.“ Hochpreisige Produkte dagegen verdienten mehr Bedeutung, weil sie einen höheren Jahresumsatz erzielten und weil ein hoher Copypreis „eben oft auch eine hohe Wertschätzung ausdrückt, auch gegenüber Vertrieb und Handel“.

Zugleich fordert Jäkel bessere Bedingungen für neue Titel: Volle Sichtbarkeit am PoS, besseres Marketing und Anreize für Händler, Newcomer durch platzsparende Sofort- und Frühremissionen nicht gleich schon wieder aus den Regalen zu schieben. G+J hat in den vergangenen zwei Jahren wie kaum ein anderer Verlag neue – und eher hochpreisige – Hefte gelauncht. Nun, es war im Pressevertrieb schon immer so, dass sich die programmatischen Forderungen ans Grosso sehr direkt aus dem eigenen Verlagsportfolio abgeleitet haben.

Das gilt auch für Axel Springer. Die Berliner fordern gemäß den Interessen ihrer „Bild“ und „Welt“, der Gattung Tageszeitung mehr Regalfläche einzuräumen. Springer-Vertriebschef Michael Fischer bekräftigt diese Position, die man etwa auch bei der „SZ“ teilt, auf dem VDZ-Summit: Angesichts ihrer 25 Prozent Umsatzanteil im Presseregal seien dort die 3 Prozent Fläche für Zeitungen zu wenig, so Fischer. Und ans Grosso appelliert er, gemeinsam mit den Verlagen neue Verkaufsstellen vor allem im Lebensmittelhandel zu erschließen, um die rückläufige Zahl herkömmlicher Kanäle (vor allem der Kioske) auszugleichen. Das diene im Übrigen nicht nur den Zeitungen, sondern auch den Zeitschriften – weil die Tagespresse für Kundenfrequenz im Handel und für Kopplungskäufe sorge. Außerdem hätten zuerst die Zeitungen einst neue Vertriebswege wie Discounter und Tankstellen erschlossen.

Mit beidem stellt sich Fischer einer zweiten Forderung von Bauer und Burda entgegen – der nach einer stärkeren Beteiligung der Zeitungen an den Kosten eines Verkaufsstellennetzes, das in dieser Dichte nur jene bräuchten. Nur G+J-Chefin Jäkel vermeidet es, sich auch dieser typischen Magazinverleger-Position anzuschließen. Individuell verständlich – schließlich ist Springer Mandant ihrer Vertriebstochter DPV für die bei Springer verbliebenen Zeitschriften. rp

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