Presse-Parteitipps zur Bundestagswahl? "Informationsmedien sollten informieren, nicht belehren"

Montag, 28. August 2017
Professor Michael Haller
Professor Michael Haller
© Hamburg Media School

Nach den Brexit- und Trump-Voten hat der angelsächsische Raum für viele Menschen und Medien an Eignung zum wahlkulturellen Vorbild verloren. In einer Frage sind die deutschen Medien ihren Pendants in den USA und in Großbritannien noch nie gefolgt: Anders als Times, Guardian und Co verzichtete die hiesige Presse stets auf Parteiempfehlungen. Auch jetzt zur Bundestagswahl am 24. September. Warum eigentlich?

Fast immer zu hören ist die Begründung, man sei überparteilich und unabhängig – und die Leser wollten gar keine konkreten Parteiempfehlungen, sondern sich anhand von Fakten, Hintergrundanalysen, Einordnungen und Kommentaren ihr eigenes Urteil bilden und die für sie richtige Wahlentscheidung treffen. So oder ähnlich argumentieren nahezu alle der über 15 Verlage und Titel, die HORIZONT dazu befragt hat. Weitere genannte Gründe: das hiesige Verhältniswahlrecht, das zu Koalitionen tendiert sowie die deutsche Geschichte.

Was die Verantwortlichen der großen Titel sagen, lesen Abonnenten in der HORIZONT-Ausgabe 34/2017 vom 24. August 2017. Hier bei HORIZONT Online nimmt der Medienwissenschaftler Michael Haller Stellung, emeritierter Journalistik-Professor der Uni Leipzig. Er hat kürzlich mit der Uni Leipzig und der Hamburg Media School im Auftrag der gewerkschaftsnahen Otto-Brenner-Stiftung eine Studie zur Medienberichterstattung zum Flüchtlingsthema 2015 und 2016 erstellt.

Herr Haller, inwieweit würden Sie den großen Magazinen und Wochenzeitungen, den überregionalen und großen regionalen Tageszeitungen sowie kleineren spitzer positionierten Politiktiteln (ab)raten, explizit parteipolitische Wahlempfehlungen auszusprechen?
Medien, die tagesaktuell berichten und dafür sorgen (sollen), dass die Menschen informiert sind, sollten aus meiner Sicht auf Wahlempfehlungen verzichten. Und dies aus drei Gründen: Erstens sollten diese Informationsmedien ein möglichst breites, soziokulturell und politisch heterogenes Publikum ansprechen. Dieses will eher informiert, nicht belehrt werden. Zweitens tendieren Redaktionen, die eine bestimmte Partei empfehlen wollen, zu einer Verzerrung („bias“) auch der Nachrichten zugunsten dieser Partei. Und drittens zeigt ein Blick auf die politische Geschichte Deutschlands, dass es Anstrengungen gekostet hat, die enge Bindung des Informationsjournalismus an Parteien und Blöcke aufzulösen. Noch immer hat er einen Hang zur Gesinnung, zum Rechthaben und Niedermachen abweichender Meinungen. Dem sollte man nicht Vorschub leisten!

Doch könnte es nicht auch Gründe für Wahlempfehlungen geben? Etwa eine mögliche Profilierung der Titel, PR-Effekte oder um Bindung an und Interaktion mit den Lesern zu erzeugen – in Form von Zustimmung Gleichgesinnter und Kritik Andersdenkender?
Argumente für eine Wahlempfehlung sehe ich bei Medien, die andere Funktionen als die oben genannten erfüllen (sollen): Zum Beispiel Räsoniermedien, die wöchentlich oder monatlich erscheinen und aus einer festgelegten politischen Blickrichtung die Vorgänge beurteilen, zum Beispiel Der Freitag oder die Junge Freiheit. Dasselbe gilt für Zielgruppen- und Nischenmedien sowie – natürlich – für parteipolitisch festgelegte Blätter. Reichweitestarke Wochenmedien, die einen General Interest vertreten (wie zum Beispiel die Zeit) hingegen sollten statt einer Wahlempfehlung eine große Debatte oder Kontroverse mit verschiedenen Stimmen führen. Ziel wäre es, einen prägnanten, kontroversen politischen Diskurs anzuzetteln und zu moderieren.

Inwieweit glauben Sie, dass Partei-Wahlempfehlungen tatsächlich auch Einfluss auf die Wahlentscheidungen der Leser hätten?
Das hängt von der Leser-Blatt-Beziehung ab. In ländlichen Regionen, wo noch die soziale Kontrolle funktioniert und die Meinung des Pfarrers oder Bürgermeisters das Meinungsklima prägt, gehört dazu auch die passende politische Ausrichtung des Lokalblattes. Dazu braucht es gar keine explizite Wahlempfehlung. Oder können Sie sich vorstellen, dass in Bad Sonthofen die Allgäuer Zeitung eine Wahlempfehlung für die SPD publiziert? In urbanen Räumen indessen gibt es kaum noch solch monochrome Strukturen. Zur Vielfalt und Volatilität der politischen Auffassung passt eher eine Zeitung, deren politische Linie offen und sachbezogen ist. Abgesehen davon: Vielen Studien zufolge ist es wahrscheinlich, dass nicht die explizite Wahlempfehlung der Redaktion, sondern die kontinuierlich tendenziöse Berichterstattung größeren Einfluss hat.

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