#PrayForBerlin Wie die Medien mit dem mutmaßlichen Anschlag in der Hauptstadt umgehen

Dienstag, 20. Dezember 2016
Die "Berliner Zeitung" trauert
Die "Berliner Zeitung" trauert
© Twitter

Deutschland steht unter Schock: Mindestens zwölf Menschen sind am Montagabend auf dem Weihnachtsmarkt am Berliner Breitscheidplatz bei einem Anschlag ums Leben gekommen. Weitere 48 Menschen wurden von dem Sattelschlepper, der mit hoher Geschwindigkeit über den Markt raste und dabei mehrere Buden zerstörte, verletzt. Obwohl die Tat von Beginn an stark an den islamistischen Terroranschlag von Nizza vom Juli 2016 erinnerte, reagierten die Medien und die Politiker überwiegend zurückhaltend und besonnen. Eine Bestandsaufnahme.
Kurz nachdem der dunkle Lastwagen mit polnischem Kennzeichen gegen 20 Uhr auf dem Weihnachtsmarkt an der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche auf dem Breitscheidplatz das Blutbad angerichtet hatte, sorgten Spiegel Online, Sueddeutsche.de, Faz.net und Co auf den Smartphones ihrer App-Nutzer für das in solchen Fällen inzwischen übliche Push-Nachrichten-Gewitter. Dabei ging teilweise die Geschwindigkeit zulasten der Qualität. Das zeigte sich anfangs vor allem bei Spiegel Online, wo das Lektorat offenbar schon im Feierabend gewesen sein muss.  Sehr schnell reagierten auch die Nachrichtensender N24 und n-tv, die ihr Programm für Sondersendungen unterbrachen. Etwas später zogen auch die ARD mit einem leicht überforderten Ingo Zamperoni, das ZDF mit Marietta Slomka und RTL nach.

Was an der Berichterstattung auffiel war, dass die Medien unter dem Strich sehr besonnen auf die Vorfälle reagierten und sich mit vorschnellen Schlussfolgerungen zurückhielten, wie sie noch Ende Juli bei den Schüssen im OEZ-Einkaufszentrum in München gezogen wurden. Damals machten schnell Gerüchte die Runde, es könne sich um einen islamistischen Terroranschlag handeln, was sich im Nachhinein als falsch herausstellte. 

Die Berichterstattung zu den Ereignissen in Berlin war deutlich vorsichtiger und sachlicher. Bundesinnenminister Thomas de Maizière sagte zwar noch am Abend, dass vieles für einen Anschlag spreche. Dennoch wurde auch die Möglichkeit eines Unfalls so lange nicht verworfen, bis dieser durch die sehr souverän agierende Berliner Polizei am Dienstag via Twitter ausgeschlossen wurde. 

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Bei den Tageszeitungen dürften die meisten Blattmacher gestern Überstunden gemacht haben. Fast alle großen Titel - mit Ausnahme von "Welt", "taz", und "Handelsblatt" - haben ihre Titelseite noch ab Abend ausgetauscht und machen mit den furchtbaren Ereignissen in Berlin auf. Vor allem die Titelseite der "B.Z." bringt den Schockzustand auf den Punkt. "Unser Herz!" lautet kurz und knapp die heutige Schlagzeile des Boulevardtitels, der auf der Titelseite noch den Ort des Geschehens mit dem Sattelschlepper zeigt. Doch auch bei den Printmedien ist Zurückhaltung angesagt. Selbst auf der Titelseite der "Bild" ist nur von einem "Terror-Verdacht" die Rede. 

Im Social Web scheint sich - traurig genug - inzwischen eine Art Muster dafür zu etablieren, wie mit Terrorattacken umzugehen ist. So wurde der #PrayFor-Hashtag, der bereits nach den Anschlägen von Paris, Brüssel und Nizza genutzt wurde, rasch für Berlin adaptiert. Inzwischen ist Twitter randvoll mit Beileidsbekundungen und Aufrufen zur Besonnenheit. Vorbildlich agierten auch die Satiriker Jan Böhmermann und Oliver Kalkofe, die beide während eines Auftritts von den Ereignissen überrascht wurden. So forderte Böhmermann die Besucher des Janolli-Weihnachtszirkus, den er zusammen mit Oli Schulz moderierte, dazu auf, keine Gerüchte zu verbreiten, nicht die Notrufleitungen der Polizei zu blockieren und "entspannt nach Hause" zu gehen. 

Allerdings gibt es auch Ausnahmen, wie den AfD-Landesvorsitzenden und Europaabgeordneten Marcus Pretzell, der auf Twitter rasch eigene Schlüsser zog und die deutschen Medien attackierte. Die Reaktionen sind einhellig. "Dass Sie sich nicht schämen", twitter "Bild"-Chefredakteurin Tanit Koch. "Banale Randnotiz: Die, die Journalisten Lügenpresse nennen, beschimpfen Journalisten heute Abend dafür, dass sie bei Fakten bleiben", schreibt ZDF-Korrespondent Stefan Leifert. 

Einige Twitter-Reaktionen im Überblick



 
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