"Postillon24" beim NDR Starke Quoten, schwache Kritiken

Montag, 28. April 2014
Anne Rothäuser und Thieß Neubert präsentieren "Postillon24" (Bild: NDR/Daniel Vesen)
Anne Rothäuser und Thieß Neubert präsentieren "Postillon24" (Bild: NDR/Daniel Vesen)


Was Stefan Sichermann zuletzt auch anfasste, es wurde ein Erfolg: Der Gründer und Betreiber der Satire-Website "Der Postillon" erhielt für seine Arbeit bereits diverse Preise, und als er zu Beginn des Jahres mit einer vordatierten Nachricht über den Wechsel von Ronald Pofalla in den Bahn-Vorstand halb Deutschland narrte, war das wohl sein persönliches Meisterstück. Nun startete das Webformat "Postillon24" auch im TV - und zwar mit starken Quoten. In den Online-Feuilletons und auf Twitter macht sich jedoch Enttäuschung breit. Bundesweit schalteten 540.000 Zuschauer ein, als "Postillon24 - wir berichten, bevor wir recherchieren" am vergangenen Freitag um Mitternacht im NDR Fernsehen erstmals auf Sendung ging. Das entsprach einem sehr ordentlichen Marktanteil von 4,9 Prozent. Für den NDR ist das eine sehr gute Nachricht. Denn Netzformate ins TV zu übertragen, gehört hierzulande nach wie vor nicht zum Standard. Und nun zeigt sich ausgerechnet eine öffentlich-rechtliche Sendeanstalt, denen man ja nicht gerade die größte Innovationsbereitschaft nachsagt, hier als Vorreiter. Entsprechend zufrieden ist NDR-Programmdirektor Frank Beckmann: "Der erfolgreiche Start zeigt, dass unsere Strategie aufgeht. Erfolgreiche Formate aus dem Netz finden auch im linearen Fernsehen ihr Publikum. Während andere noch suchen, sendet der NDR schon. Wir freuen uns auf weitere Folgen des 'Postillon' und arbeiten an weiteren Programmideen."



Inhaltlich wartete "Postillon24" mit einem Mix aus bekannten und neuen Themen auf: Den Auftakt zu der 15-minütigen Sendung bildete der im vergangenen Jahr mit dem Deutschen Webvideopreis ausgezeichnete Clip "Mutter nach Geburt ihres Kindes im Krankenhaus vertauscht". In dem Beitrag "Regierung plant Erhöhung von Ein- und Mehrwegpfand zur Bekämpfung von Altersarmut" wird ein Rentner gezeigt, der sich von der Anhebung des Flaschenpfands um 50 Cent eine Aufbesserung seiner Rente verspricht. Zudem gab es Kurznachrichten wie "Gentechniker züchten Hühner mit Tofugeschmack" oder "Perverser Spanner von noch perverserem Spanner beobachtet", einen Wetterbericht ("Arschkalt und ziemlich mies") oder einen Ausblick auf das "Postillon24 Nachtmagazin" mit Zampo Ingeroni. Moderiert wird "Postillon24" von Anne Rothäuser und Thieß Neubert, die "Postillon24" auch im Netz präsentieren.

Nun zeigt sich allerdings, dass der Erfolg des "Postillon" im Netz wohl eine Kehrseite hat: Die Erwartungshaltung von Zuschauern und Kritikern ist enorm hoch. In den Online-Feuilletons kommt die Premierensendung jedenfalls nicht besonders gut weg. "In länglichen Einspielfilmchen werden die Ideen mit Laiendarstellern routiniert durchdekliniert, bis dem Thema auch der letzte denkbare Witz entlockt ist", kommentiert etwa Arno Frank für Spiegel Online. "Insgesamt nett gemacht, aber eines nicht: lustig", so das Urteil von Sonia Álvarez auf Tagesspiegel.de. Und auch Frédéric Schwilden lässt für Welt Online kein gutes Haar an der Sendung: "In den Schlagzeilen erkennt man die Handschrift des Gründers. Kurz. Pointiert. Mit einer Zeile alles sagen und alle zum Lachen bringen. Er kann das. Werber eben. Aber im Fernsehen scheitert er." David Hugendick macht auf Zeit Online für die missglückte TV-Übertragung vor allem das öffentlich-rechtliche Sendeumfeld verantwortlich: "Es ist traurig, wie hier der Albernheitsüberschuss des Originals eingepasst wird in die träge Abendunterhaltung, in eine komödiantische Gemütlichkeit, die nichts will, vor allem nicht weh tun."

Man könnte die Meinungen der Medienkritiker ja als relativ unerheblich abtun, solange der Rest des Publikums eine wohlwollende Meinung hat. Doch auch daran sind Zweifel erlaubt, wie ein Blick auf die Twitter-Reaktionen nahe legt:
















Nun wird sich zeigen müssen, ob diese Meinungen mehrheitsfähig sind und sich die Zuschauer wieder lieber der Web-Version zuwenden - oder ob "Postillon24" seine Flughöhe im TV halten oder vielleicht sogar ausbauen kann. Ein Blick auf die Facebook-Seite der Sendung zeigt immerhin, dass die dortigen Nutzer zufrieden sind. Auch wenn der Erfolg anhalten sollte, will der NDR offenbar am derzeitigen Sendeplatz festhalten: "Der späte Freitagabend nach den Talkshows im NDR Fernsehen hat sich als Platz für Comedy, Satire oder etwa "Inas Nacht" sehr erfolgreich etabliert. Daher sind die Nachrichten von "Postillon24" hier goldrichtig aufgehoben", so eine Sendersprecherin auf Nachfrage.

Im schlimmsten Falle aber geht es der Sendung wie "Wetten, dass..?", wie ein Twitter-Nutzer argwöhnt:

ire
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