Pofalla, die Bahn und der "Postillon" Die Geschichte eines Satire-Coups

Freitag, 03. Januar 2014
Die vordatierte "Postillon"-Meldung über Ronald Pofallas neuen Job
Die vordatierte "Postillon"-Meldung über Ronald Pofallas neuen Job


Nicht einmal zwei Tage alt, wartet das neue Jahr schon mit einer der schönsten Verwirrgeschichten auf, die in 2014 geschrieben werden dürften: Das Satire-Magazin "Der Postillon" heftete sich die Exklusiv-Meldung über den Wechsel von Ex-Kanzleramtschef Ronald Pofalla zur Deutschen Bahn ans Revers - und schon halten viele die Nachricht für einen Gag und die deutsche Medienlandschaft für unfähig, das zu erkennen. "Postillon"-Betreiber Stefan Sichermann hat ein feines Gespür dafür, wie man mit scheinbar echten, in Wahrheit aber frei erfundenen Nachrichten für hervorragende Unterhaltung sorgen kann. Dafür wurden Sichermann und "Der Postillon" im vergangenen Jahr auch mit dem Grimme-Online-Award ausgezeichnet - bezeichnenderweise in der Kategorie "Information". "Die Ironie ist in Gefahr, in der Informationsflut zu ertrinken. Aber Der Postillon hat ihr ein Rettungsboot geschickt", begründete die Jury damals ihre Entscheidung.

Mittlerweile genießt der "Postillon" einen Ruf wie Donnerhall: Beinahe jede Nachricht, die auf der Seite erscheint, wird von der treuen Fangemeinde im Netz gefeiert - stets in dem Wissen, dass es sich um Satire handelt. Umso verwirrter waren die "Postillon"-Follower über das, was gestern auf der Seite ablief. Denn die Meldung über den Wechsel von Ex-Kanzleramtschef Ronald Pofalla (CDU) in den Vorstand der Deutschen Bahn wollte so gar nicht lustig erscheinen - es sei denn, man hielt sie für zu grotesk, um wahr zu sein. Und genau das taten einige.

Der Reihe nach: Am gestrigen Donnerstag gegen Mittag verschickte die "Saarbrücker Zeitung" per Presseportal ihre Exklusiv-Meldung über Pofallas neuen Job. Wenig später meldete die Deutsche Presse Agentur (dpa), dass entsprechende Informationen "im Grundsatz" bestätigt worden seien. So fand die Nachricht schließlich ihren Weg auf alle großen News-Seiten - eine offizielle Bestätigung stand jedoch noch aus. Gegen Abend schließlich verbreitete auch "Der Postillon" eine "Exklusiv-Meldung" zu Pofalla via Homepage, Facebook und Twitter:



Allerdings war das angezeigte Erscheinungsdatum der 1. Januar 2014, und in der Einleitung fand sich der Satz: "Wie der Postillon am Mittwochmorgen erfuhr, wechselt der CDU-Politiker und frühere Kanzleramtsminister Ronald Pofalla in den Vorstand der Deutschen Bahn."

Die Erregung im Netz ließ nicht lange auf sich warten: "Jetzt echt? Habt ihr gerade hoax erfunden und der Großteil der deutschen Medien übernimmt das dreist?", postet ein User auf Facebook und stößt damit ins selbe Horn wie Dutzende weiterer Kommentatoren. Auf Twitter schießt das Thema unter dem Hashtag #Pofallagate nach oben, schnell finden sich zahlreiche Tweets mit ähnlichem Tenor, wie dieser hier von TV-Moderator Jan Böhmermann:



Und so konnte man am bereits frühen Donnerstag Abend den Eindruck bekommen, ein Gutteil der Netzgemeinde vertraue eher einem Satire-Medium als seriösen Nachrichtenseiten wie "Spiegel Online". Sichermann dokumentiert die Aufregung derweil genüsslich auf der Facebook-Seite des "Postillon".

Die "Rhein Zeitung" sowie die "Ruhrnachrichten" brachten allerdings recht bald Licht ins Dunkel und fassten der Hergang der Ereignisse in eigenen Storifies zusammen. Darin findet sich der Hinweis, dass der RSS-Feed der "Postillon"-Homepage die Veröffentlichung der Pofalla-Meldung erst für Donnerstag, den 2. Januar 2014 ausweist (ersichtlich hier).

Dabei hätte ein genauerer Blick in die Kommentarspalten unter dem ersten "Postillon"-Post zu Pofalla schon genügt: Dort schlägt ein User vor, den Artikel einfach vorzudatieren. Antwort des Seitenbetreibers: "Mitgedacht!" Wenig später folgt quasi die Bestätigung:

(Bild: Screenshot facebook.com/DerPostillon)
(Bild: Screenshot facebook.com/DerPostillon)


Was bleibt, ist wohl eine der gelungensten Satire-Aktionen, die sich Sichermann je für den "Postillon" ausgedacht haben dürfte, sowie das Gefühl, dass es um das Vertrauen in die deutschen Leitmedien bei einigen nicht weit her ist. ire
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