Pimpls Position Wer braucht schon einen Verlag zum Schreiben …

Freitag, 31. August 2012
In die Tasten hauen kann jeder
In die Tasten hauen kann jeder

Nein, es soll hier nicht zum 375. Mal ums Leistungsschutzrecht gehen - obwohl das diese Woche mal wieder ganz aktuell ist, Stichwort Regierungsbeschluss. Und es soll hier auch nicht um die Klage eines Autors gegen die Verwertungsgesellschaft (VG) Wort gehen - obwohl in diesen Tagen nun endlich die Schecks verschickt werden. Sondern es soll hier mal kurz um das gehen, was bei beiden Themen in Wirklichkeit dahinter steckt: Um das Missverständnis darüber und die Missachtung dessen, was Verlage eigentlich so machen. Wenn deren Tun so trivial ist - warum macht es jeder Autor dann nicht selbst? Denn diese zentrale Frage gerät bei der Debatte über die Ausschüttungspraxis der VG Wort allzu leicht in Vergessenheit. Und erst recht beim kakophonischen Gezeter von Lobbyisten, Politikern und halbwissenden Beobachtern in Sachen Leistungsschutzrecht. Dieses komische Theater hat das ursprüngliche Verlagsanliegen - eigene Eigentums- und Verwertungsrechte am journalistischen Produkt - mittlerweile bis zur Unkenntlichkeit verzerrt.

In beiden Diskussionen fällt auf, dass manche Schreiber - ob sie nun für Verlage arbeiten oder sich als Blogger verwirklichen - nicht wirklich verstehen, für was Verlage gut sind. Nun, am einfachsten kann man das nicht soziologisch oder kommunikationstheoretisch erklären, sondern am Beispiel eines Schreibers, der sich überlegt, wie er arbeiten will: entweder angestellt (oder frei) für einen Verlag - oder eben ganz auf eigene Rechnung.

Denn das ist ja das Schöne am Internet: Die Markteintrittsbarrieren sind so niedrig, dass jeder Publisher werden kann. Man braucht, anders als früher, weder Kapital noch Papier noch Druck noch Vertrieb. Herrliche Zeiten für die Meinungsvielfalt!

Pimpls Position

In der Online-Kolumne "Pimpls Position" kommentiert Roland Pimpl, Hamburg-Korrespondent von HORIZONT, in loser Folge Themen und Thesen der Medienwelt.

Doch, oh Wunder, sogar manche derjenigen Schreiber, die sich stets mit Furor an der Verlagswirtschaft abarbeiten, binden sich dann, wenn's ums Geldverdienen geht, nun doch gerne mal an eines dieser ewiggestrigen Häuser. Der große Stefan Niggemeier etwa arbeitet für den Spiegel", Rainer Meyer ( Don Alphonso") für die FAZ". Und Thomas Knüwer, bekanntlich der Größte von allen, bloggt wohl eher nur, um als Berater (auch schon mal für Condé Nast) ein bisschen im Gespräch zu bleiben.

Warum also sollte sich ein Schreiber, der der Welt etwas mitteilen möchte, für einen Verlag verdingen, anstatt mit Lust und Liebe seine eigene Zeitung oder Site zu betreiben?

Die Kurzantwort: Weil er, an einen Verlag gebunden, mehr gelesen wird und mehr verdient.

Medienmarken sind bekannter als ein einzelner Schreiber. Sie haben sich einen Ruf erarbeitet und müssen ihn pflegen, etwa durch Qualitätssicherung und Werbung. Medienmarken dienen daher auch in der digitalen Welt als Anlaufstelle für Leser. Wer als Autor unter dieses Dach schlüpft, wird eher wahrgenommen. Seine Texte finden größere Verbreitung, allgemein und auch in Pressespiegeln, was beides wiederum die VG Wort honoriert. Ein Verlag sorgt zudem für die Infrastruktur, betreibt Server, finanziert Recherchen vor und zahlt seinen Schreibern Gehälter oder Honorare in einer Höhe, wie sie ein autarker Publisher über Werbeprogramme wie Google Adsense oder durch Paid Content auf seiner eigenen Site kaum erzielen könnte.

Der Punkt ist nur: Das alles (also gleichzeitig der Mehrwert, den ein Verlag einem Schreiber bietet!) kostet den Verlag Geld. Und das muss irgendwo herkommen. Daher ist es nur recht und billig, dass ein Verlag eigene Eigentums- und Verwertungsrechte am journalistischen Produkt erhält, unabhängig vom Urheberrecht der Autoren (ob die aktuelle Formulierung des Leistungsschutzrechts sinnvoll ist, ist eine ganz andere Frage). Und deshalb ist es auch nur recht und billig, dass ebenso die Verlage an VG-Wort-Ausschüttungen beteiligt werden.

Denn, nur noch mal zur Erinnerung: Kein Autor, kein Journalist, kein Schreiber muss einen Wahrnehmungsvertrag mit der VG Wort abschließen. Man kann auch auf eigene Faust nach Zweitnutzungen seiner Texte fahnden und Tantiemen eintreiben (muss dabei allerdings die Formvorschrift einer VG einhalten; Alternativen zur VG Wort sind also möglich!) - dann würde der Verlag erstmal außen vor bleiben. Und, nochmals, man muss auch nicht für einen Verlag schreiben, sondern kann auch seine eigene Website betreiben - und dann alle Inhalte großherzig und netzweltig zum Kopieren freigeben. Viel Spaß mit diesem Geschäftsmodell, liebe Kollegen! Roland Pimpl

Bisher erschienen:
Hans-Ulrich Jörges und sein fluffiges "Recht auf Internet"
Die lächerliche Aufregung über Schufas Facebook-Recherche
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