Philipp Welte zum Grosso-Streit "Wir haben einen Plan B"

Montag, 11. September 2017
Philipp Welte
Philipp Welte
Foto: Flo Fetzer für Hubert Burda Media

In Baden-Baden wird es in dieser Woche ungemütlich. Bei seinem Jahreskongress tagt der Bundesverband Presse-Grosso am Dienstag und Mittwoch ohne Bauer, Burda, Funke, Springer, Spiegel und Klambt. Die Verlagshäuser, die eine Allianz zur Modernisierung des Presse-Vertriebssystems geschmiedet haben, haben am Freitag ihre Teilnahme an der Veranstaltung abgesagt. Im Interview mit HORIZONT Online erhöht Burda-Vorstand Philipp Welte, der seit seiner  Gründung im Februar 2017 für den von ihm initiierten Zusammenschluss spricht, den Druck auf den Verband. Bis Anfang 2018 ließe sich ein „Plan B“ zur Organisation des Pressevertriebs realisieren.

Herr Welte, warum glauben Sie, dass das geschlossene Fernbleiben vom Jahreskongress Presse-Grosso der Verlagskoalition, bei der auch Burda Mitglied ist, mehr bringt als die Verhandlungen der vergangenen Zeit? Wir verstehen unser Fernbleiben als einen intensiven Appell an die Vernunft. Es bringt nichts, in Baden-Baden der Vergangenheit zu huldigen und in Erinnerungen an glorreiche Tage zu schwelgen, während langsam die Agonie eintritt. Unser Allianz verfolgt ein klares Ziel: Wir wollen unser Pressevertriebssystem, das über Jahrzehnte das beste der Welt war, zukunftsfähig und krisenresistent machen. Wir Verlage stehen für eine weltweit einzigartige Vielfalt der Medien, und wir müssen sicherstellen, dass die auch in Zukunft den Menschen in Deutschland zur Verfügung steht.

Zeitungen Zeitschriften Zeitungsregal Kiosk
Bild: Fotolia

Mehr zum Thema

Streit Verlagskoalition gibt Presse-Grosso einen Korb

Dafür müssen wir gemeinsam mit den Grossisten das System grundlegend weiterentwickeln. Leider hat sich gezeigt, dass der Verband das zwar in der Theorie erkennt, vor dem Weg in die Praxis aber zurückschreckt. Die komplette Ablehnung unseres deutlich modifizierten Angebotes bedroht die zentrale Lebensader unserer Industrie, sie bedroht den Weg unserer Zeitungen und Zeitschriften aus den Verlagen in den Handel und damit zu den Menschen. Ist dieser öffentliche Druck wirklich das richtige Mittel – oder wäre es nicht besser, gerade im Rahmen des Jahreskongresses seine Position erneut zu verdeutlichen, selbst wenn das schon oft geschehen ist? Sieht sich die Koalition nicht auch in der Verantwortung gegenüber kleineren Häusern? Unsere Verlagsallianz spricht nicht für einzelne Häuser und kämpft nicht um Partikularinteressen. Wir haben uns zusammengeschlossen, weil wir die Leistungsfähigkeit und die Profitabilität eines Systems bedroht sehen, das für die gesamte Verlagsindustrie von existentieller Bedeutung ist. Im Interesse aller müssen wir den flächendeckenden Vertrieb unserer Produkte in Deutschland sicherstellen, und dafür müssen die Grossisten gemeinsam mit uns an der Resilienz und der Effizienz dieses Systems arbeiten. Diese Position haben wir in fünf Verhandlungsrunden vorgetragen – leider ohne Ergebnis. Jetzt liegt das Schicksal des Systems allein in der Hand des Grosso-Verbandes.

Was passiert konkret, wenn die Verhandlungen tatsächlich scheitern? Unsere Verantwortung als Verlag ist es, qualitativ hochwertigen und unabhängigen Journalismus in Deutschland zu garantieren, und wenn ich mich in der Welt umschaue, war diese Mission selten so wichtig wie heute. Aber unser journalistisches Angebot muss auch zu den Menschen finden, deshalb haben wir natürlich ein alternatives Szenario entwickelt für den Fall, dass der Verband der Grossisten sich seiner Mission Zukunftsfähigkeit nicht stellen will. Unsere Verträge mit dem Grosso laufen Anfang 2018 aus, bis dahin können wir auch diesen Plan B realisieren. Unser eigentliches Ziel bleibt aber, das bestehende System gemeinsam mit dem Grosso bereit für unsere gemeinsamen Herausforderungen im 21. Jahrhundert zu machen.
„Wir erwarten unmittelbar nach der Grosso-Tagung das eindeutige Signal, dass die Grossisten zu einem schnellen und konsequenten Prozess der Veränderung bereit sind.“
Philipp Welte, Burda

Anders gefragt: Welche Voraussetzungen müssten erfüllt werden, damit eine Einigung Ihrer Meinung nach noch möglich wird? Wir Verlage befinden uns alle seit Jahren in fundamentalen und teilweise sehr schmerzhaften Transformationsprozessen, und wir alle investieren Jahr für Jahr Millionen in die Veränderung unserer Unternehmen. Jetzt muss sich das Presse-Grosso dazu entscheiden, schnell und konsequent durch einen solchen Prozess der Veränderung zu gehen, damit das System weiter leben und gedeihen kann. Wir erwarten unmittelbar nach der Grosso-Tagung das eindeutige Signal, dass die Grossisten dazu bereit sind. Wenn dieses konstruktive Signal nicht kommt, ist das für uns der Startschuss für eine neue Organisation des Pressevertriebs in Deutschland.

Wie würden Sie generell die Stimmung gegenüber der Verlagskoalition nach Ihrer Ankündigung des Fernbleibens beschreiben? Gibt es eher Zuspruch oder Kritik, von welchen Seiten? Wir Verlage erleben eine beeindruckende Geschlossenheit. Alle wissen, was auf dem Spiel steht, nämlich die Verfügbarkeit von hochwertigem, unabhängigem Journalismus in Deutschland. Wir kämpfen für den flächendeckenden und diskriminierungsfreien Zugang zu Zeitschriften und Zeitungen unter den völlig veränderten Marktbedingungen des 21. Jahrhunderts. Dafür brauchen wir eine effiziente, moderne Infrastruktur – innerhalb oder außerhalb des bestehenden Systems.

Das sagt der Bundesverband Presse-Grosso

Auch der Bundesverband Presse-Grosso hat sich mittlerweile zum Boykott von Burda und Co geäußert. Man bedauere die Absage der Verlage und könne diese nicht nachvollziehen. „Tatsächlich sind die Gespräche über eine neue Branchenvereinbarung bisher sehr konstruktiv verlaufen“, heißt es aus Köln. „Beide Seiten haben noch vor wenigen Tagen konkrete Einigungsvorschläge eingebracht.“ Vor dem Hintergrund der schwierigen Marktentwicklung sei das persönliche Gespräch wichtiger denn je, um gemeinsam eine tragfähige Lösung zum Erhalt und zur Fortentwicklung des bewährten Grosso-Systems zu finden. Hierfür biete die Jahrestagung ideale Voraussetzungen. Das Presse-Grosso stehe jedenfalls jederzeit für die Fortführung der Gespräche zur Verfügung. kan

Meist gelesen
stats