#ParisAttacks Die publizistische Debatte nach den Anschlägen

Montag, 16. November 2015
Springer-Chef Mathias Döpfner schrieb zu den Anschlägen von Paris einen Leitartikel
Springer-Chef Mathias Döpfner schrieb zu den Anschlägen von Paris einen Leitartikel
Foto: Axel Springer

Die Frage, wie die Gesellschaft mit den Anschlägen von Paris umgehen sollte, wird nicht nur in den Parlamenten diskutiert. Die Debatte ist auch eine publizistische. Natürlich sind die Anschläge seit Freitagabend Thema Nummer 1 in allen deutschen Medien. Auffällig ist: Kommentieren ist Chefsache. In den Leitmedien haben sich in den vergangenen Stunden Chefredakteure und Herausgeber zu dem Thema geäußert – und nehmen dabei teilweise aufeinander Bezug.

Springer-Chef Mathias Döpfner griff selbst in die Tasten und schrieb einen Kommentar für die "Welt am Sonntag". Unter dem Titel "Nicht unterwerfen, sondern kämpfen" fragt sich der gelernte Journalist, inwieweit die Forderung, wir dürften unsere Werte nicht von Terroristen zerstören lassen, überhaupt brauchbar ist. "Es ist alles richtig. Es ist alles wichtig. Und es ist doch hilflos. Europa redet sich Mut ein wie ein Kind, das aus Angst vor dem Gewitter Blitz und Donner anbrüllt", schreibt Döpfner.

Der Springer-Chef hatte die Problematik des richtigen Verhältnisses zwischen Freiheit und Sicherheit bereits vor einigen Jahren in dem Buch "Die Freiheitsfalle" erörtert. Diese Frage ist nun aktueller denn je: "Die westlichen Demokratien stehen vor einer schicksalshaften Frage: Wie wollen wir unsere vielbeschworene Freiheit verteidigen? Oder noch archaischer: Unterwerfung oder Kampf? Und wenn Kampf: wie?" In seinem Kommentar kommt Döpfner zu dem Ergebnis, es brauche nun "eine Radikalisierung der gesellschaftlichen Mitte. Einer Mitte, die ihren Freiheits-Werten auf den Grund geht und sie kraftvoll verteidigt."

Einen Tag nach Erscheinen von Döpfners Meinungsbeitrag nehmen zwei prominente publizistische Köpfe direkten Bezug darauf. "Tagesspiegel"-Chefredakteur Lorenz Maroldt stellt in seinem morgendlichen Newsletter "Checkpoint" die Frage, worin eine solche Radikalisierung der Mitte bestehen sollte und mutmaßt: "Hat sich diese Mitte nicht schon längst radikalisiert - in einer für die Gesellschaft gefährlichen Art und Weise?" An dieser Stelle zeigt sich vermutlich auch eine Schwäche der mittlerweile sehr beliebten Kurz-Einordnungen via Newsletter: Maroldt hat einen interessanten Punkt - führt ihn jedoch nicht aus. Mehr als einen Denkanstoß liefert er nicht.
„Wir brauchen keinen linken oder rechten Populismus. Sondern eine Radikalisierung der gesellschaftlichen Mitte. “
Mathias Döpfner
"Handelsblatt"-Herausgeber Gabor Steingart belässt es nicht bei Fragen – er widerspricht Döpfner offen. In seinem "Morningbriefing" schreibt Steingart: "Die bürgerliche Mitte unseres Landes sollte sich nicht radikalisieren, sondern sich ihrer vornehmsten Tugenden erinnern: Besonnenheit und Friedfertigkeit. Mehr Verantwortung übernehmen, das kann nach den Anschlägen von Paris nur mehr Nachdenklichkeit bedeuten. Militärs und Geheimdienste müssen ihre Arbeit tun, aber die Politik und die Gesellschaft ihre auch."

Döpfner ist allerdings nicht der einzige, auf den Steingart unmittelbar antwortet. Er zitiert auch Berthold Kohler, Mitherausgeber der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung". Dieser hatte von der westlichen Wertegemeinschaft gefordert, geschlossen aufzutreten und seine Werte zu schützen. Ein Prozess, der Kohler zufolge seinen Tribut fordern werde: "Das wird angesichts des Ausmaßes der Bedrohung und der Asymmetrien des Konflikts nicht gänzlich ohne Einschränkungen der Freiheiten möglich sein, die es zu verteidigen gilt, gegebenenfalls auch mit eigenen Truppen in Syrien. Ohne Opfer wird dieser epochale Kampf nicht zu bestehen sein." Kohler Leitartikel trägt denn auch den martialischen, beklemmenden Titel "Im Weltkrieg".
"Handelsblatt"-Herausgeber Gabor Steingart fordert "mehr Nachdenklichkeit"
"Handelsblatt"-Herausgeber Gabor Steingart fordert "mehr Nachdenklichkeit" (Bild: Lena Böhm)
Am Schluss seines Kommentars gibt Kohler auch Bundeskanzlerin Angela Merkel eine Botschaft mit auf den Weg: Die Regierungschefin, die in der Flüchtlingskrise mit Optimismus voranschritt ("Wir schaffen das!"), müsse nun Härte zeigen: "Die Deutschen haben nichts gegen ein freundliches Gesicht an der Spitze ihrer Regierung. In solchen Zeiten aber wollen und müssen sie ein anderes sehen: ein hartes", so Kohler.

"SZ"-Chefredakteur Kurt Kister hingegen warnt die Politik davor, die Attentate von Paris zu einer Kehrtwende in der Flüchtlingspolitik zu nutzen – und spricht direkt den CSU-Politiker Markus Söder an, der auf Twitter den Bogen zur deutschen Einwanderungspolitik geschlagen hatte (#ParisAttacks ändert alles. Wir dürfen keine illegale und unkontrollierte Zuwanderung zulassen.“)
„Die Deutschen haben nichts gegen ein freundliches Gesicht an der Spitze ihrer Regierung. In solchen Zeiten aber wollen und müssen sie ein anderes sehen: ein hartes.“
Berthold Kohler
Kister schreibt: "Angst verbreiten zu wollen, ist verbrecherisch; Angst politisch auszunutzen, ist verwerflich. Wer, wie der bayerische Karrierist Söder, jetzt sagt: 'Nicht jeder Flüchtling ist ein IS-Terrorist', der lässt mitschwingen, dass Flüchtlinge und Terror dennoch zusammenhängen. Das ist die Instrumentalisierung der Angst. Es ist Geschwätz jenseits der Schamgrenze."

In dieselbe Kerbe haut Brigitte Fehrle. Die Chefredakteurin der "Berliner Zeitung" schreibt: "Jetzt kommt es ganz auf uns an. Auf unsere Klugheit, auf unsere Besonnenheit. Wir dürfen uns von den Tätern nicht treiben lassen. Sie dürfen nicht die Geschwindigkeit und die Härte unseres Handelns bestimmen. Was heißt das? Erst einmal, dass bei der Suche nach Ursachen und Lösungen die Flüchtlinge außen vor gelassen werden müssen." Sehr wohl müsse aber die Debatte geführt werden, ob man sich an einem militärischen Eingreifen gegen den IS beteilige.
Jörg Quoos leitet die Zentralredaktion der Funke Mediengruppe in Berlin
Jörg Quoos leitet die Zentralredaktion der Funke Mediengruppe in Berlin (Bild: Funke Mediengruppe)
Jörg Quoos, oberster Chefredakteur der Funke-Mediengruppe, warnt davor, den Terroristen nachzugeben: "So schlimm der Terror von Paris ist: Wenn wir unser Leben ändern, Großveranstaltungen meiden oder geplante Konzerte absagen, hat der Terror einen ersten furchtbaren Sieg über uns errungen. Das darf nicht sein. Wir müssen unser Leben wie gewohnt weiterleben, auch wenn es dabei manche Angst zu überwinden gilt." Gleichzeitig gibt Quoos zu bedenken, dass der Kampf gegen den Terrorismus nicht nur durch die eigene Lebensweise geführt werden könne: "Wegducken und hoffen, dass andere die Drecksarbeit machen und die Bomben des IS woanders explodieren, wird unsere Sicherheit auf Dauer nicht garantieren."

Bernd Ulrich sieht derweil vor allem eine Möglichkeit, auf die Anschläge zu reagieren: Entschlossenheit im Kampf gegen den Islamismus bei gleichzeitiger Versöhnung mit der arabischen Welt. Man müsse "radikal neu denken", schreibt der stellvertretende Chefredakteur der "Zeit": "Wenigstens die grobe Richtung scheint klar: Wir müssen den Islamismus bekämpfen und uns mit den Muslimen versöhnen. Denn das ist das einzige, was wir noch nicht ausprobiert haben: die Araber und Perser so zu behandeln, als seien sie Menschen wie Du und ich, wie Nachbarn." ire

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