Paid Content Warum die "New York Times" eine Rolle rückwärts macht

Dienstag, 12. Mai 2015
Die "New York Times" hofft auf sprudelnde Werbeerlöse im mobilen Internet
Die "New York Times" hofft auf sprudelnde Werbeerlöse im mobilen Internet
Foto: dpa

Die "New York Times" gilt gemeinhin als Vorreiter in Sachen Paid Content. Seit bei der renommierten Tageszeitung 2011 die Bezahlschranke fiel, ist die Zahl der Digitalabonnenten auf stattliche 910.000 geklettert. Davon kann selbst der hiesige Paid-Content-Platzhirsch "Bild"-Zeitung mit seinen 260.000 Abonnenten nur träumen. Dass die bislang kostenpflichtige App "NYT Now" jetzt auf einmal gratis angeboten wird, wirft daher einige Fragen auf.
Der Tweet, den die "New York Times" gestern absetzte, klingt unschuldiger als er ist. "Today's a big day for NYT Now: We have a new look and lots of new features", verkündete die "New York Times" ihren mehr als 16 Millionen Followern. Die eigentliche Big News, dass die App, für die Abonnenten bislang immerhin 8 US-Dollar im Monat berappen mussten, ab sofort kostenlos angeboten wird und sich über Werbung finanzieren soll, bekamen aber nur jene knapp 6000 Follower mit, die dem "NYT Now"-Macher Clifford Levy auf Twitter folgen.

Doch wie lässt sich die seltsame Kehrtwende von einem kostenpflichtigen hin zu einem werbefinanzierten Gratis-Produkt erklären? Einiges spricht dafür, dass selbst die altehrwürdige "New York Times" von der Geschwindigkeit, in der Facebook aktuell den Mobile-Markt erobert, beeindruckt ist - und ihre Felle davon schwimmen sieht.

Zur Erinnerung: Der durchaus stattliche Werbeumsatz in Höhe von 3,5 Milliarden US-Dollar, den Facebook im 1. Quartal 2015 erwirtschaftete, wurde zu 73 Prozent mobil erzielt (siehe Chart unten). Vor dem Hintergrund, dass alle großen Mediaagenturen wie zuletzt Zenith Optimedia dem mobilen Kanal eine rosige Zukunft voraussagen, werden sich die verantwortlichen Strategen bei den Traditionsmedien derzeit alle die Frage stellen, ob kostenpflichtige Abomodelle tatsächlich der richtige Weg sind - wenn man sich damit die Chance verbaut, am Boom des mobilen Werbemarkts zu partizipieren. Bei der "New York Times" ist man offenbar zur Erkenntnis gelangt, dass die Vertriebserlöse bei einer kolportierten Abonnentenzahl von 20.000 (und nicht 200.000 wie von Engadget gemeldet) mittelfristig nicht mit den Umsätzen mithalten können, die ein sich weiterhin prächtig entwickelnder mobiler Werbemarkt verspricht.

Infografik: Mobile Werbung treibt Facebooks Wachstum | Statista
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Auch die Contentstrategie für die mobile App spricht dafür, dass die "New York Times" ihr Heil in der Reichweite sucht, um auch in Zukunft als relevante Medienmarke wahrgenommen zu werden. So erhalten Nutzer von "NYT Now" anders als bislang nicht nur Artikel aus der eigenen Zeitung, sondern auch Beiträge anderer Medien. "Wir werden in der App einen großen Anteil New York Times Journalismus haben. Allerdings wird es auch andere Beiträge aus dem Netz geben, die von der New-York-Times-Redaktion präsentiert werden", wird "NYT"-Digitalchef Cliff Levy auf Poynter.org zitiert. Der zweimalige Pulitzerpreis-Gewinner glaubt nach eigenen Angaben, dass die Leser auf die kuratierten Nachrichten "sehr positiv reagieren werden", so Levy weiter.
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Die "New York Times" ist nicht der einzige renommierte Titel, der bei seinen Mobile-Angeboten auf eine Kostenlos-Strategie umgeschwenkt ist. Seit Ende 2014 bietet auch die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" ihre iPhone-App gratis an. Zum Start Ende 2010 kostete die Nutzung der App nach einer 30-tägigen kostenlosen Testphase noch 2,99 Euro pro Monat, später kletterte der Preis auf 3,59 Euro. Mit der Überarbeitung Ende 2014 fiel die Bezahlschranke komplett weg. mas
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