Onlinekioske Blendle contra Pressreader – die Chefs im Interview

Freitag, 03. Juli 2015
Blendle bietet Einzelartikel aus Zeitungen und Zeitschriften zum Kauf an
Blendle bietet Einzelartikel aus Zeitungen und Zeitschriften zum Kauf an
Foto: Blendle

Die Temperatur steigt – in der Sommerhitze und, im übertragenen Sinn, auch im digitalen Pressevertrieb. Immer mehr Onlinekioske drängen auf den Markt und buhlen um Inhalte. Die Verlage müssen jetzt ein paar Grundsatzentscheidungen treffen.

Nicht nur Facebooks „Instant Articles“, Apples neue Nachrichten-App „News“ und unzählige PDF-Plattformen (Axel Springers iKiosk gönnt sich gerade eine neue Kampagne) dienen sich den Verlagen an, sondern auch neuartige Onlinekioske, die wie Netflix bei Filmen und Spotify bei Musik für eine monatliche Flatrate unbegrenzten Zugang zu allen Inhalten der Partnertitel bieten. Readly etwa, das jetzt mit der Telekom kooperiert, und Pressreader, das nicht nur PDFs führt, sondern die Titelinhalte auch auf einer eigenen Darstellungsoberfläche neu zusammenmischt – und hier sogar eigene Werbevermarktung plant. Einen anderen Weg gehen Pocketstory und Blendle, das in den kommenden Wochen auch in Deutschland startet: Hier geht es um den Einzelverkauf von Texten, also um die Entbündelung der Titel.

In der aktuellen Ausgabe (Heft 27/2015 vom 2. Juli) analysiert HORIZONT die Umtriebe vor allem von Pressreader und Blendle aktuell in Deutschland. Für HORIZONT Online finden die Chefs der beiden Plattformen noch Zeit für jeweils ein kurzes Interview: Nikolay Malyarov, Chief Content Officer des kanadischen Onlinekiosks Pressreader, und Marten Blankesteijn, Gründer und CEO von Blendle aus den Niederlanden.

Nikolay Malyarov, Pressreader: „Bedeutung von Medienmarken nimmt ab“

Nikolay Malyarov, Pressreader
Nikolay Malyarov, Pressreader (Bild: Pressreader)
Sie sind Kanadier. Wie erleben Sie den digitalen Pressevertriebsmarkt in Deutschland? Als ultrakonservativ, auch wegen der bislang starren Regularien der IVW. Aber nach unserem Eindruck verändert sich hier gerade einiges, sowohl bei der IVW als auch hinsichtlich der steigenden Bereitschaft der Leser, für journalistische Inhalte zu zahlen.

Auch Ihre Plattform mischt Inhalte der Partnerverlage neu zusammen, sie werden zu bloßen Zulieferern einzelner Artikel. Gefährdet das nicht die Markenkraft der Titel? Die Bedeutung klassischer Medienmarken nimmt ab, vor allem bei jüngeren Lesern. Stattdessen werden die Autoren als Absender des Contents wichtiger – deshalb werden Journalisten und Blogger immer mehr zur Marke.

Warum bevorzugen Sie Flatrates gegenüber dem Einzelverkauf von Texten à la Blendle? Unser gebündeltes All-you-can-read-Modell bietet die Chance, dass einzelne Artikel von Lesern entdeckt werden, die die Verlage mit ihren Titeln sonst niemals erreichen würden. Mikrozahlungen wie Pay-per-Article führen dagegen zu Reibungspunkten beim Entdecken von Inhalten, weil der Leser bei jedem Artikel neu entscheiden muss, was er ihm wert ist.

Marten Blankesteijn, Blendle: „Allzu viele Onlinekioske werden nicht bestehen“

Marten Blankesteijn, Blendle
Marten Blankesteijn, Blendle (Bild: Blendle)
Warum müssen erst kleine Start-ups wie Blendle kommen, um den großen Verlagshäusern zu zeigen, wie Paid-Content-Modelle funktionieren können? Wenn Verlage eigene Lösungen entwickeln, wollen andere Häuser oft nicht mitmachen – entweder weil es technisch nicht passt oder weil man mit Konkurrenten nicht kooperieren möchte. Wenn sich Verlage dennoch mal zusammentun, dann wollen zu viele Seiten und Personen mitentscheiden, das führt zu Verzögerungen, Blockaden und faulen Kompromissen. Drittens haben die Verlage ihr Paid-Content-Interesse bisher auf digitale Komplettausgaben beschränkt und dabei die Chancen des Verkaufs einzelner Artikel etwas außer Acht gelassen.

Immer mehr Onlinekioske buhlen um den Content der Verlage. Befürchten Sie deshalb einen Wettbewerb der Vertragskonditionen, etwa ein Absinken der üblichen 30 Prozent Provision? Ganz ausgeschlossen ist das nicht. Allerdings wird Blendle von den 30 Prozent nicht abweichen, weil wir diesen Anteil brauchen, um wirtschaftlich zu arbeiten. Übrigens glaube ich nicht, dass allzu viele Onlinekioske im Markt bestehen werden, denn die technologischen Hürden für ein wirklich funktionierendes und nutzerfreundliches Produkt sind ziemlich hoch.

Blendle will ein soziales Netzwerk für Presseartikel sein, mit Such-, Archiv-, Empfehlungs- und automatischen Vorschlagsfunktionen, mit eigenen Rubriken und Alert-Newslettern per E-Mail. Für den User entsteht so ein individuelles Magazin, und Blendle verfügt über die passenden Nutzungsdaten. Planen Sie auch die Vermarktung von Werbung wie Pressreader? Nein. Wir möchten unseren Nutzern eine Premium-Lesererfahrung bieten. Werbung stört da nur, was man ja auch an der steigenden Verbreitung von Ad Blockern sieht. Außerdem möchten wir unsere Management- und Technologiekapazitäten voll auf den Vertriebsmarkt konzentrieren.

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