Offener Brief in der WamS Stephanie Nannen kritisiert Fehlen von Verlegerpersönlichkeiten

Montag, 13. Oktober 2014
Bei Gruner + Jahr haben künftig nur noch die Manager das Sagen
Bei Gruner + Jahr haben künftig nur noch die Manager das Sagen
Foto: Foto: G+J

Mit dem Verkauf der letzten Anteile an Gruner + Jahr ziehen sich die Erben von Mitgründer John Jahr endgültig aus dem Verlagsgeschäft zurück, das Medienhaus gehört nun vollständig zum Bertelsmann-Konzern - eine große Gefahr, meint Stefanie Nannen. Die Journalistin und Henri-Nannen-Enkelin veröffentlicht in der "Welt am Sonntag" (WamS) einen offenen Brief an den verstorbenen "Zeit"-Herausgeber Gerd Bucerius und warnt vor der Absenz publizistischer Verleger.
Bucerius, Rudolf Augstein, Henri Nannen, John Jahr, Axel Springer - Stephanie Nannen vermisst in den Chefetagen der deutschen Verlagshäuser im Jahr 2014 tatächliche publizistische Verleger. Stattdessen schalten und walten auf oberster Entscheiderebene nur noch ergebnisorientierte Unternehmer und Manager, schreibt Nannen in der "WamS. Eine Gefahr für den Journalismus, meint die Autorin: "Ein guter Verleger stellt sich in der Not vor seine Redaktionen und lässt ihnen ansonsten Freiheit. John Jahr war so einer. 'Ihr könnt über alles schreiben', hat er gesagt. 'Es muss nur stimmen.' Jahr war Verleger, nicht nur einfach jemand, der seine Arbeit liebte - er war, was er tat." Nannen richtet ihren offenen Brief explizit an den 1995 verstorbenen Bucerius. Sie erinnert daran, wie sich der Verlagsmann gemeinsam mit ihrem Großvater und "Stern"-Gründer Henri Nannen in einer Hamburger Wohnung verschanzte, um der Zustellung einer einstweiligen Verfügung gegen eine kritische Ausgabe des Magazin zu entgehen. "Der Verleger und die Redaktion schritten Seit' an Seit'", schreibt Stephanie Nannen, auch wenn es immer mal wieder Meinungsverschiedenheiten gegeben hatte. "Das braucht ein Verlag wie G+J eben auch: Journalisten, die ihren Verlegern etwas abverlangen, ihnen etwas entgegenhalten, ihnen auf die Nerven gehen", so Nannen.
Gruner + Jahr Pressehaus bei Nacht
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Nannen vertritt die Meinung, nicht nur Mitarbeiter, sondern auch der Chef müsse sich mit dem Unternehmen identifizieren können. "Ein Verleger muss das Produkt, das er vertreibt, lieben, wird im besten Falle ein Bindeglied zwischen Kunst, Anliegen und Kommerz. Er muss Reibung erzeugen, streiten wollen, sich notfalls ein Stück weit mit aufs Rad flechten lassen, wenn er die Geschicke einer Zeitschrift leitet. [...] Content allein ist wie Blut ohne Körper. Inhalt braucht Form. Und gerade heute, im Überfluss der Information, ist der Formgeber entscheidend. Er ist die Instanz. Form schafft Persönlichkeit, schafft Identifikation, schafft Marke. Auf die Schärfung der Marke kommt es an, auf denjenigen, der sie zu schärfen vermag. Auf den Verleger." fam
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