Nienhaus zu Online-Kiosken „Wenn wir uns nicht sputen, machen Google und Apple das Geschäft“

Montag, 20. Juli 2015
Christian Nienhaus will mit der "Bild" Aldi erobern
Christian Nienhaus will mit der "Bild" Aldi erobern
Foto: Funke Mediengruppe

Werden Online-Kioske nach zig Fehlschlägen doch noch zu einer Erfolgsgeschichte? Und wenn ja: Wer hat das richtige Konzept? Christian Nienhaus, seit gut einem halben Jahr Vertriebschef von Axel Springer, sagt zu HORIZONT Online: „Ich glaube, dass man sich jetzt sputen muss, weil sonst die ganz Großen wie Google oder Apple das Geschäft machen.“

Springer setzt unter anderem auf den iKiosk, der eine Auswahl von über 500 Zeitungen und Zeitschriften bietet. Das Angebot gibt es schon länger, von einem echten Erfolg kann bisher nicht die Rede sein. Nienhaus: „Das große Problem ist, dass es dem iKiosk schlicht an Bekanntheit fehlt.“ Eine vor zwei Wochen angelaufene Kampagne (Kreation: Jung von Matt/Spree) soll Abhilfe schaffen.

In seinem ersten Interview als Chef der Springer Vertriebstochter Sales Impact spricht der ehemalige Funke-Geschäftsführer auch über das deutsche Grossosystem und die Bedeutung von Print. Aufhorchen lässt vor allem sein Plan, mit „Bild“ in die Läden von Aldi Süd zu kommen. Dort sitzt mit Thomas Ziegler ein alter Weggefährte aus Funke-Zeiten im obersten Führungsgremium. „Ich hoffe“, sagt Nienhaus, „dass er unser Anliegen tüchtig promotet“.

Christian Nienhaus über...

… die Erfolgsaussichten des iKiosk

„Ich glaube, dass man sich jetzt sputen muss, weil sonst die ganz Großen wie Google oder Apple das Geschäft machen werden. iKiosk bietet die Bezahlung auch über i-Tunes oder Android-Store. Als Kunde kann ich wie beim Musikdownload meine Einzeltitel schnell und unbürokratisch bezahlen. Wenn wir Erfolg haben, ist unser Geschäftsmodell internationalisierbar und skalierbar. Der iKiosk kann eine echte Erfolgsgeschichte werden!“

… seine Rückkehr zu Axel Springer

Als ich bei Funke ausschied, haben viele erwartet, dass ich entweder in eine Konzernspitze einsteige oder, wenn das nicht möglich ist, Berater werde. Natürlich war das eine Option, aber nachdem ich alles analysiert und erwogen hatte, war mir klar: am liebsten würde ich wieder operativ arbeiten. Das ist einfach das, was mir am meisten Freude bereitet und was ich in meiner Funktion bei Funke bisweilen vermisst habe. Dass ich wieder bei Axel Springer mitmachen kann, freut mich sehr.“

… schrumpfende Auflagen und Vertriebserlöse

„Stimmt, der klassische Vertrieb ist ein rückläufiges Geschäft - aber es ist eben immer noch ein hochprofitables Business, das man gut oder schlecht managen kann. Und man muss schon die Relationen im Auge behalten. Sales Impact ist nach wie vor die dominante Ertragssäule und trägt beispielsweise über die Hälfte zu den Umsätzen der „Bild“-Gruppe bei. „Bild“ und „Bild am Sonntag“ verkaufen jede Woche 13 Millionen Exemplare, also über 50 Millionen jeden Monat. Wenn „Bild“ ein Sonderheft wie „Besser Leben“ macht, verkauft sich das aus dem Stand über 115.000 mal. Das zeigt, wie viel Power in dem Titel steckt.“

… mögliche Sparprogramme im Vertrieb

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Bei Sales Impact wird es durch unsere Neuorganisation zu einem Personalabbau kommen, denn das Ziel ist auch eine Prozess- und Kostenoptimierung. Im Gegensatz zu Wettbewerbern sind wir dann immer noch personell stark aufgestellt. Wir leisten uns eine regionale Struktur, einen Außendienst, der den Einzelhandel besucht, und eine große, schlagkräftige Analyse-Abteilung. Ich halte das für sinnvoll, gerade für einen Riesen wie „Bild“ lohnt sich ein solcher Aufwand unbedingt.“

… neue Vertriebsstellen

„Wir arbeiten gemeinsam mit dem Grosso-Verband daran, bei Aldi Süd in die Geschäfte zu kommen. Ein weiteres wichtiges Zielunternehmen ist Norma, wo wir nur in wenigen Läden verkauft werden. Außerdem wollen wir Krankenhäuser und Altenheime ansprechen und für den Zeitungsvertrieb gewinnen. Das klingt vielleicht nicht besonders spektakulär, aber wir sprechen hier von tausenden potenziellen Vertriebsstellen. Es gibt noch eine ganze Reihe von weiteren Maßnahmen, über die wir hier nachdenken - aber bevor ich darüber mit Ihnen spreche, will ich das erst intern diskutieren und umsetzen.“ 

… die notwendige Modernisieriung des Grossosystems

„Das deutsche Grosso-System ist im Kern in Ordnung und funktioniert ordentlich. Es gibt aber durch die Veränderung in der Presselandschaft und die Verkaufsrückgänge einen erheblichen Reform- und Optimierungsbedarf. Deshalb habe ich viel Sympathie für die These, dass die Titel, die die höchsten Umsätze bringen, im Handel auch besonders gut platziert werden sollten. Wir müssen deutlich unsere Erwartungen formulieren, das gilt für Axel Springer und die Verlagsbranche insgesamt. Dass es dabei hin und wieder rumpelt und zur Sache geht, gehört dazu.“

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