"Nicht der Untergang des Abendlandes" Media-Experten zur deutschen Huffington Post

Montag, 14. Oktober 2013
Die "Huffington Post" stößt bei Media-Experten auf ein überwiegend positives Echo
Die "Huffington Post" stößt bei Media-Experten auf ein überwiegend positives Echo


Seit dem vergangenen Donnerstag ist die deutsche Version der Huffington Post online - und hat mit ehrgeizigen Plänen gleich zu Beginn für Schlagzeilen gesorgt. Innerhalb von fünf Jahren will Tomorrow Focus die Website in die Top 5 der deutschen Nachrichtenportale führen. HORIZONT.NET hat sich bei Media-Experten umgehört, wie sie die Erfolgschancen und das Vermarktungspotenzial der deutschen Huffington Post einschätzen.
Lesen Sie auf den folgenden Seiten die Statements von Klaus Ahrens (Pilot Hamburg), Dirk Lux (Zenith), Thorsten Schulz (Initiative), Stefan Uhl (Starcom MediaVest), Christof Baron (Mindshare) und York von Heimburg (IDG Communications).

Klaus Ahrens
Klaus Ahrens

Klaus Ahrens, Geschäftsführer Pilot Hamburg

Glauben Sie, dass das werbefinanzierte Angebot

... sich für Leser zu einer interessanten Alternative zu den bekannten Nachrichtenportalen entwickeln könnte?

Die Huffington Post kommt mit viel Rückenwind aus den USA auf den deutschen Markt. Laut Verlag sind es aktuell 80 Millionen Leser pro Monat weltweit, 2012 wurde die HuffPost sogar mit dem Pulitzer Preis ausgezeichnet. Der Anspruch: Hier treffen Reichweite und Qualität in einem journalistisch zeitgemäßen Medienformat zusammen: Top-Content, hohe Leserbeteiligung, keine Paywall. Bleibt abzuwarten, ob das Angebot in Deutschland ähnlich euphorisch angenommen wird.

... ein attraktives redaktionelles Umfeld für eine entsprechende Vermarktung bietet?
Auf den ersten Blick wirkt die Huffington Post wie ein sehr umfangreicher Blog. Das Ganze ist sehr reduziert auf Text und Bild; da geht in der Aufbereitung von Content noch sehr viel mehr. Das Format ist neu und muss sich im Markt noch positionieren, seine Leser und Autoren aktivieren und binden. Gelingt es der Redaktion Themen zu setzen ein Spiegel Online oder anders gedacht eine BILD unter Druck zu setzen? Tomorrow Focus jedenfalls sieht die Huffington Post in 5 Jahren genauso groß und profitabel wie Focus.de. Das gelingt sicher nicht mit dem übereinstimmenden redaktionellen Angebot und klassischer Vermarktung.

... summa summarum eher "das Anti-Geschäftsmodell für Journalismus" (Mathias Döpfner) darstellt oder "das spannendste Medienprojekt, das es aktuell in Deutschland aufzubauen gibt" (HuffPo Deutschland-Chefredakteur Sebastian Matthes) ist?
Ich denke, das Angebot der Huffington Post wird den aktuellen Markt beeinflussen und ergänzen. Mehr erst einmal nicht. Es ist ja nicht die erste Plattform auf der Leser und Experten miteinander diskutieren können. Eine echte Medienmarke ist daraus bisher nicht entstanden. Das kann sich jetzt ändern. Das Konzept der Beteiligung ist auf der Höhe der Zeit und ein 1:1 Vergleich mit rein journalistisch geprägten Angeboten wäre nicht angemessen. Daher würde ich nicht von einem Anti-, sondern eher von einem Alternativ-Geschäftsmodell sprechen. Keiner kann jedoch bestreiten, dass Twitter, Facebook & Co. genauso wie Verlage um die Aufmerksamkeit der Leser konkurrieren. Daher wird die Huffington Post den Wettbewerb nochmal deutlich verschärfen mit einem neuen redaktionellen Konzept.

Dirk Lux
Dirk Lux

Dirk Lux, COO Zenith

Glauben Sie, dass sich die Huffington Post zu einer interessanten Alternative zu den bekannten Nachrichtenportalen entwickeln könnte?
Der Erfolg der Huffington Post in Deutschland steht außer Frage. Warum? Weil das Konzept die Zukunft ist und sich in den USA, aber auch in Frankreich und Großbritannien bereits bewährt hat. Die Mischung aus qualitativ hochwertigem, redaktionellem Rahmen und User Generated Content zeigt, wie Medien in Zukunft aussehen können. Die Entwicklung ist hoch spannend und auch anderswo zu beobachten: Das sistermag hat mehr Reichweite als die gedruckte Vogue. motor-talk.de spricht mehr Autobegeisterte an als die gedruckten oder digitalen Angebote der großen Automedien. Das zeigen nicht zuletzt die knapp 10.000 Kommentare, die dort täglich verfasst werden. Die Verlage bekommen Konkurrenz von schnellen, unkonventionellen, digitalen Medien, die Content vernetzt begreifen. Ob HuffPo-Modell oder Paywall der richtige Weg für den Journalismus sind, ist in meinen Augen keine Entweder-Oder-Diskussion. Es gibt nicht das allein seligmachende Rezept für die Zukunft der Textmedien. Es wird unterschiedliche Modelle geben.

... ein attraktives redaktionelles Umfeld für eine entsprechende Vermarktung bietet?

Für Werbekunden ist das HuffPo-Konzept übrigens hoch interessant. Unternehmen und ihre Agenturen werden jetzt ausloten, welche Möglichkeiten für Branded Content diese neue Plattform zu bieten hat.

Thorsten Schulz
Thorsten Schulz

Thorsten Schulz, CEO Initiative

Glauben Sie, dass das werbefinanzierte Angebot

... sich für Leser zu einer interessanten Alternative zu den bekannten Nachrichtenportalen entwickeln könnte?
Der Publikationsansatz der HuffPo ist auf jeden Fall unkonventionell und innovativ. Die Möglichkeiten zum Austausch und die starke redaktionelle Integration von Lesern und freiwilligen Autoren können bei entsprechender Aufbereitung sehr reizvoll für die Leserschaft sein. Mit diesen Eigenschaften kann sich die HuffPo von bekannten Nachrichtenportalen absetzen und zu einer Alternative entwickeln. In den USA ist diese Entwicklung bereits zu sehen. Dort stellt die Plattform eine der meist gelesenen Nachrichtenseiten dar. Das Ziel der deutschen HuffPo, bereits in fünf Jahren mindestens zu den Top 5 der Nachrichtenportale zu gehören, ist jedoch sehr ehrgeizig.

... ein attraktives redaktionelles Umfeld für eine entsprechende Vermarktung bietet?
Hier bleibt abzuwarten, ob das Nachrichtenportal es schafft, eine kritische Anzahl an freiwilligen Autoren zu mobilisieren, die qualitativ hochwertigen Content liefern. Die deutschen Leser müssen erst zeigen, ob sie sich selbst aktiv einbringen und der Seite so Leben einhauchen. Davon hängt auch die Attraktivität für die Vermarktung ab.

... dass HuffPo summa summarum eher "das Anti-Geschäftsmodell für Journalismus" (Mathias Döpfner) darstellt oder "das spannendste Medienprojekt, das es aktuell in Deutschland aufzubauen gibt" (HuffPo Deutschland-Chefredakteur Sebastian Matthes) ist?
In erster Linie sehe ich die HuffPo als spannenden Neuzugang auf dem Markt der Nachrichtenportale. Etablierte Plattformen müssen sich natürlich stärker denn je beweisen und profilieren, um keine Leser zu verlieren. Allerdings befindet sich die HuffPo auch im Wechselspiel mit anderen Plattformen, auf deren Beiträge sie verlinkt. Journalisten können so auch durch die weitere Verbreitung ihrer Artikel profitieren.
Stefan Uhl
Stefan Uhl

Stefan Uhl, CEO Starcom MediaVest Group

Glauben Sie, dass sich die Huffington Post für Leser zu einer interessanten Alternative zu den bekannten Nachrichtenportalen entwickeln könnte?
Die deutsche Textmedienlandschaft ist gedruckt wie digital so komplex, dass ein einzelnes Projekt nicht den gesamten Markt kippen wird. Ein breiteres Publikum wird durch die HuffPo neue Protagonisten kennenlernen, die bisher eher nur Insidern bekannt waren, und das kann nicht schlecht sein. Es ist den Journalisten zu wünschen, dass der Weg des kostenfreien Anteaserns einer Leistung auch in Deutschland funktioniert. Die USA zeigen immerhin, dass es möglich ist. Ein neues Modell unter Vielen, nicht der Untergang des Abendlandes. Für den Start sehr namhafte Gastautoren, und ich bin mir sicher, dass der Verlag und der Verleger dafür sorgen wird, dass das Niveau gehalten wird. Die Personalie Jobatey ist allerdings - Minimum überraschend.

Christof Baron
Christof Baron

Christof Baron, Chairman Mindshare

Glauben Sie, dass das werbefinanzierte Angebot

... sich für Leser zu einer interessanten Alternative zu den bekannten Nachrichtenportalen entwickeln könnte?

Ich denke schon. Einfache zu konsumierende Artikel, viel Klatsch & Tratsch, eigentlich das ideale Medium für "on the go" - und für Menschen, die sich schnell informieren wollen, ohne allzu großen Wert auf tiefschürfende Hintergrundinformationen zu legen.

... ein attraktives redaktionelles Umfeld für eine entsprechende Vermarktung bietet?
Sofern eine Mindestlevel an journalistischer Qualität , vernünftige Reichweiten und aus Werbesicht vernünftige Responses generiert werden, wird die HufflingtonPost keine Probleme in der Vermarktung bekommen.

... summa summarum eher "das Anti-Geschäftsmodell für Journalismus" (Mathias Döpfner) darstellt oder "das spannendste Medienprojekt, das es aktuell in Deutschland aufzubauen gibt" (HuffPo Deutschland-Chefredakteur Sebastian Matthes) ist?
Eine Frage, die sich nicht eindeutig beantworten lässt. Sicherlich hat Mathias Döpfner recht mit seinem Statement, aber wer im Glashaus sitzt sollte nicht mit Steinen werfen... Nun, die HufflingtonPost stellt das bis dato praktizierte Modell, dass der Schöpfer von Information einen monetären Gegenwert erhält oder an den Vermarktungserlösen partizipiert, auf den Kopf. Hat man Google vorgeworfen, dass sie mit Google News fremde Leistung ausbeuten, Google aber letztlich auch den Medientraffic auf ihren Seiten beschert - und damit auch zusätzliche Erlöschancen ist das "Huffington-Modell" für die Schreiber auf Ruhm und Ehre aufgebaut. Die professionellen Schreiber müssen für sich entscheiden ob sie bereit sind, sich auf den Deal einzulassen und ob der Gegenwert für sie stimmt. Für PR-Leute und Politiker stellt sich die Frage weniger. Hier bekommen sie ein Sprachrohr kostenlos.

York von Heimburg, Vorstand IDG Communications Media

York von Heimburg
York von Heimburg
Glauben Sie, dass sich die Huffington Post zu einer interessanten Alternative zu den bekannten Nachrichtenportalen entwickeln könnte?
Für mich ist die Huffington Post momentan ein sehr spannendes Medienprojekt, da es Blogger, Kontributoren und engagierte User dazu animiert, sich persönlich inhaltlich einzubringen und damit eine wirklich interaktive Medienplattform in Deutschland auf die Beine zu stellen. Verwundert bin ich aber dann doch etwas über die Aussage von Matthias Döpfner, der sich ja immer gerne als Trendsetter der Internetentwicklung in Deutschland darstellt. Das Experiment der HP kann dazu führen, dass sich der Beruf "Journalist" bzw. der Begriff Journalismus in den nächsten Jahren stark verändert wird, was ja auch nicht ganz verwunderlich wäre, da sich der Welt rund um die Journalisten ja auch stark verändert.

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