Neues Frauenmagazin "F Mag" Von Unterwerfungs-Sex bis Umweltschutz / Politik zwischen Pose und Profilbildung

Dienstag, 07. März 2017
Die erste Ausgabe von "F-Mag" erscheint passend zum Weltfrauentag am Mittwoch
Die erste Ausgabe von "F-Mag" erscheint passend zum Weltfrauentag am Mittwoch
© Gruner+Jahr

Holla die Waldfee, das sind doch mal handfeste Ansagen gleich im Editorial: "Wir diskutieren gern, wir masturbieren gern, und wir lassen uns gern inspirieren" – so stellt sich das Sextett der Macherinnen des neuen G+J-Frauentitels "F Mag" vor, das am morgigen Mittwoch erscheint, am Weltfrauentag. Das Heft "vereint Großstadthedonismus und Geschlechterfragen, Sozialkritik und Schminke", verkündet das Redaktionsteam, getreu dem Untertitel "Politik, Sex und Lametta". Und? Hält die Premierennummer, die bis zum erhofften Erfolgsnachweis erstmal ganz bescheiden ein One-Shot bleibt, diese steilen Versprechen?

Die Antwort auf den Punkt gebracht: Ja – formal und auch vom Themenmix her. Nein, noch nicht – was eine eigene Haltung, eine eigene Tonart betrifft, der man verfallen oder an der man (sorry: frau) sich reiben könnte; auch das erzeugt ja Bindungswärme. Und fehlt mitunter. Vielleicht ist das aber zu viel verlangt von einem Erstling, entwickelt von Absolventinnen der Henri-Nannen-Journalistenschule. Allerdings: „F Mag“ erscheint in einer Druckauflage von immerhin 100.000 Stück (Copypreis: 2,50 Euro) und firmiert als „Brigitte“-Ableger, deren Chefredakteurin Brigitte Huber als Beraterin und „Stern“-Herausgeber Andreas Petzold auch hier als Herausgeber. Da muss sich „F Mag“ schon an Erwachsenenmaßstäben messen lassen.

Also los. Passend zum Untertitel gibt es drei Ressorts: „Politik“ (Gesellschaft, Wirtschaft, Karriere), „Sex“ (Partnerschaft, Körper, Psychologie) und, jawohl, „Lametta“ (Mode/Beauty, Shoppen, Kultur, Reisen, Food). Wobei im Ressortnamen „Sex“ die Provokation eher zur Attitüde gerät, denn es geht hier meist um anderes, etwa um die lesenswerten Geschichten ganz unterschiedlicher Körpernarben von zehn Menschen in Wort und Bild („Lebenslinien“).

Im lustigen „Lametta“-Teil (huch, Dragqueens geben Schminktipps!) erzählt ein interessantes Stück über den Umgang mit Hautfarben in Indien einiges über das Land und, ganz nebenbei, auch manches über aufhellende Kosmetik. Im Politikressort kommen die Begegnungen mit vier jungen Bundestagsabgeordneten ihnen teils recht nahe: Was haben sie mit ihrem Mandat angestellt – und was das Mandat mit ihnen, zwischen Karriere, Kindern und „Kompromiss als Verrat“? Und das sind nicht die einzigen beachtenswerten Geschichten und Ideen in „F Mag“.

Dennoch bleibt das Gefühl, vieles schon anderswo gesehen zu haben, selbst wenn man sich nicht täglich durch Deutschlands Magazine blättert. Das fängt im Editorial an: „,F Mag‘ ist ein Abend mit besten Freundinnen und guten Kumpels am Küchentisch“, heißt es dort ähnlich wie beim „Brigitte“-Ableger „Barbara“ mit seinem Marketingbild „Mädelsabend“. Themen und Formate erinnern indes meist an „Neon“, etwa das Stück über den Umgang mit Freunden mit missliebigen politischen Meinungen, die Reflexionen über Neid unter Freunden und über die Frage, ob Sex-Unterwerfungsphantasien für emanzipierte Frauen okay sind (Antwort: ja!).

Manches erinnert auch an den ebenfalls G+J-eigenen Titel „Business Punk“ – die versteckten Karrieretipps in Rap-Texten; die verspielten Erfinderinnen unnützer Dinge – oder gar an „Stern Crime“: Die lesenswerte Reportage über eine US-Staatsanwältin, die einen Ermittlungsskandal aufarbeitet. Und die tiefgehende Geschichte über die Rolle der Väter bei Abtreibungen steht fast wortgleich in der aktuellen „Brigitte“. (Eine Verlagssprecherin weist darauf hin, dass dieser Text ein "Original-,F Mag'-Artikel" sei, der im Rahmen einer "klassischen Content-Kooperation" in "Brigitte" verkürzt abgedruckt worden sei, um das neue Heft zu unterstützen.)

Nichts gegen Synergien – aber für einen Gesellschaftsmagazin-Neuling wie „F Mag“ wird es damit schwierig, seine eigene Stimme zu finden. Doch genau die ist entscheidend, um gegen Print- und Online-Konkurrenten wie „Missy“, Edition F und auf frech getrimmte Klassiker wie „Cosmopolitan“ zu bestehen. Es muss darum gehen, eigene Themen, eine Haltung und einen eigenen Ton für das Lebensgefühl der Zielgruppe („emanzipierte“ Frauen zwischen 20 und 40 Jahren) zu entwickeln – wie dies einst beim Start etwa „Neon“ gelang, oder teils nach wie vor „11 Freunde“, „Landlust“, „Flow“ und „Happinez“ für ihre jeweiligen Zielgruppen.

Vor diesem Hintergrund noch ein Blick in die Titelgeschichte. Sie ruft rührig dazu auf, sich irgendwie zu engagieren, politisch, gesellschaftlich, karitativ. Und nennt verdienstvoll viele bestehende Initiativen – Protestmützen stricken, „Merkel muss weg“-Sticker von Laternen abkratzen, Events organisieren, Start-ups gründen (vegan produzierte Kondome sind im Kommen!), ein Lächeln im Alltag. Doch solange es das „F Mag“ dabei und bei bloßen Aufzählungen der Übel dieser Welt (Alltagssexismus, Trump, AfD, unsichere Renten) belässt, solange dienen Politik und Protest im Heft eher der Pose als der Profilbildung.

Ein Beispiel: Da feiert „F Mag“ eine Demonstrantin, die in Mexiko gegen steigende Treibstoffpreise protestiert. Dabei sind (auch durch Steuern) steigende Benzinpreise doch geradezu ein grün-politisch gewolltes Mittel gegen den Klimawandel. Die Rettung der Welt ist verzwickt. In den Politikthemen werden die „F Mag“-Macherinnen daher tiefer tauchen müssen, um das Heftprofil herauszuarbeiten und den Editorial-Anspruch zu erfüllen: „Wir wollen nicht mehr lesen, was junge Frauen müssen, sondern zeigen, was sie draufhaben.“ rp 
Die erste Ausgabe von "F-Mag" erscheint passend zum Weltfrauentag am Mittwoch
Die erste Ausgabe von "F-Mag" erscheint passend zum Weltfrauentag am Mittwoch (Bild: Gruner+Jahr)

Meist gelesen
stats