Neuer Browser "Brave" Wie der Ex-Mozilla-Chef die Onlinewerbung gefährdet

Montag, 25. Januar 2016
Der Browser soll schnellere Ladezeiten beim Anzeigen von Websites ermöglichen
Der Browser soll schnellere Ladezeiten beim Anzeigen von Websites ermöglichen
Foto: Brave / Screenshot Youtube
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Löwe statt Fuchs? Brendan Eich, der frühere Kopf des Firefox-Betreibers Mozilla, entwickelt einen neuen Internet-Browser mit eingebauter Tracking-Blockade. Stattdessen soll eigene „saubere“ Werbung ausgespielt werden – mit einem Belohnungssystem für Nutzer.

Brendan Eich ist nicht irgendwer: Die Programmiersprache Java Script hat er mitentwickelt und das Mozilla-Projekt mitgegründet, aus dem der Browser Firefox (Logo: ein Fuchs) entstanden war. 2014 wurde Eich CEO bei Mozilla – musste aber kurz darauf zurücktreten, nachdem bekannt wurde, dass er sechs Jahre zuvor als Privatmann eine Initiative gegen Eheschließungen unter Homosexuellen unterstützt hatte. Ende vergangenen Jahres verkündete Eich, dass er 2,5 Millionen Dollar Startkapital für sein neues Browser-Projekt "Brave" habe einsammeln können. Logo: ein Löwenkopf.

"Das Internet ist in großer Gefahr", schreibt Eich nun. So wie einst Microsoft die Standards des freien Internets bedroht habe, seien nun Browser durch die Praktiken der Werbewirtschaft gefährdet, Stichwort Tracking. Sein neuer Brave-Browser, dessen Vorabversion er in der vergangenen Woche vorgestellt hat, blockiert das Sammeln von Nutzungsdaten – und damit die meiste Werbung – per Voreinstellung. Stattdessen soll Brave andere Werbung einblenden, die auf Tracking verzichtet. Aber das auch nur dann, wenn der Nutzer zustimmt.

Einen Teil der Erlöse sollen sich die Publisher (zum Start mindestens 55 Prozent, in Zukunft 70 Prozent) und User (zunächst 15 Prozent) aufteilen, weitere zunächst je 15 Prozent sollen an Technologie-Dienstleister sowie an Brave selber fließen. Mit anderen Worten: Eichs Browser will sich den Seitenbetreibern als Alternativvermarkter aufzwingen. Und wird zur möglichst einträglichen Werbeausspielung wiederum selber Nutzungsdaten sammeln müssen.
Denelle Dixon Mozilla
Bild: Mozilla

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Der Plan ("Das Internet reparieren") klingt nach einer größenwahnsinnigen Utopie. Brave bräuchte, das sagt Eich selber, mindestens 7 Millionen Nutzer, damit das System für Werbungtreibende interessant werde. Und auch die Publisher und bisherigen Werbenetzwerke müsste er ins Boot bekommen. Es darf daher bezweifelt werden, dass Brave in absehbarer Zeit oder überhaupt nennenswerte Marktanteile gewinnen kann, zumal das Belohnungssystem für User über die komplizierte und fragile Krypto-Währung "Bitcoin" abgewickelt werden soll, die kaum ein Mensch nutzt.

Spannender – und für Publisher gefährlicher – könnte das Brave-Projekt aus einem anderen Grund werden, nämlich indirekt: Bekanntlich prüft Mozilla, seine bisher beim Firefox-Browser nur im (extra zu wählenden) privaten Modus voreingestellte Tracking- und damit Werbeblockade auch auf die Normalversion auszuweiten. Dann würden bei 30 bis 40 Prozent aller Nutzer (geschätzter Marktanteil von Firefox) Tracking und die meiste Werbung unterdrückt – der Super-GAU für die Onlinewerbewirtschaft. Die Gefahr ist nun, dass sich die Firefox-Strategen durch das Vorpreschen ihres früheren Kopfes Brendan Eich gedrängt fühlen könnten, ihrerseits die Blockaden eher auszuweiten, quasi im vorauseilenden Bedürfnis eines von den Nutzern vermeintlich so gewünschten Datenschutzes. Ein solcher Wettlauf werbeunterdrückender Browser verhieße nichts Gutes für die Erlöszukunft auch oder ausschließlich werbefinanzierter Websites. rp

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