Neue Tageszeitung für Hamburg? Care Energy plant "Morgenblatt" mit Dumping-Werbepreisen und Mini-Auflage

Mittwoch, 25. Januar 2017
So sieht das "Morgenblatt" aus.
So sieht das "Morgenblatt" aus.
Foto: Facebook/ Care Energy

Geschäftsmodell? Himmelsfahrtskommando? Abschreibungsobjekt? Luxushobby? Eine ganz subtile Form des Content Marketings? Oder Fake News? Nein, letzteres nicht. Der Februar wird Hamburg eine neue Tageszeitung bescheren. Als Investor steckt der ortsansässige Energiedienstleister Care Energy dahinter – und ein paar Medienschaffende. Was ist da los?

Fakt ist: Auf seiner Facebook-Seite kündigte Care Energy seinen 320.000 „Fans“ Mitte vergangener Woche „Das Morgenblatt“ als „neue Hamburger Tageszeitung“ an, unter dem Motto „ehrlich, unabhängig, anders“. Start soll am 6. Februar sein. Laut Website, die bisher mit dpa-Meldungen bestückt ist, erscheint das Blatt in der K Eins Verlagsholding (CEO: Timo Heinemann, PR- und Marketingmann des Stromanbieters), die unter dem Kontakt von Care Energy firmiert. Das Grosso-Verbandsblatt „DNV“ berichtete online am Dienstag über die Pläne und nannte ein paar Details: Druckauflage 50.000 Exemplare, Copypreis 70 Cent.

Chefredakteur soll demnach Andreas Wrede werden, derzeit Dozent an der Hamburg Media School und früher unter anderem bei „Bild“, „Max“ und „GQ“ sowie Berater etwa für G+J, Axel Springer und Klambt. Das Anzeigengeschäft soll Martin Fischer verantworten, zuletzt Print-Geschäftsführer beim „Handelsblatt“-Vermarkter IQ Media, davor unter anderem Vermarktungschef bei Klambt und früher Geschäftsführer der Verlagsgruppe Milchstraße.

Nach HORIZONT-Informationen sind neben Hauptinvestor Care Energy – Ideengeber für das „Morgenblatt“ war offenbar der am Samstag mit 44 Jahren verstorbene Care-Energy-Gründer Martin Richard Kristek – einige branchenbekannte Medienköpfe als Co-Gesellschafter beteiligt. Aus deren Reihen werden die Pläne bestätigt. Allerdings könne es sein, dass sich der Start wegen Kristeks Tod noch ein, zwei Wochen verschiebt, heißt es. Hier dürfte es etwa um die Übertragung von Finanzierungszusagen gehen, zum Beispiel für die Druckverträge.

Den über Facebook verbreiteten Fotos nach zu urteilen erinnert das „Morgenblatt“ zwar vom Namen und von der Schmuckfarbe Grün an Funkes „Hamburger Abendblatt“, doch vom Format (Tabloid) und Aufmachung her an DuMonts „Hamburger Morgenpost“ („Mopo“), allerdings etwas weniger boulevardesk. Doch wie soll das funktionieren – mit einem zwar Boulevard-tauglichen Copypreis, aber doch nur mit einer Mini-Druckauflage die regionalen Platzhirsche „Abendblatt“ (Druck: 191.004 Hefte; Verkauf: 174.668 Stück), „Mopo“ (100.559 / 70.053) und Springers „Bild Hamburg“ (208.656 / 155.266) anzugreifen?

„Unter anderen Prämissen“ – gemeint ist offenbar: fernab von Großverlagen mit ihren hohen Umlagekosten, Gehälterbindungen und langlaufenden Dienstleistungsverträgen – könne man mit einem kleinen Team, Zulieferungen und dpa-Material auch eine Lokalzeitung effizient produzieren, heißt es aus dem Gesellschafterkreis.

Potenzielle Werbekunden, denen das Konzept präsentiert wurde, berichten, dass es keine Kleinanzeigen geben werde und Anzeigenseiten zum Dumping-Festpreis von 600 Euro verkauft werden sollen. Zum Vergleich: Die von Auflage und Format am ehesten vergleichbare „Mopo“ (Copypreis: 90 Cent) verlangt je nach Farbgebung brutto zwischen 7000 und 11.000 Euro. Selbst bei einer Annahme höchster Rabatte blieben bei der „Mopo“ netto noch deutlich höhere Anzeigenpreise übrig. Die operative Anzeigenvermarktung übernimmt nach HORIZONT-Infos der Dienstleister Office for Media, der laut Website bisher unter anderem für die Tageszeitung "SHZ", Magazine von Klambt ("TV Neu", "Lea") sowie etliche Yellows und Special-Interest-Titel unterwegs ist. Inhaber Thorsten Peters wollte die Angaben auf Anfrage nicht bestätigen.

Der niedrige Anzeigenpreis kann den Verdacht kaum ausräumen, dass es sich bei Care Energys „Morgenblatt“ auch um eine Form von Content Marketing des nicht unumstrittenen Energiedienstleisters handeln könnte. Es wäre nicht der erste Titel dieser Art, der – tatsächlich oder pro forma – am Kiosk verkauft wird. Auch Care Energys Verlagsableger K Eins ist bereits mit einem Magazin unterwegs: Seit 2015 erscheint offenbar monatlich „Getbi“, ein nach eigenen Angaben „nachhaltiges Lifestylemagazin aus Hamburg“ (Untertitel: „Lebe lieber ungewöhnlich“). Auf dem Cover der zuletzt auf der Website angepriesenen November-Ausgabe ist ein Copypreis von 4,50 Euro vermerkt. Für 2016 waren im Netz auch Mediadaten abrufbar, allerdings ohne Auflagenangaben. Wohl ganz in Abwandlung des Heftmottos: Vermarkte lieber ungewöhnlich.

Von K Eins war bisher keine Auskunft zum Projekt „Morgenblatt“ zu erhalten. Einzelne Gesellschafter wollten sich noch nicht namentlich äußern. rp

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