"Neue Sachlichkeit" Das schreiben die Kollegen über den neuen Feuilletonchef der "FAZ"

Mittwoch, 10. Dezember 2014
Jürgen Kaube tritt die Nachfolge von Frank Schirrmacher an
Jürgen Kaube tritt die Nachfolge von Frank Schirrmacher an
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Mit Jürgen Kaube wird ein außerhalb intellektueller Kreise bislang weitgehend unbekanntes Gesicht neuer Mitherausgeber der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung". Der 52-Jährige tritt mit der Nachfolge des im Juni verstorbenen Frank Schirrmacher ein denkbar schweres Erbe an. Dass er der Aufgabe gewachsen ist, die intellektuelle Flughöhe des "FAZ"-Feuilletons zu halten, steht für die Kommentatoren indes außer Frage. HORIZONT.NET dokumentiert ausgewählte Stimmen zum neuen Feuilleton-Chef der "FAZ".

Alexander Cammann, "Die Zeit"

"Einen Fremdkörper werden sich die Herausgeber mit Jürgen Kaube jedenfalls nicht ins Haus holen. Der Volkswirt kann die Klaviatur aller kulturellen und gesellschaftspolitischen Debatten spielen. Im vergangenen Jahr veröffentlichte er eine hochgelobte Biografie des Soziologen Max Weber. Bildungsdünkel, Moralismus und kultureller Elitismus sind Kaube denkbar fremd – das Pathos der Sachlichkeit und die Kraft des Arguments werden mit dem durchaus härtefähigen Fußballfan einziehen, just in Krisenzeiten und Verteidigungskämpfen nötige Eigenschaften. Es wird zweifellos eine Ausnüchterung, vom Charismatiker Schirrmacher zum Anticharismatiker Kaube, gleichsam von Schröder zu Merkel. (...) Unter Jürgen Kaube folgt voraussichtlich eine Phase der Konsolidierung. Darauf, wie das elektrisierende Schirrmacher-Prinzip weiterleben wird, darf man gespannt sein."

Gustav Seibt, "Süddeutsche Zeitung"

"Kaube, 52, ist nur unwesentlich jünger als Schirrmacher, aber ein ganz anderes Temperament. Schon seine Herkunft aus dem sozial- und geisteswissenschaftlichen Journalismus (er war Mitarbeiter der FAZ seit 1992 und seit 1999 Redaktionsmitglied), bezeichnet einen Klimawechsel. Der Empathiker Schirrmacher war Literat und Philosoph, Kaube hat unter anderem bei dem Soziologen Niklas Luhmann studiert, ist Diplomvolkswirt und kann auch Bilanzen lesen - was bei den Sparanforderungen an die FAZ, die in den vergangenen Jahren massive Verluste verzeichnete, durchaus geboten ist."

Dirk Knipphals, "taz"

"In Porträts wird Jürgen Kaube gerne mit dem Attribut der Kühle beschrieben (...). Leser, die sich von Feuilletonisten eine warme, wohlwollende Zugewandtheit zu den schönen Dingen der Kultur versprechen, werden von ihm herausgefordert. Er betreibt Einzelfallprüfung, gelegentlich auch eine scharfe. Wenn als Ergebnis dieser Prüfung herauskommt, dass der Gegenstand interessant ist, auch Spaß bringt – schön. Zunächst aber besteht Kaube auf einem kritischen Abstand zum Gegenstand. Bildungsbeflissenen Floskeln gegenüber, nach denen man mit Kunst und Kultur die Gesellschaft heilen könne, kann er dagegen auch schon mal den bad boy heraushängen lassen. (...) In Chefredaktionen und Gremien ist gerade die Meinung Mode, dass man mit einer Senkung der intellektuellen Ansprüche auf kulturellen Gebieten Leser ködern könnte. Die Entscheidung, Jürgen Kaube zum FAZ-Herausgeber zu machen, wirkt da erfrischend störrisch, und zwar getragen vom Setzen auf intellektuelles Selbstbewusstsein. Wie immer man zu ihm steht, die Entscheidung steht für ein Primat der Redaktion über die Medienmanager und Marketingkollegen."

"Neue Zürcher Zeitung"

"Ein Nachfolger ist stets mehr als nur ein Nachfolger. Jürgen Kaube wird kein zweiter Frank Schirrmacher werden. Dessen Neigung, Aufmerksamkeit für Themen durch Enthusiasmus oder Dramatik zu erzeugen, also durch Emotionalisierung, entspräche nicht Kaubes Naturell. Unter Feministinnen und linksalternativen Freunden des Multikulturalismus gilt er als Vertreter konservativer Denkungsart; sie mögen ihn nicht, und das könnte auf Wechselseitigkeit beruhen. Für die künftige Linie des "FAZ"-Feuilletons aber dürfte das wenig bedeuten. Es wird unter Kaube schwerlich illiberaler werden. Ob er auch zum Anreger und Ermunterer reift, der offen nach allen Seiten ist und für Dinge entflammt, die nicht genuin seinen Interessen entsprechen, wird man sehen. Schirrmacher wurde zu einem solchen Mäzen der dauerinteressierten Neugier auch nicht über Nacht."

"Der Spiegel"

Das Nachrichtenmagazin aus Hamburg machte die Personalie Kaube bereits in der vergangenen Woche publik und berichtete in diesem Zusammenhang von "Unruhe im Feuilleton der FAZ":

"Kaube gilt als Mann des klassisch-konservativen Feuilletons - das Gegenbild des von Schirrmacher gepflegten Debattenfeuilletons. Auch fürchten Kulturredakteure, dass das "FAZ"-Feuilleton unter Kaube seine Rolle als intellektuell-liberaler Gegenpol zum konservativen Politikteil verlieren würde und die "FAZ" ihren Charakter als vielstimmiges Blatt aufgäbe."

Andreas Rosenfelder, "Die Welt"

Der Ressortleiter Feuilleton der "Welt" widersprach:

"Muss die Kulturwelt deshalb ihre Revolver entsichern, wenn Kaube die Nachfolge des verstorbenen Frank Schirrmacher antritt und damit jenen Publizisten beerbt, der das Feuilleton in den letzten zwanzig Jahren stärker geprägt hat als alle anderen zusammen? Glaubt man dem "Spiegel", dann ja: Als "Mann des klassisch-konservativen Feuilletons" verkörpere Kaube, so das Magazin, "das Gegenbild des von Schirrmacher gepflegten Debattenfeuilletons".

Nichts ist absurder als diese Behauptung. Nach seinem geisteswissenschaftlichen Studium hat Kaube, so seine Selbstbeschreibung auf den Seiten der "FAZ", als "romantische Ergänzung" Wirtschaftswissenschaften studiert. Der trockene Witz charakterisiert ihn gut. Als Bielefelder Hochschulassistent erlebte er die Systemtheorie des Niklas Luhmann, die das Gegenteil jeder Begeisterungshermeneutik lehrt: Je kühler und unbeteiligter man einen Gegenstand anschaut, desto mehr versteht man ihn. Das gilt für die Produkte der Kultur wie für die Dinge des Lebens, für Fußball, den Kapitalismus, die Hochschulreform, die Dissertation eines Verteidigungsministers. Es gibt keinen Beobachtungsschutz für das kulturell Wertvolle: Man kann das brutal finden, aber es ist das genaue Gegenteil von konservativ."
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