Neue "Cicero"-Eigentümer Schwennicke und Marguier "Das Damoklesschwert nicht mehr zu spüren ist sehr befreiend"

Freitag, 19. Februar 2016
Christoph Schwennicke (re.) und Alexander Marguier
Christoph Schwennicke (re.) und Alexander Marguier
Foto: picture alliance / dpa

Am Mittwoch gab Ringier bekannt, „Cicero“ und „Monopol“ an die beiden Chefs des Debattenmagazins, Christoph Schwennicke und seinen Vize Alexander Marguier abzustoßen. Dafür haben die beiden zum 1. Mai den Res Publica Verlag gegründet. Was sich ändert, wieso sie sich diese Bürde auflasten und warum sie an einen Erfolg glauben, erzählen sie in ihrem ersten gemeinsamen Interview.

Herr Marguier, Herr Schwennicke, wie fühlt man sich als frischgebackene Verleger?
Alexander Marguier: Man wacht morgens auf und weiß, dass man Verantwortung trägt, nicht nur publizistisch, sondern auch für die Kollegen. Ich will das nicht Bürde nennen, aber man geht mit mehr Demut durchs Leben.

Christoph Schwennicke: Es ist ein unglaublich gutes Gefühl und gleichzeitig bitter. Das Ganze ist ja mit Personalabbau verbunden,...

… den Ringier noch durchziehen wird. Wie viele von den 38 Mitarbeitern werden zum Start am 1. Mai übrig sein?
Schwennicke: Der Abbau beim anstehenden Betriebsübergang trifft unter anderem auch die Bildredaktion und die Grafik, weniger die Textredaktionen. Am Ende werden es knapp mehr als 20 sein. Trotzdem: Unsere Entscheidung fühlt sich richtig an. Aber klar: Wir sind durch Wechselbäder gegangen. Glücklicherweise  immer asynchron. War ich down, hat mich Alex aufgerichtet, kam er ins Grübeln, war ich an der Seite.

Wer hatte überhaupt die Idee?
Marguier: Erst war es so, dass wir Ringier um mehr kaufmännische Verantwortung baten. Irgendwann kam der Vorstandschef, Marc Walder, und fragte, ob wir nicht einen Schritt weiter gehen wollen. Erst ging es nur um „Cicero“. Es stellte sich aber bald heraus, dass es besser ist, „Monopol“ dazu zu nehmen. Die Verlagseinheit ist vorhanden und gut eingespielt, die hätten wir für „Cicero“ allein auch gebraucht.

Schwennicke: Was „Cicero“ für die Politik ist, ist „Monopol“ für die Kunst. Beides aus einer Hand anzubieten, noch dazu von einem Verlagsteam, das die beiden Titel verinnerlicht hat, ist sinnvoll und folgerichtig.

Wie oft wurde Ihnen die Frage gestellt, ob Sie jetzt völlig wahnsinnig geworden seien?
Schwennicke: Klar: Wir arbeiten nicht in der Boom-Branche des 21. Jahrhunderts. Aber in 95 Prozent aller Nachrichten, die uns Freunde oder Weggefährten geschickt haben, tauchten zwei Wörter immer wieder auf: „Respekt“ und „mutig“. In beiden klingt natürlich ein „Oijoijoi“ mit. Aber keiner fragte, ob wir noch ganz bei Trost seien.

Sie haben aber sicher nicht so viel auf der hohen Kante, um die zuletzt  fast zwei Millionen Euro Verluste Jahr für Jahr nachzuschießen. Was können Sie besser als Ringier? Hilft’s, dass Sie beide gebürtige Schwaben sind?
Schwennicke: Die Veranlagung zur Sparsamkeit mag gegeben sein, ist aber auch Notwendigkeit. Unsere  sechs Quadratmeter großen Büros wären der falsche Ort, um den Grand Seigneur zu geben.

Marguier: Wir sparen die ganzen Overhead-Kosten eines Großverlags. Entscheidend ist die Einnahmenseite. Da setzen wir neben dem „Cicero Foyer Gespräch“, das traditionell im Berliner Ensemble stattfindet und bei dem wir von Daniel Barenboim über Gerhard Schröder bis Angela Merkel große Namen gewinnen, auf neue Veranstaltungsformate in weiteren Städten, auch für „Monopol“. Und natürlich setzen wir auf unseren neuen Vermarkter iq media, durch den wir die gesamte, fünfköpfige Anzeigenabteilung einsparen.

iq media vermarktete „Cicero“ schon einmal. Werden die Düsseldorfer auch für den Online-Auftritt zuständig sein, den bisher die „Tagesspiegel“-Tochter Urban Media vermarktet hat.
Marguier: Ja. iq media hat eine ganz andere Schlagkraft, außerdem viele gute Ideen. Bei Druck und Vertrieb ändern sich die Partner nicht.

Vorerst hilft Ihnen eine Anschubfinanzierung von Ringier. Wie hoch ist sie?
Schwennicke: Da können Sie uns jetzt mit den Füßen nach oben aufhängen.

Die Höhe soll sich danach richten, wie viel Ringier die Einstellung und Abwicklung gekostet hätte. Für die Übernahme der beiden Titel mussten Sie also nichts zahlen, sondern bekommen sogar etwas.
Schwennicke: Dazu sagen wir nichts.

Ist der Publizist und Ringier-Freund Frank A. Meyer im negativen Kaufpreis inbegriffen?
Marguier: FAM kann anstrengend sein, aber er ist eine intellektuelle Bereicherung, ein streitlustiger, brillanter Kopf mit unglaublich guten Kontakten. Ja, er wird weiter mit uns arbeiten.

Michael Ringier liebte „Cicero“, ebenso „Monopol“. Ist er an Ihrem Verlag, Res Publica, persönlich beteiligt?
Schwennicke: Nein. Die GmbH gehört Alex und mir zu gleichen Teilen, 50/50.

Was macht Sie so sicher, dass das mit Ihnen beiden zusammen funktionieren wird?
Schwennicke: Jetzt kommt ein Geständnis. Alex wurde ja 2010 von meinem Vorgänger Michael Naumann geholt, …

… um ihn als seinen Nachfolger aufzubauen. Stattdessen kamen Sie.
Schwennicke: Das waren nicht die besten Voraussetzungen. Aber wir haben schnell gemerkt, dass wir sehr gut miteinander können, egal wer welche Epauletten trägt.

Was auch deshalb erstaunt, weil Sie beide politisch unterschiedlich ticken.
Schwennicke: Auch da haben wir uns angenähert. Hieß es früher, ich sei ein Gefühlssozialist, werde ich neuerdings als Salonhetzer bezeichnet. Tatsächlich habe ich mich nicht verändert. Ich habe nur in diesem einen Punkt, nämlich bei der Flüchtlingsfrage, eine andere Auffassung als mancher von mir erwartet. Damit muss ich leben.

Marguier: Wir sind Pragmatiker.

Schwennicke: Weder verbohrt noch ideologisch. Das passt zu der Art, wie wir uns gute Debatten vorstellen.

Wäre es nicht ein Treppenwitz, in einer Zeit, in der die Intoleranz gegenüber fremden Argumenten und die Unfähigkeit zur Debatte in demokratiefeindlicher Weise wächst, das einzige ausgewiesene Debattenmagazin einzustellen? 
Schwennicke: Absolut. Ich liebe dieses Magazin. Ich habe es schon geliebt, als ich hier noch nicht Chefredakteur war. Das ist etwas ganz anderes als das, was ich bisher gemacht habe.

Marguier: „Cicero“ ist unser Magazin. Wir können hier den Journalismus machen, den wir für richtig halten. Das ist alles andere als eine Selbstverständlichkeit.

„Das ,Impulse‘-Modell macht weiter Schule“, twitterte jemand nach Bekanntwerden der Nachricht. Gabriele Fischer war mit „Brand Eins“ nach der Schlappe beim Spiegel-Verlag Vorreiterin. „Emotion“ hat sich bei G+J auf diese Weise auch über den Jordan gerettet. Wer hat sie am meisten inspiriert?
Marguier: Wir haben vor allem mit Nikolaus Förster von „Impulse“ gesprochen. Er hat uns bestärkt und zugleich vor Tretminen gewarnt.

Schwennicke: Wir sind nicht im Besitz der Coca-Cola-Formel der Medienbranche des 21. Jahrhunderts. Aber es ist doch kein Zufall, dass „Brand Eins“, „Impulse“, „Emotion“, „Monopol“ und „Cicero“ eine Gemeinsamkeit haben: Sie sind mit Herzblut und voller Überzeugung gemacht. Kleine, feine Produkte in ihrem Segment. Und deshalb glaube ich, dass unser Weg der richtige sein kann. Seitdem das Internet vor 20 Jahren über uns kam, sitzen sie in den großen Verlagen da und starren. Deshalb sage ich jetzt: So, genug gestarrt, auch wenn ich dafür ein Wagnis eingehe. Alles ist besser als herumzusitzen und nur zu starren.

Wie fühlten Sie sich in den vergangenen Jahren, in der mal der eine, mal der andere Käufer im Gespräch war und zwischendurch Springer anklopfte, um „Cicero“ zu einer Beilage zu machen, der es wie allen anderen auch nicht gelungen wäre, die Printauflage der „Welt“ zu stabilisieren?
Schwennicke: Nix gegen die „Welt“, aber welcher Chefredakteur möchte bitteschön beilagisiert werden? Wir jedenfalls nicht. Dieser Weg führt ganz sicher nicht nach oben. „Cicero“ hat dagegen eine Thermik. Von zwölf Ausgaben lagen im vergangenen Jahr elf über Vorjahr. Wir sind das einzige politische Magazin mit einer positiven Auflagenentwicklung.

Marguier: Sie sprechen aber einen richtigen Punkt an. Wir wollten unser eigener Herr sein und nicht ständig das das Damoklesschwert über uns spüren. Wie soll man da ruhig am Schreibtisch sitzen und guten Journalismus machen? Das ist doch keine Arbeitsgrundlage! Deshalb werden wir auch mit unseren Kollegen hier so umgehen, dass niemand die Angst haben muss, wir beiden Jungs hätten alles auf Kante gerechnet und könnten schon bei der nächsten Betriebsversammlung das Aus verkünden. Dieses Damoklesschwert nicht mehr zu spüren ist sehr befreiend. 

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