Nannen Preis "Das Schönschreiben steht nicht mehr an erster Stelle"

Donnerstag, 27. April 2017
Andreas Wolfers ist Sprecher der Jury des Nannen Preises
Andreas Wolfers ist Sprecher der Jury des Nannen Preises
© Gruner+Jahr

Am Donnerstag werden in Hamburg die Nannen Preise verliehen. Ein besonderes Jubiläum feiert in diesem Jahr der von "Stern"-Gründer Henri Nannen ins Leben gerufene Egon-Erwin-Kisch-Preis für die beste Reportage, der vor 40 Jahren zum ersten Mal verliehen wurde. Im Interview mit HORIZONT Online spricht Andreas Wolfers, Leiter der Henri-Nannen-Journalistenschule und Sprecher der Nannen-Preis-Jury, über die Voraussetzungen für eine gute Reportage, neue Erzählformen und die Qualität der Arbeiten in diesem Jahr. 
Eines hat sich in den vier Jahrzehnten, in denen der Egon Erwin Kisch-Preis mittlerweile verliehen wird, nicht geändert: "Es geht fast immer um Nahaufnahmen von Menschen, mal von ungewöhnlichen, mal von ganz normalen Menschen. Die Faszination, die solche Geschichten bei uns auslösen können, war vor 40 Jahren die gleiche wie heute", so die Beobachtung von Andreas Wolfers, der als Sprecher der Nannen-Preis-Jury über die besten Arbeiten des Jahres mitentscheidet. Allerdings reiche es heute nicht mehr aus, nur einen brillant formulierten Text einzureichen. "Für mich ist das Rechercheergebnis wichtiger als die Formulierungskunst", stellt der Leiter der Henri-Nannen-Journalistenschule klar. "Wer erzählen will, muss vor allem etwas zu sagen haben."

Auffällig sei zudem, dass es immer mehr Mischformen gebe. "Es gibt deutlich mehr unterschiedliche Erzählformate. (...) Eine gute investigative Geschichte ist in den meisten Fällen auch spannend zu lesen. Solche Hybridformen führen in unseren Jurysitzungen dazu, dass wir uns etwa fragen: Gehört diese Geschichte in die Kategorie Dokumentation oder eher zur Reportage?" Das sei aber eine rein formale Diskussion. "Relevant ist, dass herausragende Texte überhaupt entstehen und gewürdigt werden." 

Hoffnungen auf den Egon Erwin Kisch Preis machen können sich in diesem Jahr Stefan Willeke für "Der Häuserkampf", erschienen in "Die Zeit"; Jan Christoph Wiechmann für "Die Dschungel-Armee", erschienen im "Stern" und im "Magazin" des "Tagesanzeigers" sowie Amrai Coen und Tanja Stelzer für "Brüssel, 22. März 2016", erschienen in "Die Zeit".

"Wer erzählen will, muss vor allem etwas zu sagen haben"

Herr Wolfers, welche Reportage hat Sie zuletzt beeindruckt?
Das war die Reportage einer sehr jungen Kollegin, erschienen im "Tagesspiegel":  "Sieht mich jemand?" von Lena Niethammer. Die Autorin portraitiert einen Mann, wie es ihn wahrscheinlich häufiger gibt: alleinstehend, kauzig, nicht sonderlich sympathisch – und einsam. Nun ist Einsamkeit gewiss kein neues Thema, aber was sie anrichten kann in einem Menschen, das schildert Frau Niethammer schon auf beeindruckende Weise. Der Mann heißt Dose, und ich hatte nach dem Lesen den Eindruck, ständig irgendwo einen "Dose" zu entdecken. Wenn ein Text es schafft, dass wir Menschen, die uns auf den ersten Blick unangenehm sind, plötzlich mit anderen Augen sehen, dann ist das schon ein starker Text. 

Was zeichnet eine gute Reportage aus?
Für mich ist das Rechercheergebnis wichtiger als die Formulierungskunst. Reporter wollen uns ja Menschen und Szenen, mitunter ein ganzes Milieu nahebringen. Das gelingt nur mit Themengespür, Recherchebiss und vor allem Einfühlungsvermögen. Na klar, auch Stil und Sprachgewalt sind wichtig. Ich glaube aber, dass anders als früher bei guten Reportagen das Schönschreiben nicht mehr an erster Stelle steht. Wer erzählen will, muss vor allem etwas zu sagen haben. 

Haben sich die Themen der klassischen Reportage in den vergangenen Jahren verändert? 
Kaum. Wenn ich mir die Liste der Preisträger und ihre Texte aus 40 Jahren Egon Erwin Kisch-Preis anschaue, finde ich überall vergleichbare Themen. Es geht fast immer um Nahaufnahmen von Menschen, mal von ungewöhnlichen, mal von ganz normalen Menschen. Die Faszination, die solche Geschichten bei uns auslösen können, war vor 40 Jahren die gleiche wie heute. Vielleicht ist der Anteil politischer Reportagen höher geworden. Die Bandbreite der Themen ist aber genauso groß wie damals. 

Der Egon-Erwin-Kisch-Preis

Der Egon-Erwin-Kisch-Preis wurde 1977 von "Stern"-Gründer Henri Nannen gestiftet und zeichnet die beste Reportage in der deutschsprachigen Presse aus. Er gehört zu den renommiertesten Journalistenpreisen in Deutschland. Seit 2005 ist der Egon-Erwin-Kisch-Preis eine Kategorie des Nannen Preises von Gruner + Jahr. Zu den Preisträgern der vergangenen 40 Jahre zählen namhafte Journalisten wie Klaus Brinkbäumer, Dirk Kurbjuweit, Cordt Schnibben und Peter-Matthias Gaede.
Spielt die Kriegs- oder Krisenreportage wieder eine größere Rolle, auch aufgrund der weltpolitischen Lage? 
Ja, die Zahl dieser Texte ist gewachsen. Die reine Entdeckungsreportage nach dem Motto "Wir fahren in unbekannte Gefilde" ist dafür seltener geworden. Das mitunter naive Weltentdeckungsfieber hat nachgelassen. Wenn sich Reporter heute ins außereuropäische Ausland begeben, dann meist in Krisenregionen. Das mag man bedauern, es ist aber so. 

Wie schätzen Sie die Wirkungsmächtigkeit dieser Erzählform ein? Kann eine gute Reportage etwas bewirken? 
Die Wirkungsmacht von Journalismus lässt sich bei Nachrichten klarer belegen als bei Reportagen. Denken Sie an das Bild des ertrunkenen syrischen Jungen am Strand von Bodrum oder die Nachricht von 78 erstickten Flüchtlingen in einem Lkw in Ungarn. Beides hatte eine enorme öffentliche Wirkung und die Flüchtlingspolitik der Bundesregierung im Herbst 2015 gewiss mit beeinflusst. Ich glaube, dass Reportagen auch Wirkung entfalten können, aber sie ist langfristiger und unmerklicher. Da mögen sich Einstellungen verändern, was aber nicht sofort bemerkbar ist. 

Ist die Reportage immer noch die Königsdisziplin des Journalismus oder sind das nicht mittlerweile eher multimediale Erzählformen im Internet?
Ich scheue mich generell, das Etikett Königsdisziplin für die Reportage zu nutzen – auch wenn Henri Nannen das tat. Weshalb sollte die Reportage diese Auszeichnung verdient haben? Wegen des Aufwands, der Recherche, der sprachlichen oder dramaturgischen Brillanz? All diese Kategorien gelten meines Erachtens auch für eine herausragende investigative Geschichte oder für eine Dokumentation. Ich würde sagen, alle sechs Disziplinen, die wir beim Nannen Preis küren, sind Königsklassen. 

Die Bandbreite der Erzählformen ist aber generell größer geworden. 
Richtig. Es gibt deutlich mehr unterschiedliche Erzählformate. Zugleich gibt immer mehr Hybridformen. Ein Beispiel: Früher war es eher zweitrangig, wenn ein investigativer Journalist nicht so gut schreiben konnte, oder umgekehrt ein Reportage-Autor nicht so wahnsinnig viel Neues herausgefunden hatte. Heute vermischt sich das. Eine gute investigative Geschichte ist in den meisten Fällen auch spannend zu lesen. Solche Hybridformen führen in unseren Jurysitzungen dazu, dass wir uns etwa fragen: Gehört diese Geschichte in die Kategorie Dokumentation oder eher zur Reportage? Das ist aber nur eine formale Diskussion, ohne große Relevanz. Relevant ist, dass herausragende Texte überhaupt entstehen und gewürdigt werden. 

Wir würden Sie den diesjährigen Jahrgang einschätzen? 
In den Kategorien Reportage, Investigation und Dokumentation fiel es den meisten von uns schwer, nur jeweils drei Texte nominieren zu dürfen. Die Vorjuroren hatten uns eine exzellente Auswahl zusammengestellt, das ist erneut ein starker Jahrgang gewesen. Ein bisschen unzufrieden waren wir mit der Vorauswahl der Web-Reportagen. Die Arbeiten, die wir nominiert haben, sind großartig, aber es hat auch einen Grund, warum wir nur zwei und nicht drei Arbeiten nominiert haben.
Meist gelesen
stats