Nachrufe und Programmänderungen Reaktionen zum Tode von Dieter Hildebrandt

Mittwoch, 20. November 2013
Bei Störsender.tv wird Hildebrandt auf der Startseite gedacht (Bild: Screenshot)
Bei Störsender.tv wird Hildebrandt auf der Startseite gedacht (Bild: Screenshot)


Dieter Hildebrandt ist tot. Der Mitbegründer der "Münchner Lach- und Schießgesellschaft" und einer der Urväter des deutschen Kabaretts erlag in den frühen Morgenstunden des 20. November im Alter von 86 Jahren einem Krebsleiden. Auf zahlreichen Nachrichtenseiten wird Hildebrandt seitdem mit Nachrufen bedacht und TV-Sender ändern ihr Programm. Erst gestern hatte Dieter Hildebrandt seine Erkrankung an Prostatakrebs öffentlich gemacht. Zudem ließ er mitteilen, dass er bereits mehrfach operiert wurde. Zwar war klar, dass der Kabarettist wohl nie wieder auf einer Bühne würde stehen können - dass sein Tod so schnell kam, schockiert nun die Öffentlichkeit. Eine der ersten offiziellen Meldungen von Hildebrandts Tod setzte "SZ"-Redakteur Oliver Das Gupta auf Twitter ab:


Eine schnelle Bestätigung kam von Störsender.tv - jenem Web-TV-Projekt, das Hildebrandt einst mitbegründete und bei dem er als eine der zentralen Figuren wirkte. Auf der Homepage des Senders sieht man derzeit ein Testbild mit der Zeile: "Spiel, Satz und Sieg für Hildebrandt. Danke, lieber Dieter, für alles." Darunter werden Wegbegleiter ermuntert, ihren ganz persönlichen Abschied von Hildebrandt zu formulieren: "Beim Nachruf des Störsenders werden Dieters Freunde zu Wort kommen und alle, die sich mit ihm freundschaftlich verbunden fühlen, weil er ihnen etwas gegeben hat." Wer mitmachen will, muss ein einfaches Webcam- oder Handy-Video bzw. eine E-Mail an nachruf@stoersender.tv schicken.

Der Rundfunk Berlin Brandenburg (siehe Statement von Intendantin Barbara Reim unten) kündigte unterdessen an, sein Programm ändern zu wollen. So werden ab 22 Uhr Hildebrandts "Lachgeschichten" dort sowie im WDR gesendet. Der Bayerische Rundfunk strahlt ab 22 Uhr diverse Hildebrandt-Poträts aus, am Donnerstag um 21 Uhr wird außerdem die BR-Sendung "Schlachthof" den verstorbenen Kabarettisten würdigen. Der SWR wird in der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag um 00.15 Uhr das Interview von Fritz Frey mit Hildebrandt senden. Der ARD-Journalist gehörte auch zu den ersten, die auf Twitter den Tod Hildebrandts betrauerten (siehe unten). Das ZDF veröffentlichte auf Youtube einen Video-Nachruf:

Weitere Reaktionen zum Tode von Dieter Hildebrandt

Andreas Platthaus bei faz.net

"Er war unermüdlich, unerbittlich und im besten Sinne unbelehrbar, obwohl er selbst durchaus belehren wollte, und zwar um jeden Preis. Dieter Hildebrandt war das personifizierte schlechte Gewissen der Nation, ein Kabarettist vom alten Schlag, der wusste, wie die Welt auszusehen hatte, aber eben nicht aussah. Aus diesem notwendigen Scheitern zieht sich das Selbstverständnis eines Zynikers, und auch das war Hildebrandt, zu unserem Glück. Mit dem neuen Komödiantentum, das die deutschen Kleinkunstbühnen in Kleinstkunst-, wenn nicht gar Keinkunstbühnen verwandelt hat, wollte Hildebrandt nichts zu tun haben. Dafür gebührt ihm großer Respekt."

Ralf Döring bei noz.de

"Dabei blieb er, so erzählen alle Menschen, die mit ihm zu tun hatten, immer ein unprätentiöser Menschenfreund. Auf der Bühne hingegen konnte er sich ereifern: Über die Konformisten und Wahrheitsverdreher, über Volksvertreter, die vor allem eigenen Interessen dienten, über eine Politik, die grundsätzliche Errungenschaften der Demokratie und unserer Gesellschaft unterhöhlten. Er hat sich dabei Gehör verschafft durch ein präzis ausgerichtetes Crescendo, blieb immer über der Gürtellinie, setzte auf die feine Spitze und nicht auf den derben Witz. Eigenschaften, wegen derer er fehlen wird."

Barbara Möller bei Welt Online

"Am Ende seiner Fernsehzeit wirkte Dieter Hildebrandt wie ein Dinosaurier. Démodé wie die Pappkulissen seines "Scheibenwischers". Aber als er weg war, vermisste man ihn augenblicklich. Weil man sah, dass keiner da war, der ihn ersetzen konnte, und weil zwischen politischem Kabarett und den heute so begeistert akklamierten Comedy-Clownerien eben Welten liegen. Es ist nicht übertrieben zu sagen, dass Dieter Hildebrandt eine Säule der alten Bundesrepublik gewesen ist. Ein Aufpasser erster Güte."

Volker Herres, Programmdirektor Erstes Deutsches Fernsehen

"Dieter Hildebrandts 'Scheibenwischer' sorgte im Ersten mehr als 20 Jahre lang für klare Sicht auf die Verhältnisse in unserer Republik. Seine große Stärke war die Improvisation: Spontan geistreich, scharfzüngig und immer originell in der Formulierung brachte er sein Publikum zum Nachdenken und zum Lachen. Dieter Hildebrandt verkörperte das politische Kabarett in Deutschland."

RBB-Intendantin Dagmar Reim

"Dieter Hildebrandt war eine Ausnahmeerscheinung - in vielerlei Hinsicht. Er ist und bleibt Vorbild für ganze Generationen politischer Kabarettisten. Er wollte aufrütteln, er ist angeeckt. Die ARD dankt ihm für 23 Jahre zündender, brillanter Scheibenwischer-Sendungen im Ersten. Seinen funkelnden Sprach- und Wortwitz liebte sein Publikum ebenso wie das gepflegte Zögern, fast Stammeln - zur Kunstform entwickelt. Bis zuletzt steckte er voll wilder Ideen, ging auf Tournee, blieb seinem Publikum nahe. Er regte uns an und sich auf. Das Wort Altersmilde kam in seinem Sprachschatz nicht vor. Dafür lieben ihn viele. Wir im RBB werden ihn nicht vergessen."

Ulrich Wilhelm, Intendant des Bayerischen Rundfunks

"Mit Dieter Hildebrandt geht ein Großmeister des Politischen Kabaretts von der Bühne. Hintergründig, scharfzüngig und niemals oberflächlich hat er das Zeitgeschehen analysiert und damit einen unschätzbaren Beitrag zur politischen Bildung in Deutschland geleistet. Wir sind sehr dankbar, dass der Bayerische Rundfunk Dieter Hildebrandt über weite Strecken seines Lebensweges begleiten durfte. Er wird uns sehr fehlen."

Till Hofmann, Lach- & Schieß Gesellschaft (via Störsender.tv)

"Dieter Hildebrandt ist heute Nacht im Kreis seiner Familie gestorben. Bis zum Schluss hatte er Pläne, hatte gekämpft und wollte sich im Dezember auf der Bühne der Münchner Lach- und Schieß Gesellschaft von seinem Publikum verabschieden. Er hätte uns noch so viel zu sagen gehabt. Wir trauern mit seiner Familie um einen wunderbaren Menschen, lieben Freund, Förderer und eine moralische Instanz."

Satiriker Oliver Kalkofe (via Facebook)

ARD-Journalist Fritz Frey (via Twitter)

Cartoonist Thomas Plaßmann (via Facebook)

Meist gelesen
stats