Nachrichtenmagazin Spiegel-Erben wollen aussteigen

Mittwoch, 15. April 2015
Jakob Augstein will "Spiegel"-Anteile verkaufen
Jakob Augstein will "Spiegel"-Anteile verkaufen
Foto: Hartmut Müller-Stauffenberg/ action press

Drei der vier Erben des „Spiegel“-Gründers Rudolf Augstein wollen dem Magazin den Rücken kehren und ihre Anteile verkaufen. Gruner + Jahr muss entscheiden, ob der Verlag die insgesamt 18 Prozent der Anteile übernimmt.

Nach HORIZONT-Informationen will sich vor allem Jakob Augstein von seinen "Spiegel"-Anteilen trennen. Auch Maria Sabine und Julian haben offenkundig wenig Interesse am Lebenswerk ihres Vaters. Unter keinen Umständen zur Debatte steht allerdings Franziska Augsteins Beteiligung. „Was immer passiert: Ich verkaufe nicht“, sagt die Redakteurin der „Süddeutschen Zeitung“ gegenüber HORIZONT. 

Gemeinsam halten die Halbgeschwister 24 Prozent am Spiegel Verlag. So hat es Rudolf Augstein, der 2002 gestorben ist, verfügt. Gruner + Jahr gehören 25,5 Prozent. Hauptgesellschafter mit 50,5 Prozent ist die Mitarbeiter KG. Wichtige Beschlüsse bedürfen einer 76-Prozent-Mehrheit. Sie wird nur erreicht, wenn G+J und die KG sich einig sind. Dieses Machtverhältnis bliebe bestehen, wer auch immer die zum Verkauf stehenden 18 Prozent übernehmen sollte. Wer aber hat ein Interesse, die Anteile zu kaufen? Und welches Signal senden die Erben mit ihrer Verkaufsabsicht aus?
Wer übernimmt die zum Verkauf stehenden "Spiegel"-Anteile?
Wer übernimmt die zum Verkauf stehenden "Spiegel"-Anteile? (Bild: Foto: Jürgen Herschelmann)
Alle Gesellschafter verfügen gleichermaßen über ein Vorkaufsrecht. Theoretisch denkbar wäre daher, dass Franziska Augstein die Familienanteile übernimmt. Dass sie das Geld dafür aufbringen könnte, sei unwahrscheinlich, räumt sie allerdings im Gespräch mit HORIZONT ein. Auch die Mitarbeiter-KG verfügt nicht über die Mittel und könnte den Kauf allenfalls über Kredite finanzieren. Mit 68,5 Prozent der Anteile hätte sie zudem nicht mehr zu sagen als jetzt. Bliebe also Gruner + Jahr.

Würde Bertelsmann seiner Tochter das Investment genehmigen? Der „Spiegel“ ist eine bundesrepublikanische Institution, eine publizistische Marke, mit der sich jedes Medienunternehmen schmücken kann. Dessen sind sich auch die Matriarchin Liz Mohn und der Konzernlenker Thomas Rabe bewusst. Gerade hat sich der Vorstandschef anlässlich der Bilanzpräsentation zu der inzwischen hundertprozentigen Tochter G+J bekannt. Zudem gilt es zu bedenken: Sollte der Spiegel-Verlag eines Tages in die roten Zahlen rutschen und die Gesellschafter Geld nachschießen müssen – Geld, das die KG nicht zu zahlen imstande wäre – hätten G+J bzw. Bertelsmann die Chance, den Verlag komplett zu übernehmen. Die zur Diskussion stehenden 18 Prozent wären also ein Zwischenschritt auf diesem Weg.
Gruner + Jahr will in den kommenden Jahren kräftig sparen (Foto: G+J)

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Wie viel würden sie kosten? Wie hoch ist der Unternehmenswert des Spiegel-Verlags? Jedenfalls geringer als mancher Brancheninsider vermutet. Nach Informationen von HORIZONT betrugen die Gewinne im vergangenen Jahr nur noch 20 Millionen Euro. Mit dem üblichen Faktor acht multipliziert, wäre das Haus für 160 Millionen Euro zu haben. Damit würde jeder der Erben weniger als zehn Millionen Euro erhalten, und auch das nur unter der Voraussetzung, dass der Käufer von stabilen, gar steigenden Erlösen ausgeht. Tatsächlich schrumpft das Geschäft. Gerade die verkaufswilligen Erben glauben nicht mehr daran, dass das Unternehmen ihres Vaters, von dem sie so viele Jahre so gut leben konnten, eine rosige Zukunft hat. Lieber wollen sie ihre Anteile versilbern, solange es noch etwas zu versilbern gibt.
Thomas Hass
Bild: Olaf Ballnus/Der Spiegel

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Bemerkenswert ist aber auch, dass Jakob Augstein als Sprecher der Erbengemeinschaft mit seinen Verkaufsabsichten der neuen Geschäftsführung und der Chefredaktion sein Misstrauen ausspricht – kaum, dass beide angetreten sind. Gerade erst beginnt an der Ericusspitze Ruhe einzukehren. Es wird dort endlich wieder über Journalismus geredet statt über Kampfstrategien. Da sowohl Chefredakteur Klaus Brinkbäumer als auch Geschäftsführer Thomas Hass interne Lösungen sind, entfällt eine längere Einarbeitungszeit. Zeit vertan wurde lange genug: erst wegen des Streits der Doppelspitze aus Georg Mascolo und Mathias Müller von Blumencron, die sich nicht über das Zusammenspiel von Print und Online einigen konnte; zuletzt, weil ihr Nachfolger Wolfgang Büchner, dem das publizistische Verständnis für den „Spiegel“ fehlte, in der Redaktion auf breite Ablehnung gestoßen war.
„Was immer passiert: Ich verkaufe nicht.“
Franziska Augstein
Für sie ist ein Verkauf kein Thema: Franziska Augstein
Für sie ist ein Verkauf kein Thema: Franziska Augstein (Bild: Alexander Hassenstein/Getty Images)
Mit den Problemen des "Spiegel" herumschlagen wollen sich die Erben offenbar nicht mehr, schon gar nicht der Künstler Julian Augstein, der mit 41 Jahren der Jüngste ist und aus Rudolf Augsteins vierter Ehe mit Giesela Stelly stammt; dasselbe gilt für Sabine Maria, Rudolf Augsteins erstes Kind, das 1949 als Stefan geboren wurde, Anwältin ist und vor wenigen Wochen für ihren jahrzehntelangen Kampf um die Rechte sexueller Minderheiten das Bundesverdienstkreuz erhalten hat. Bekannt geworden ist sie 1992, als sie für das damals erste prominente Lesbenpaar Hella von Sinnen und Cornelia Scheel vor dem Bundesverfassungsgericht für die gleichgeschlechtliche Ehe stritt, seinerzeit erfolglos.

Das Erbe loswerden will aber auch Jakob Augstein. Der 47-jährige Verleger der noch immer defizitären Wochenzeitung „Der Freitag“ hatte zuletzt vergeblich auf eine führende Position an der Spitze des Nachrichtenmagazins gehofft. Rudolf Augstein hatte ihn zum alleinvertretungsberechtigten Testamentsvollstrecker mit der maximalen Dauer von 30 Jahren bestimmt. Nun könnte die Testamentsvollstreckung bereits nach zwölf Jahren enden – vorausgesetzt, es findet sich ein Käufer für die Anteile. Doch das kann dauern.

G+J und die KG könnten sich zwar eines störenden Mitgesellschafters, als den viele Jakob Augstein empfinden, nun leicht entledigen. Sie müssten nur ihr Vorkaufsrecht nutzen. Sie können das Ganze aber auch aussitzen, indem sie jeden potenziellen Kaufinteressenten ablehnen. Dazu ermächtigt sie der Gesellschaftervertrag. Darin steht: „Alle Gesellschafter verpflichten sich weiterhin, die Geschäftsanteile – gleichgültig, zu welchem Zeitpunkt – weder direkt noch indirekt an Erwerber zu übertragen, die auch nur für einen der übrigen Gesellschafter als Mitgesellschafter nicht zumutbar sind. Die Gesellschafter sind sich darüber einig, daß hierzu derzeit die Axel Springer Verlag AG und der Heinrich Bauer Verlag gehören.“

Um es mit Franziska Augsteins Worten zu formulieren: „Man kann einem Verkauf nur zustimmen, wenn man weiß, an wen verkauft werden soll.“ us

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